Wettbewerb "Neue Stimmen"Singen mit Edda

Wie die große Sopranistin Edda Moser beim Bertelsmann-Wettbewerb "Neue Stimmen" das Kunstlied vor dem Vergessen bewahren will. von Christine Lemke-Matwey

Die gütig-strenge Lehrerin: Edda Moser

Die gütig-strenge Lehrerin: Edda Moser  |  © Arne Weychardt

Den Nachwuchs packt die schiere Angst. Die Zuhörerin würde am liebsten im Teppichboden versinken. Und die Frau Kammersängerin sieht das Abendland untergehen. Was für ein ejakulatorisches Intervall hat Robert Schumann da bloß ins dritte seiner Duette op. 34 hineinkomponiert, eine kleine Septime hinauf und gleich wieder hinunter als Ausdruck höchsten, männlichsten Verlangens, h¹ – a² – h¹. In der letzten Strophe ereignet sich das Ganze auf den Wörtlein »gewiss nicht« und bekommt, weil’s das Ende des Liedes ist, noch ein Echo hinterdreingeschickt, zwei große Sekunden und eine kleine, ebenfalls in hakeliger Lage, »gewiss nicht! gewiss nicht! gewiss nicht!«. Ist ja gut, möchte man dazwischenrufen, wir haben verstanden: Der Mann, bei Schumann Tenor, darf die Frau, Sopran, beglücken – wenigstens heimlich, besser als nichts. »Dass du’s nur keiner Seele sagst!«, haucht sie, »gewiss nicht!«, drängt er, und den Rest besorgt die Fantasie.

Immer vorausgesetzt, das mit der kleinen Septime und dem hohen A klappt einigermaßen und es wird nicht gebrüllt wie in der Oper, sondern mit lyrischer Emphase gesungen, mit Seele. Immer vorausgesetzt, es interessiert sich überhaupt ein Schwein für das »deutsche Kunstlied«, das sich wie kein anderes Genre gegen die galoppierende musikalische Globalisierung sperrt – mit Erfolg.

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Raum K5 in der Stadthalle Gütersloh. Luft, die nach später Siebziger-Jahre-Architektur und Arbeit riecht, vier junge Sänger, ein Klavier. Und Edda Moser, die besagte Kammersängerin, die Karajans Wellgunde war und vor allem als Königin der Nacht Berühmtheit erlangte. Eine patente Person, sacht ausgedrückt, mit funkelnden Pantheraugen und dem Herz auf dem rechten Fleck. Moser liebt forsche Ansagen. »Ran an den Feind!«, ruft sie oder »Nicht zu viel denken!«, wenn die Jugend vor Schubert, Schumann, Brahms und Wolf mal wieder in Zaghaftigkeit erstirbt, wenn es nicht saftig, nicht klar und schön genug klingt.

Die 74-Jährige hält mit ihrer Meinung ungern hinterm Berg. Sie hasst Anglizismen und das Regietheater, hat bei sich zu Hause mehrfach Helmut Kohl verköstigt (bevor Maike Richter in sein Leben trat, mit Tafelspitz und Spargel) und sieht den Ursprung der »Laschheit« und des galoppierenden »Mittelmaßes« selbstverständlich in 1968. Das Verschwinden des Liedes, sagt Moser, sei kein musikalisches Phänomen, sondern ein gesellschaftliches: »Wir kennen keine Sehnsucht mehr, für alles gibt es eine Erfüllungsgarantie. Das macht die Menschen flacher. Und deshalb fehlen uns heute die großen Interpreten.«

Ohne Interpreten aber kein Repertoire, ohne Repertoire kein Gedächtnis und ohne Gedächtnis keine bürgerliche Hochkultur: In Gütersloh soll dieser Teufelskreis nun durchbrochen werden. Zu diesem Zweck legt sich der internationale Gesangswettbewerb der Bertelsmann Stiftung »Neue Stimmen« zu seinem 25-jährigen Bestehen eine eigene Lied-Meisterklasse zu. Ausgewählte Persönlichkeiten des Fachs wie die österreichische Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager (2013) oder der Bariton Christian Gerhaher (2014) reichen hier in Zukunft ihr Wissen an ausgewählte Meisterschüler weiter, eine Woche lang jeweils im Oktober.

