Fußball im LibanonIm Libanon schießt man auch auf Tore

Der Fußball bietet den Libanesen eine seltene Chance: Sie können sich als Nation erleben. Das ist viel in gefährlichen Zeiten von 

Libanons Fußballfans während der 0:1-Niederlage im WM-Qualifikationsspiel gegen Katar

Libanons Fußballfans während der 0:1-Niederlage im WM-Qualifikationsspiel gegen Katar  |  © Karim Jaafar/AFP/Getty Images

Theo Bücker streicht mit der Handfläche über die grünen Silikonhalme und verzieht das Gesicht. Naturgras wäre ihm lieber, aber bei der Partei Gottes spielt man auf Kunstrasen. Für das Nachmittagstraining der libanesischen Nationalmannschaft war nur noch der Sportplatz von Al-Ahed frei, und Bücker nimmt, was er kriegen kann. Hinter dem Sportplatz ragen zwei Wachtürme empor, dazwischen erkennt man eine Hängebrücke. »Da«, sagt Bücker, »trainieren die anderen Jungs.« Nicht Fußball, sondern den echten Kampf. Die anderen Jungs, das sind die Milizionäre von Hisbollah, zu Deutsch: Partei Gottes.

Für die USA und Israel ist Hisbollah eine schiitische Terrororganisation, ein Waffenbruder des Iran und des syrischen Regimes. Für viele Schiiten ist Hisbollah Befreiungsbewegung und Wohlfahrtsverband. Für Fußballfans ist sie Sponsor von Al-Ahed, dem mehrfachen Landesmeister, der mehrere Nationalspieler stellt. Bücker kennt sie gut. Er war Trainer bei Al-Ahed, bevor er die Nationalmannschaft übernahm, mit der er sich für die nächste Weltmeisterschaft qualifizieren will.

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Eigentlich hat der Libanon derzeit andere Sorgen als die WM-Teilnahme 2014 in Brasilien. Der große Nachbar Syrien versinkt in einem Krieg zwischen dem alawitischen Assad-Regime und sunnitischen Aufständischen, der auch die angrenzenden Länder bedroht. Libanon, zwischen 1975 und 1990 durch einen konfessionellen Bürgerkrieg zerrüttet, gilt als besonders gefährdet. Als am 19. Oktober eine Autobombe in Beirut den Geheimdienstchef Wissam al-Hassan und sieben weitere Menschen in den Tod riss, sahen viele schon das nächste Schlachtfeld voraus.

Doch die Lage blieb stabil, jedenfalls im größten Teil des Landes. Befragt man libanesische Kommentatoren dazu, so versichern sie, dass niemand, auch nicht Hisbollah, einen neuen Krieg auf eigenem Territorium wolle. Fragt man Theo Bücker, so sind die Libanesen gerade dabei, ihr Sektierertum zu überwinden und sich der Begeisterung für den Fußball hinzugeben. Was, zugegeben, zunächst absurd klingt. Politisch wie sportlich.

Libanons Nationalteam hat in seiner Geschichte deutlich mehr Skandale und Niederlagen eingesteckt als Siege und Pokale eingefahren. In der Fifa-Rangliste war das Land zuletzt auf Platz 178 abgerutscht. Den Tiefpunkt erreichte die Mannschaft 2011, als sie in einem Freundschaftsspiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate sechs Gegentreffer kassierte, darunter einen Elfmeter, den der Schütze mit der Hacke ins Tor schob. Eine Demütigung, auf YouTube verewigt, die kurz darauf von einer 0:2-Niederlage gegen Bangladesh überboten wurde.

Dann kam Bücker.

Theo Bücker, 64 Jahre alt, gebürtiger Sauerländer, spielte früher im Mittelfeld bei Borussia Dortmund und Schalke 04. Seit über zwanzig Jahren arbeitet er als Trainer im Ausland, hat Teams in Saudi-Arabien, Ägypten, Kuwait und Libyen trainiert. Bücker kann einem sehr detailliert die Auswirkungen des Fastenmonats Ramadan auf die Pulsfrequenz seiner Spieler darlegen. Und er kennt sich gut aus mit den religiös-politischen Bruchstellen in arabischen Ländern, die auch die Fußballstadien durchziehen.

Mal brüllen sunnitische gegen schiitische Fans, mal Christen gegen Muslime, mal geraten regimetreue Ultras mit regimefeindlichen Ultras aneinander. Nicht schön, aber relativ übersichtlich. Bis auf das Land, das Bücker am meisten liebt, was vor allem mit seiner Ehefrau, einer Beiruter Zahnärztin, zu tun hat: Libanon.

