Fußball im LibanonIm Libanon schießt man auch auf Tore
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Die Macht von Fußball

In einem Land, halb so groß wie Hessen, leben schiitische Muslime, maronitische Christen, Drusen, sunnitische Muslime, drei verschiedene Gruppen von Katholiken, armenisch-apostolische Orthodoxe, Alawiten, Protestanten – um nur die wichtigsten zu nennen. Kleine Staaten im Staat, oft mit eigenem Rechtssystem. Keine nationale Identität, sondern ein Proporzsystem hielt das Land zusammen. Das funktionierte lange leidlich gut und brachte dem Land den Spitznamen »Schweiz des Nahen Ostens« ein. 

Dann griffen die Konflikte der Region auf das Land über. 1975 begann, mit angefacht durch die massive Präsenz der PLO, ein konfessioneller Konflikt zwischen christlichen und muslimischen Fraktionen. Er endete 1990 mit 120.000 Toten, religiös homogenen Kantonen und einem Abkommen, das das Proporzsystem zugunsten der Muslime neu austarierte. Der Präsident muss ein maronitischer Christ sein, der Premierminister ein sunnitischer, der Parlamentssprecher ein schiitischer Muslim. Die Parlamentssitze sind ebenso konfessionell quotiert wie die Führungspositionen bei den Sicherheitskräften.

Im nationalen Fußballverband gilt das gleiche System, nur in anderer Reihenfolge. Der Präsident, sagt Bücker, »ist Schiit, der Vize ein Sunnit, der Generalsekretär Druse.« Auch die Liga-Vereine, allen voran die Beiruter Clubs, sind konfessionell sortiert. Der aktuelle Tabellenführer Al-Nedschmeh gehört zum Geschäftsimperium der Hariris, der sunnitischen Familie des 2005 ermordeten Premierministers. Racing Beirut ist das Team der orthodoxen Christen, Safa Beirut läuft für die Drusen auf, Al-Ahed für Hisbollah. Die Ränge aber blieben lange leer. Um Krawalle zu verhindern, durften vier Jahre lang keine Zuschauer in die Stadien.

Keine idealen Voraussetzungen, um eine demoralisierte Nationalmannschaft wieder aufzurichten. Bücker führte die Institution des Trainingslagers ein, predigte gesunde Ernährung, schnelleres Passspiel, ersetzte den molligen Keeper des Drusen-Clubs Safa Beirut und holte Talente und Profis, die im Ausland unter Vertrag stehen. Plötzlich gewann der Libanon wieder, die Zuschauerränge füllten sich bei Heimspielen. Am 11. September 2012 – der Rest der Welt war gerade mit militanten Protesten gegen ein amerikanisches Anti-Islam-Video beschäftigt – wurde Libanons kleines Fußballwunder gewissermaßen amtlich: Bückers Team gewann das Qualifikationsspiel gegen den hoch favorisierten Iran mit 1:0. Ein völlig neues Gefühl schwappte durch das Land: Nationalstolz.

Man feierte in Kneipen, Cafés und Teestuben, immer noch konfessionell segregiert, aber immerhin aus demselben Grund. Sogar Anhänger von Hisbollah freuten sich über die Niederlage des großen Bruders in Teheran. »Der Libanese«, sagt Bücker, empfinde eine tiefe Liebe zum Fußball. Die müsse man nur wachhalten, dann sei sie am Ende größer als die Macht von Politik oder Religion. Im ganzen Land.

Im ganzen Land?

Die Autofahrt von Beirut nach Tripoli dauert eine knappe Stunde. Am Ortseingang passiert man erst das Stadion, dann die Checkpoints der libanesischen Armee, ausgestattet mit Sandsäcken, Stacheldraht und Panzerfahrzeugen. In der zweitgrößten Stadt des Libanon, unweit der Grenze zu Syrien, landen viele Flüchtlinge und Deserteure der syrischen Armee, hier werden verwundete Aufständische in den Krankenhäusern behandelt. Und genau hier, im Stadtviertel Jebel Mohsen, dessen verschmutzte Häuser sich an einen Hügel drängen, hat sich Libanons alawitische Minderheit verschanzt, belagert von ihren sunnitischen Nachbarn im Stadtteil Bab al-Tabbaneh.

Von den Alawiten auf dem Hügel möchte niemand mit einer deutschen Journalistin reden, die europäische Presse zählt dort zur feindlichen Einheitsfront gegen Baschar al-Assad, ihren Schutzherren. Dafür sind die Sunniten gesprächig.

Leserkommentare
  1. ...können die Libanesen EIN Volk sein. Hoffentlich lernen sie es auch irgendwann in puncto Politik -> Das (wirtschaftliche) Interesse des Staates muss vor dem der Religion stehen!

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