Den Anfang hat jetzt Edda Moser gemacht, und bei aller Liebesmüh lässt sich nicht feststellen, dass dem siechen Genre gleich im ersten Anlauf neue Lebensglut eingehaucht worden wäre. Das Resümee fällt durchwachsen aus: Faith Sherman aus den USA, 31, verschlug es beim Abschlusskonzert buchstäblich die Sprache, die Koreanerin Anna Sohn, 31, ruhte sich effektvoll auf ihren Spitzentönen aus, der deutsche Bariton Julian Orlishausen, ebenfalls 31, preschte durch den Erlkönig, als seien am Ende alle tot, Vater, Kind, das Pferd und der Pianist – und bei Simon Bode, 29, dem Tenor, kiekste das vermaledeite hohe A.

Strahlend schöne Stimmen haben alle vier, oder wie Bertelsmann-Chefin Liz Mohn nicht ohne mütterlichen Stolz sagt: »Aus diesen jungen Kehlen fließt pures Gold.« Jede Art von Nervosität oder Unerfahrenheit verzeiht man ihnen gern – solange die Generation Knopfdruck das, was das Leben ihr fürs Lied vorenthält, noch aus der Musik selbst zu schöpfen versteht: die Imagination wenigstens des Unerfüllten, ja Unerfüllbaren, von dem Edda Moser spricht, eine Gefühlskultur und Herzensbildung, etwas wie Innigkeit, Hingabe, Todesmut. Niemand wirft diesen Dreißigjährigen vor, dass sie nicht wie Franz Schubert fühlen, als er den Erlkönig schrieb, so wonneschauerlich und balladesk. Aber dass sie oft nicht wissen, was sie da tun, dass sie der Spannung zwischen Musik und Poesie so wenig Erotisches abgewinnen können, weil sie entweder vom Wort am Ton gehindert werden oder vom Ton am Wort oder ihnen per se die deutsche Sprache fehlt und sie deshalb nichts ahnen von Liebesleid und Liebesfreud und dem Bekenntnischarakter dieser Musik – darüber erschrickt man schon. »Den Text gibt’s dann an der Kasse«, seufzt Edda Moser nach so manchem Versuch. Vielleicht lässt sich das Lied ja weder lernen noch unterrichten?

Eine besonders fruchtbare Zeit für das Kunstlied war die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, das lässt sich schon an der langen Liste großer Interpreten studieren: von Peter Anders bis Peter Schreier, vom jungen bis zum alten Dietrich Fischer-Dieskau, von Koryphäen wie Fritz Wunderlich und Elisabeth Schwarzkopf über »Ausländer« wie Gérard Souzay, Peter Pears oder Barry McDaniel bis hin zu Christa Ludwig und Brigitte Fassbaender, die sogar ausgemachte »Männerzyklen« sangen, Schuberts Winterreise und Schöne Müllerin etwa. Das romantische Lied traf nach 1945 offenkundig einen Nerv. Das so oder so versehrte Individuum wähnte sich mit Schubert und Brahms im Elfenbeinturm sicher geborgen – und blickte doch in einen Spiegel, der keine Lügen duldete (anders als in der Oper). Heute ist das Internet unser Elfenbeinturm, und wer seiner 80-Stunden-Woche zweimal im Jahr auf eine Wellness-Farm entflieht, begegnet sich garantiert nicht mehr selbst. Auch deshalb ist die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich eine besonders unfruchtbare Phase für das Lied.

Leserkommentare
  1. wie im Kommentar 5 angemerkt, ist auch die Bemerkung: "...zwei große Sekunden und eine kleine..." falsch.
    Ein Verweis auf den Notentext findet sich in Kommentar 2.

    Antwort auf "Intervalle"
  2. Das Kunstlied hat es schwer, weil in heutigen Zeiten kein Komponist zugleich anhörbare und gute Kunstlieder schreibt.
    Da gibt es einerseits den Pop als Klangtapete, und andererseits die Katzenmusik aus dem Elfenbeinturm. Die Kunstlied-Autoren-Szene ist tot. Sänger sollten diesbezügliche Kompositionsaufträge vergeben, und die E-Musikszene muss sich von der falschen Abbiegung in die seit 100 Jahren "Neue Musik" verabschieden, wenn musikalische Qualität wieder unter die Menschen kommen soll.

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