KunstmarktDie große Anstrengung

In den deutschsprachigen Auktionshäusern stehen die wichtigen Herbstversteigerungen an: Ausgefallene Kunstwerke beleben die Konkurrenz. von Annegret Erhard

Die jüngsten Marktrekorde sind nun weidlich diskutiert, die Investitionsbereitschaft in den bei Sotheby’s und Christie’s genüsslich zelebrierten New Yorker Abendauktionen wurde gefeiert, der solide Kunstmarkt und sein endlos steigerungsfähiges Potenzial gerühmt, das Scheitern einzelner Highlights kleingeredet. Das ist schon alles richtig und recht. Doch lässt sich der Markt am allerwenigsten anhand seiner Rekorde schildern. Vielmehr sind es selbst bei den Marktführern die day sales, die dort erzielten Steigerungen, Umsatzquoten, Rückgangsmeldungen, die das aktuelle Marktgeschehen einigermaßen realistisch beschreiben. Hier geht es nicht um Millionen, es geht um Tausende, schon auch um Zigtausende. Und es gibt sehr viel mehr potenzielle Bieter, die Ergebnisse sind oft weit überraschender und durchweg aussagekräftiger.

In dieser Liga können die deutschen Auktionshäuser jederzeit mitspielen. Zeit für einen Blick auf die anstehenden Moderne-Auktionen bei Villa Grisebach in Berlin (29.11.), Lempertz in Köln (30.11.), Hauswedell & Nolte in Hamburg (7.12.), Ketterer (8.12.) sowie Karl & Faber (7.12.) in München. Die große Anstrengung gilt allerorten der Akquise. Gelingt es, Außerordentliches herbeizuschaffen und die Erwartungen der Einlieferer moderat zu halten, ist der Absatz gewiss.

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Das gilt insbesondere für ein Werk wie jenes von Otto Dix, Sonnenaufgang, bedeutungsschwanger und hoch emotional, gemalt von dem 22-Jährigen im Jahr 1913. Hier scheint sich, kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs, die Weltexplosion anzukündigen. Allerdings dürfte es weit mehr auch der damals aktuelle, expressionistisch beseelte Furor gewesen sein, der Dix zu dramatischer Symbolik inspirierte. Dass der Schicksalsweg des Gemäldes gleichsam die Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts nachzeichnet, verleiht ihm tiefer gehende Bedeutung. Es wurde 1933 aus dem Dresdner Stadtmuseum konfisziert, in den »Entartete Kunst«-Wanderausstellungen gezeigt und kam in den Besitz von Bernhard A. Boehmer, der mit enorm guten Kontakten zu den Nazigrößen den lukrativen Handel mit »entarteter« Kunst betrieb. Gleichzeitig hortete er Werke der verfemten Künstler in seinem Haus in Güstrow, handelte an den Nazis vorbei, war Freund, später Nachlassverwalter von Ernst Barlach. Ein – zierlich ausgedrückt – ambivalenter Charakter, der inzwischen auch als Retter »entarteter« Kunstwerke gilt. 1951 ersteigerte der Stuttgarter Sammler Hugo Borst das inzwischen restaurierte Werk in einer der legendären Auktionen des Stuttgarter Kunstkabinetts. Aus einer deutschen Privatsammlung eingeliefert, ist es nun bei Villa Grisebach mit 300.000 Euro geschätzt, eine Taxe, die nur als Ausgangsbasis betrachtet werden sollte.

Auch Hermann Max Pechsteins Sonnenuntergang ging einst über das Pult des Stuttgarter Kunstkabinetts. Die Küstenlandschaft, 1921 in glühenden Farben als überaus dekoratives Stimmungsbild komponiert, taxiert Villa Grisebach mit 400000 Euro. Bei 800.000 Euro – es ist das Los mit den höchsten Erwartungen des Hauses – werden Otto Muellers Zwei Mädchen aufgerufen. Der Künstler hat um 1924 wie gewohnt mit Leimfarbe auf Rupfen gemalt, was zu der unverwechselbaren schleierzart gedämpften Textur führt. Doch anders als sonst sind die beiden Mädchenakte in ein Interieur gestellt. Kein Baum, kein Strauch, kein Hinweis auf die seinem Werk sonst stets immanente Behauptung eines ewig gültigen Zusammenhangs von Mensch, Natur und Unschuld. Das Bild war seit Mitte der sechziger Jahre in Privatbesitz und letztmalig Anfang der dreißiger Jahre ausgestellt.

Ein Mueller-Aquarell mit Farbkreide in der typischen Behandlung seines unermüdlich variierten Themas (Zwei sitzende Mädchen im Gras, um 1915) bietet Karl & Faber zur Taxe von 130.000 Euro, eine Arbeit, die ebenfalls nach langer Zeit in Privatbesitz auf den Markt kommt. Gleiches gilt für das frühe Münter-Gemälde, das um 1908 entstandene Haus in Murnau. Im Ansatz noch ein wenig zaghaft, belegt es doch den von den Freunden Jawlensky und Werefkin vorgegebenen Aufbruch in einen befreiten Umgang mit Form und Farbe (Schätzpreis 130.000 Euro).

Wie es aussieht, ist das Auktionshaus Ketterer gerade dabei, sich als konkurrenzloser Münter-Spezialist zu etablieren, und die Bieter verschmähen nicht länger ihre späten Arbeiten. Erst vergangenen Monat wurde dort ein in sattem Bunt gemalter Blumenstrauß, der auf 40.000 Euro taxiert war, für 130.000 Euro weitergereicht. Entsprechend gut ist der Zulauf weiterer Münter-Werke.

Sehr bemerkenswert ist ein Werk von Heinrich Campendonk, ein um 1913 entstandenes, einwandfrei expertisiertes Ölbild (das freilich im Werkverzeichnis noch als Gouache beschrieben wird). Zwei Pferde belegt sowohl den unmittelbaren Einfluss Franz Marcs als auch die in jenen Jahren am Kubismus orientierte Komponente im Werk Campendonks (200.000 Euro). Das Bild gefiel dem Maler Georg Tappert, dem Initiator der Neuen Secession in Berlin, über dessen Nachlass es an den derzeitigen Eigentümer ging.

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