»18 offiziell anerkannte Religionsgruppen«, sagt er und schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Das muss man sich mal reinziehen. Und die wollen alle was abhaben.« Auch vom Fußball.

In einem Land, halb so groß wie Hessen, leben schiitische Muslime, maronitische Christen, Drusen, sunnitische Muslime, drei verschiedene Gruppen von Katholiken, armenisch-apostolische Orthodoxe, Alawiten, Protestanten – um nur die wichtigsten zu nennen. Kleine Staaten im Staat, oft mit eigenem Rechtssystem. Keine nationale Identität, sondern ein Proporzsystem hielt das Land zusammen. Das funktionierte lange leidlich gut und brachte dem Land den Spitznamen »Schweiz des Nahen Ostens« ein. 

Dann griffen die Konflikte der Region auf das Land über. 1975 begann, mit angefacht durch die massive Präsenz der PLO, ein konfessioneller Konflikt zwischen christlichen und muslimischen Fraktionen. Er endete 1990 mit 120.000 Toten, religiös homogenen Kantonen und einem Abkommen, das das Proporzsystem zugunsten der Muslime neu austarierte. Der Präsident muss ein maronitischer Christ sein, der Premierminister ein sunnitischer, der Parlamentssprecher ein schiitischer Muslim. Die Parlamentssitze sind ebenso konfessionell quotiert wie die Führungspositionen bei den Sicherheitskräften.

Im nationalen Fußballverband gilt das gleiche System, nur in anderer Reihenfolge. Der Präsident, sagt Bücker, »ist Schiit, der Vize ein Sunnit, der Generalsekretär Druse.« Auch die Liga-Vereine, allen voran die Beiruter Clubs, sind konfessionell sortiert. Der aktuelle Tabellenführer Al-Nedschmeh gehört zum Geschäftsimperium der Hariris, der sunnitischen Familie des 2005 ermordeten Premierministers. Racing Beirut ist das Team der orthodoxen Christen, Safa Beirut läuft für die Drusen auf, Al-Ahed für Hisbollah. Die Ränge aber blieben lange leer. Um Krawalle zu verhindern, durften vier Jahre lang keine Zuschauer in die Stadien.

Keine idealen Voraussetzungen, um eine demoralisierte Nationalmannschaft wieder aufzurichten. Bücker führte die Institution des Trainingslagers ein, predigte gesunde Ernährung, schnelleres Passspiel, ersetzte den molligen Keeper des Drusen-Clubs Safa Beirut und holte Talente und Profis, die im Ausland unter Vertrag stehen. Plötzlich gewann der Libanon wieder, die Zuschauerränge füllten sich bei Heimspielen. Am 11. September 2012 – der Rest der Welt war gerade mit militanten Protesten gegen ein amerikanisches Anti-Islam-Video beschäftigt – wurde Libanons kleines Fußballwunder gewissermaßen amtlich: Bückers Team gewann das Qualifikationsspiel gegen den hoch favorisierten Iran mit 1:0. Ein völlig neues Gefühl schwappte durch das Land: Nationalstolz.

Man feierte in Kneipen, Cafés und Teestuben, immer noch konfessionell segregiert, aber immerhin aus demselben Grund. Sogar Anhänger von Hisbollah freuten sich über die Niederlage des großen Bruders in Teheran. »Der Libanese«, sagt Bücker, empfinde eine tiefe Liebe zum Fußball. Die müsse man nur wachhalten, dann sei sie am Ende größer als die Macht von Politik oder Religion. Im ganzen Land.

Im ganzen Land?

Die Autofahrt von Beirut nach Tripoli dauert eine knappe Stunde. Am Ortseingang passiert man erst das Stadion, dann die Checkpoints der libanesischen Armee, ausgestattet mit Sandsäcken, Stacheldraht und Panzerfahrzeugen. In der zweitgrößten Stadt des Libanon, unweit der Grenze zu Syrien, landen viele Flüchtlinge und Deserteure der syrischen Armee, hier werden verwundete Aufständische in den Krankenhäusern behandelt. Und genau hier, im Stadtviertel Jebel Mohsen, dessen verschmutzte Häuser sich an einen Hügel drängen, hat sich Libanons alawitische Minderheit verschanzt, belagert von ihren sunnitischen Nachbarn im Stadtteil Bab al-Tabbaneh.

Von den Alawiten auf dem Hügel möchte niemand mit einer deutschen Journalistin reden, die europäische Presse zählt dort zur feindlichen Einheitsfront gegen Baschar al-Assad, ihren Schutzherren. Dafür sind die Sunniten gesprächig.

