Fußball im LibanonIm Libanon schießt man auch auf Tore
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Die libanesische Diaspora in Brasilien hat fünf Millionen Dollar gesammelt

Theo Bücker, der Trainer des Libanon

Theo Bücker, der Trainer des Libanon  |  © Karim Jaafar/AFP/Getty Images

»Erst heute morgen haben sie wieder auf uns geschossen, als wir einen unserer Märtyrer zu Grabe trugen«, sagt Scheich Walid Tabusch, ein kleiner Mann mit mächtigem Bauch und langem Bart, eine Autoritätsfigur in Tabbaneh. Seinen Kaffee trinkt er direkt auf der Demarkationslinie, die Syria Street heißt. »Wir leben hier schon ewig«, sagt er. »Die da oben sind erst später gekommen.« Die da oben kamen Anfang der vierziger Jahre, noch vor der Unabhängigkeit des Libanon, und vertrugen sich mit ihren Nachbarn lange gut genug, um gemischte Familien und Geschäfte zu gründen.

Dann kam der Bürgerkrieg, seither gelten die Alawiten aus Jebel Mohsen als verlängerter Arm von Damaskus und als Partner Hisbollahs. In Bab al-Tabbaneh liebäugeln sie immer wieder mit der Erstürmung des Hügels. Aber wer gut bewaffnet oben sitzt, kann besser nach unten schießen, wie teils faustgroße Einschusslöcher in den Häuserwänden der Syria Street zeigen. Die Alawiten beziehen Waffennachschub aus Damaskus, die Sunniten aus Saudi-Arabien, weswegen der saudische König Abdullah hier von zahlreichen Plakatwänden lächelt.

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Die letzte Kampfrunde liegt wenige Wochen zurück. Am 19. Oktober, unmittelbar nach der Nachricht vom Mord an Wissam al-Hassan, hätten die Alawiten in Jebel Mohsen laut gejubelt und Feuerwerk gezündet. »Das konnten wir nicht hinnehmen«, sagt der Scheich. Zwölf Tote waren die Folge, darunter ein neunjähriges Mädchen, erschossen von einem Scharfschützen auf der Syria Street.

Wie lange soll das noch gehen? Bab al-Tabbaneh gegen Jebel Mohsen, Sunniten gegen Alawiten?

»Bis Assad gestürzt ist«, sagt der Scheich, »und der Iran in die Knie gezwungen ist.«

Wäre es da nicht praktisch, die USA und Israel würden den Iran angreifen?

Der Bauch des Scheichs wölbt sich unter einem tiefen, langen Atemzug, dann folgt ein Wortschwall auf Arabisch, der den Übersetzer ins Schleudern bringt. »Also, er hat gesagt, ein Bombardement der USA wolle er lieber nicht, von Israel hat er nicht geredet, aber dann meint er wieder, der Feind seines Feindes sei sein Freund. Jedenfalls für gewisse Zeit.«

Um die Stimmung wieder aufzuhellen, lenkt man das Thema auf die versöhnende Kraft des Fußballs, aber das entgeistert Sheikh Walid noch mehr. »Fußball ändert überhaupt nichts. Fußball interessiert mich nicht.« Tripolis Vereinsszene wird dem Lager des prosyrischen Premierministers Nadschib Miqati zugerechnet. Bei Ligaspielen verlieren sich kaum Zuschauer im örtlichen Stadion, dessen Bausubstanz ohnehin ziemlich gelitten hat, seit die Armee es als Stützpunkt nutzt.

Zurück in Beirut, ist der Schatten des syrischen Krieges verflogen wie ein schlechter Traum. In der Innenstadt glitzern Bürotürme und neue Hotels, an der Corniche, der Strandpromenade, flanieren Familien, Teenager fotografieren sich gegenseitig mit Victory-Zeichen vor Motorjachten, die Namen wie Thanx Daddy III tragen. Unweit der Corniche haben sich Bücker und das Team zum Trainingslager in einem Hotel einquartiert. Jemand hat Bücker erzählt, dass die libanesische Diaspora in Brasilien fünf Millionen Dollar gesammelt habe, damit das Team während der WM anständig versorgt werde. Langsam wird ihm das Ganze etwas unheimlich. Womöglich, sagt er, käme ein Erfolg der Qualifikation zu früh. Das Land wäre im Jubeltaumel, besoffen von der neu entdeckten Liebe zum Fußball »und wir werden in Brasilien schon in der Gruppenphase zerpflückt. Und dann?«

Dann müssen die Fans wieder ihre Clubs anfeuern.

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Leserkommentare
  1. ...können die Libanesen EIN Volk sein. Hoffentlich lernen sie es auch irgendwann in puncto Politik -> Das (wirtschaftliche) Interesse des Staates muss vor dem der Religion stehen!

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