Galerist Larry Gagosian"Ich weiß nicht, was 'loyal' heißt"

Larry Gagosian ist der mächtigste Galerist der Welt – und äußerst diskret. Doch jetzt musste er reden, vor einem New Yorker Gericht. von 

Der Galerist Larry Gagosian 2009 auf einer Charity-Veranstaltung in London

Der Galerist Larry Gagosian 2009 auf einer Charity-Veranstaltung in London  |  © Tim Whitby/Getty Images For Prada

Siebeneinhalb Stunden dauerte die Vernehmung von Larry Gagosian am 4. Oktober 2012 in New York. Nur sehr selten gibt der weltweit mächtigste Galerist Interviews, erst recht mag er keine kritischen Fragen beantworten. Doch jetzt musste Gagosian, der Kunstwerke von Picasso bis Warhol, von Giacometti bis Jeff Koons verkauft, ausführlich Auskunft geben. Er wurde in einem Zivilstreit vernommen, und das Gericht hat das Protokoll nun veröffentlicht. Es ist ein rarer Einblick in die Biografie dieses Global Players, in seine Geschäftspraktiken und seinen Umgang mit Sammlern. Wie der milliardenschwere Kunsthandel der Gegenwart oft funktioniert, welche moralischen Standards vorherrschen – all das wird in diesem Gespräch verhandelt.

Das Verfahren in New York dreht sich um den Verkauf eines Bildes von Roy Lichtenstein, Girl in Mirror von 1964, ein Werk auf Metall aus einer Auflage von zehn Stück. Das Bild gehört der 93-jährigen Kunstsammlerin Jan Cowles. Ihr Sohn Charles Cowles war 2008 schwer verschuldet und übergab damals das Lichtenstein-Bild an Gagosian zum Verkauf in Kommission – ohne das Einverständnis seiner Mutter. Die Galerie kaufte dem Sohn das Bild schließlich 2009 für eine Million Dollar ab, um es wenig später einem Hedgefondsmanager für zwei Millionen Dollar weiterzuverkaufen. Dass Gagosian an dem Deal genauso viel verdienen würde wie er selbst, wusste der Sammlersohn nicht. Die Anwälte der dementen Sammlerin haben nun Gagosian verklagt: wegen mutmaßlichen Diebstahls, Betrugs und der Verletzung der Treuhänderpflicht. Gagosian verwehrt sich gegen die Vorwürfe.

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Eine Gagosian-Angestellte hatte sich in einer E-Mail offen gegen die Interessen des Verkäufers engagiert, die sie doch eigentlich vertreten sollte. Sie lockte den Hedgefondsmanager mit der Information, der Sohn der Kunstsammlerin sei in großer Not und benötige dringend Bares. Sie ermunterte den Interessenten, dem Verkäufer des Lichtenstein-Werks ein »grausames und offensives Angebot« zu unterbreiten – mit anderen Worten: dem Kunden ihrer Galerie, der sich eine möglichst hohe Verkaufssumme erhoffte, einen möglichst niedrigen Preis zu bieten. Lichtenstein-Werke aus derselben Serie waren zuvor für mehr als vier Millionen Dollar gehandelt worden.

Der Sammlersohn gab auch noch ein Gemälde des amerikanischen Malers Mark Tansey an Gagosian – ein Bild, das die Mutter eigentlich bereits dem Metropolitan Museum in New York vermacht hatte. Der Fall um das Tansey-Gemälde ist inzwischen durch einen Vergleich geklärt worden, Gagosian zahlte dem Käufer des Gemäldes 4,4 Millionen Dollar, das Gemälde ging ins Metropolitan Museum. Der Prozess über den Fall des Lichtenstein-Gemäldes wird hingegen weiter vor dem Supreme Court des Staates New York verhandelt.

Die Befragung Larry Gagosians liest sich streckenweise wie ein Kammerspiel, die gegnerischen Anwälte beharkten sich immer wieder heftig. Wenn Gagosian »4,5« sagt, meint er 4,5 Millionen Dollar; seine Antwort auch auf Fragen zu alltäglichen Geschäftsabläufen in seiner eigenen Galerie, zu den Namen von seinen persönlichen Sekretären, zum Umgang mit beschädigten Kunstwerken lautet sehr oft: »Das weiß ich nicht.« Bei der Vernehmung war nur eine Notarin anwesend, nicht der Richter. David Baum, Anwalt der Kunstsammlerin, stellte die Fragen; Hollis Gonerka Bart, die Anwältin von Larry Gagosian, sprang ihrem Mandanten bei vielen Fragen mit dem Ausruf »Objection!« (Einspruch!) bei. Sie verhinderte auch, dass Gagosian Aussagen zu seinem sagenhaften Vermögen und Einkommen machte. Doch die meisten Fragen musste der mächtige Galerist beantworten. Eine kleine Auswahl:

David Baum: Können Sie bitte Ihren vollen Namen nennen?

Larry Gagosian: Larry Gagosian. (...)

Baum: Können Sie mir kurz von Ihrer Ausbildung erzählen?

Gagosian: Na ja, ich ging auf öffentliche Schulen in Los Angeles. (...)

Baum: Können Sie mir erzählen, was Sie nach dem College gemacht haben? Wie haben Sie Ihren Unterhalt bestritten?

Gagosian: Ich habe von Gelegenheitsarbeiten gelebt.

Baum: Was heißt das?

Gagosian: Ich habe in einem Plattenladen gearbeitet. Ich habe in einer Buchhandlung gearbeitet. Ich habe Lebensmittel im Supermarkt eingepackt. Ich habe Jobs gemacht, für die man nicht wirklich einen College-Abschluss brauchte.

Leserkommentare
  1. dass das so abläuft. Aber es ist trotzdem sehr schön es einmal so klar zu lesen. Danke.

    Eine Leserempfehlung
    • OVO
    • 23. November 2012 12:21 Uhr

    Herr Gagosian ist nach meinem Verständnis kein Galerist sondern An- und Verkäufer. Kunsthändler. Ein guter Verkäufer wie oben beschrieben. Gewissermaßen Gebrauchtbilderhändler in der Kategorie Rolls Royce.

    Herr Gagosian hat zeitlebens keine Künstler entdeckt. Er hat sich immer an schon erfolgreiche oder gesicherte Positionen gehängt.

    Der Begriff Galerie beinhaltet für mich auch Galerienarbeit, einen Künstler entdecken, in ihn investieren (nicht nur Geld). Der Begriff Galerie sollte strenger vom Kunsthandel getrennt werden.

    • iotop
    • 23. November 2012 14:54 Uhr

    Da ist ein verschuldeter Nichtnutz einer wohlhabenden Greisin, der zu einem ehemaligen Regalpacker geht um gestohlene Bilder an einen investitionsgeilen Finanzjongleur schnell zu verhökern. Alle drei glauben sogar ein exzellentes Geschäft gemacht zu haben, bis der Dieb begreift, er wurde, Mensch, aber so was!, bestohlen. Was hat´s mit der Kunst zu tun? Leider hat sich die globalisierte Geld-Elite über die Kunst als das neuzeitige Zahlungsmittel geeinigt. Selbst der Gerhard Richter hat über die Auktionspreise für seine Werke kaum anderes als Befremden zu äußern.

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