Theo Bücker, der Trainer des Libanon

Theo Bücker, der Trainer des Libanon  |  © Karim Jaafar/AFP/Getty Images

»Erst heute morgen haben sie wieder auf uns geschossen, als wir einen unserer Märtyrer zu Grabe trugen«, sagt Scheich Walid Tabusch, ein kleiner Mann mit mächtigem Bauch und langem Bart, eine Autoritätsfigur in Tabbaneh. Seinen Kaffee trinkt er direkt auf der Demarkationslinie, die Syria Street heißt. »Wir leben hier schon ewig«, sagt er. »Die da oben sind erst später gekommen.« Die da oben kamen Anfang der vierziger Jahre, noch vor der Unabhängigkeit des Libanon, und vertrugen sich mit ihren Nachbarn lange gut genug, um gemischte Familien und Geschäfte zu gründen.

Dann kam der Bürgerkrieg, seither gelten die Alawiten aus Jebel Mohsen als verlängerter Arm von Damaskus und als Partner Hisbollahs. In Bab al-Tabbaneh liebäugeln sie immer wieder mit der Erstürmung des Hügels. Aber wer gut bewaffnet oben sitzt, kann besser nach unten schießen, wie teils faustgroße Einschusslöcher in den Häuserwänden der Syria Street zeigen. Die Alawiten beziehen Waffennachschub aus Damaskus, die Sunniten aus Saudi-Arabien, weswegen der saudische König Abdullah hier von zahlreichen Plakatwänden lächelt.

Die letzte Kampfrunde liegt wenige Wochen zurück. Am 19. Oktober, unmittelbar nach der Nachricht vom Mord an Wissam al-Hassan, hätten die Alawiten in Jebel Mohsen laut gejubelt und Feuerwerk gezündet. »Das konnten wir nicht hinnehmen«, sagt der Scheich. Zwölf Tote waren die Folge, darunter ein neunjähriges Mädchen, erschossen von einem Scharfschützen auf der Syria Street.

Wie lange soll das noch gehen? Bab al-Tabbaneh gegen Jebel Mohsen, Sunniten gegen Alawiten?

»Bis Assad gestürzt ist«, sagt der Scheich, »und der Iran in die Knie gezwungen ist.«

Wäre es da nicht praktisch, die USA und Israel würden den Iran angreifen?

Der Bauch des Scheichs wölbt sich unter einem tiefen, langen Atemzug, dann folgt ein Wortschwall auf Arabisch, der den Übersetzer ins Schleudern bringt. »Also, er hat gesagt, ein Bombardement der USA wolle er lieber nicht, von Israel hat er nicht geredet, aber dann meint er wieder, der Feind seines Feindes sei sein Freund. Jedenfalls für gewisse Zeit.«

Um die Stimmung wieder aufzuhellen, lenkt man das Thema auf die versöhnende Kraft des Fußballs, aber das entgeistert Sheikh Walid noch mehr. »Fußball ändert überhaupt nichts. Fußball interessiert mich nicht.« Tripolis Vereinsszene wird dem Lager des prosyrischen Premierministers Nadschib Miqati zugerechnet. Bei Ligaspielen verlieren sich kaum Zuschauer im örtlichen Stadion, dessen Bausubstanz ohnehin ziemlich gelitten hat, seit die Armee es als Stützpunkt nutzt.

Zurück in Beirut, ist der Schatten des syrischen Krieges verflogen wie ein schlechter Traum. In der Innenstadt glitzern Bürotürme und neue Hotels, an der Corniche, der Strandpromenade, flanieren Familien, Teenager fotografieren sich gegenseitig mit Victory-Zeichen vor Motorjachten, die Namen wie Thanx Daddy III tragen. Unweit der Corniche haben sich Bücker und das Team zum Trainingslager in einem Hotel einquartiert. Jemand hat Bücker erzählt, dass die libanesische Diaspora in Brasilien fünf Millionen Dollar gesammelt habe, damit das Team während der WM anständig versorgt werde. Langsam wird ihm das Ganze etwas unheimlich. Womöglich, sagt er, käme ein Erfolg der Qualifikation zu früh. Das Land wäre im Jubeltaumel, besoffen von der neu entdeckten Liebe zum Fußball »und wir werden in Brasilien schon in der Gruppenphase zerpflückt. Und dann?«

Dann müssen die Fans wieder ihre Clubs anfeuern.

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Leserkommentare
  1. ...können die Libanesen EIN Volk sein. Hoffentlich lernen sie es auch irgendwann in puncto Politik -> Das (wirtschaftliche) Interesse des Staates muss vor dem der Religion stehen!

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