Mit den Gedichten von Durs Grünbein ist das immer so eine Sache: Zu viel davon, und man fühlt sich wie nach einem Besuch beim Griechen um die Ecke, wo man die gemischte Grillplatte für zwei Personen verzehrt hat – allerdings allein. Schwer liegen die lyrischen Kalorienbomben im Magen, dazu kommt ein leicht papierner Nachgeschmack. Gegen das Sodbrennen hilft eigentlich nur eine lakonische Zeile von Günter Eich: »Zuviel Abendland, verdächtig.«

Auch in seinem neuen Band tischt der vielfach preisgekrönte Grünbein gehörig auf: 116 Gedichte auf 226 Seiten, wahrlich ein »Koloss«, wie ihn der Titel verspricht. Die sieben Kapitel, so erklärt es der Klappentext, sollen die Abteilungen einer »großen Ausstellung« sein, denn für Grünbein seien Gedichte »imaginäre Gemälde, aber Gemälde in Aktion«. Was genau das heißen soll, bleibt freilich genauso rätselhaft wie die Kriterien, nach denen die sieben Säle sortiert sind. Chronologisch? Vielleicht, aber Museumsschildchen mit den Entstehungsjahren fehlen. Thematisch? Kaum. Ob Kindheitserinnerung oder Seestück, Gelegenheitsgedicht oder Bildbeschreibung, Naturbeobachtung oder Großstadtimpression – eigentlich gibt es alles überall. Formal? Nun ja, die durchgängige Großschreibung am Zeilenanfang findet sich in jedem Text, sie betont Enjambements und beharrt auf der Eigenheit, der Einzigartigkeit jedes Verses. Auch die Liebe zum Rhythmus, dazu der lässige Rückgriff auf das gesamte traditionelle lyrische Arsenal prägt jede Seite.

Kein nachvollziehbares System also, aber auf der Ebene des einzelnen Textes hat zunächst alles seine Ordnung. Kein zeitgenössischer deutscher Lyriker handhabt ja das Dichterbesteck so souverän wie Grünbein; er hat seinen Rilke, seinen Benn, seine Expressionisten offenbar verschlungen – so sehr, dass er mitunter wirkt wie der Bauchredner dieser fernen Zeit, als alles in der Lyrik noch tollkühn und neu sein konnte. Mal lugen aus dem wogenden Sprachstrom lupenreine Alexandriner hervor, mal präsentiert er eine Ansicht des modernen Berlin in einer romantischen Strophenform, die schon Justinus Kerner liebte. Er serviert kreuzgereimte Rhabarbergedichte, Knittelverse über Höhlenmenschen und sogar ein Experiment In malayischer Form, bei dem die zweite Zeile jeder Strophe am Anfang der folgenden wortgleich wiederholt wird. Und wo ein Reim zu viel des Guten wäre, tut’s auch eine Assonanz, das hat der Dichter beim Rapper gelernt. Seht her, ich kann’s!, sagen all diese Texte. Sie funktionieren noch, die schönen alten Dinge!

Doch der Grat zwischen Virtuosität und Manieriertheit ist schmal. Es ist noch nicht automatisch Lyrik, wenn die Satzstellung ein bisschen aufgemischt wird oder Substantive zu Adjektiven mutieren. Die »mondene Ruhe« ist Poesiealbum statt Poesie, genauso gestelzt wie »jener Adorant der femininen Stille«. Damit ist der Maler Vermeer gemeint – aber ist die Stille wirklich feminin, nur weil die Frauen auf seinen Bildern nichts sagen? Auch viele Assonanzen wirken gesucht (»Tabula rasa auf gemeinem Rasen«), manche Alliterationen unfreiwillig komisch (»Radau aus Reflexion und Refraktion. So retardiert der Raum«). Das Einstreuen sperriger Fremdwörter ist geradezu eine Marotte: Paroxysmen, Populationen, Phylogenese, Fixativ, Epitheta, Krustazeen, odios, anaklastisch... Dahinter mag das Bemühen stehen, den ganzen Reichtum der Sprache vorzuführen. Doch oft genug wirkt die Wortklauberei nur besserwisserisch, eine überkonstruierte Angeberlyrik, in der selbst der Specht am Eichenstamm ein Schüler des Zenon von Elea und jedes Krustentier ein Vorsokratiker ist.

Ganz sicher, ob ihm bei seinen bildungsbürgerlichen Etüden noch jemand folgt, scheint sich der Dichter indes nicht zu sein. Weshalb sich manche seiner Verse lesen wie Wikipedia-Einträge, mit Zeilensprüngen zu Lyrik aufgepimpt: »Am Konstantinsforum die verstümmelte Säule aus Porphyr / Ist das Zeichen der Gründung. Mit ihr beginnt Nova Roma – / Die Stadt, die ein Weltreich regierte, Byzantium als Byzanz.« Schönen Dank auch für so viel Volkshochschule! Ganz ähnlich funktioniert das Modell Fußnote mit Quellenangabe: »Schließlich war die Seele, nach Hume, nichts als ein Strom / Einzelner Daten«. Mitunter werden weiterführende Lektürehinweise und Erklärungen auch in Klammern nachgeliefert: »Fehlt nicht viel, und du wirst (s. Marsyas) vom Fleisch geschält / Mit rauhem Handschuh (kese).« Wohlwollend könnte man darin vielleicht sogar eine Prise Selbstironie des viel gerühmten Götterlieblings vermuten – wenn es ihm mit allem anderen in diesem Band (sich selbst, seiner Heimat Berlin, den Göttern und Gelehrten) nicht so bitterernst wäre. Nie lässt er locker, mit immer neuen, tiefen Fragen versucht er den Leser in seine einsamen Reflexionshöhen zu locken: Und was heißt Substanz? Sah so die Avantgarde aus? Ein Pfirsich, was ist das, als Objekt, an und für sich? Was ist Gewissheit dann, Gelegenheit, Balance? Woher nur, wohin? Natürlich ist all das bkloß rhetorisch gemeint, auf jedes Fragezeichen folgt verlässlich eine Antwort, Aufklärung, Schulmeisterei.

Es steckt etwas Selbstgefälliges in all diesen Versen. Das autobiografische Rauchen verboten (ein lyrisches Ich im strengen Sinn gibt es in keinem der Texte, es versteckt sich meist hinter dem überpersönlichen, verallgemeinernden »man«) erinnert an Kindertage vor den Toren der russischen Kaserne in Hellerau und nennt sie »Mein Concord, Zarskoje, mein Tübinger Stift« – das also ist die Reihe, in der Grünbein sich sieht: Thoreau, Puschkin, Hölderlin. Ein solcher Meister hat nur bedeutende Momente: »Wenn am Nachmittag die Phasen des Schweigens / Länger werden als im Winter die Schatten / Kommt die Idee des Stillebens auf.« Mag ja sein, dass bei Grünbeins daheim im Dunkeln viel gedacht wird, aber die überpersönliche Ausschließlichkeit, mit der diese Gehirnakrobatik daherkommt, hat etwas herablassend Elitäres. Der Dichter ist hier noch einmal der vor allen anderen ausgezeichnete Seher, den die Eule der Weisheit erleuchtet. Darum bittet er den mythischen Vogel gleich im ersten Gedicht, Interieur mit Eule I: »öffne die Augen. / Tier auf der Tetadrachme aus Attika, hilf.« All die Texte bis zum finalen Interieur mit Eule II, mit dem sich alles aufs Schönste rundet, dienen als Beleg, dass der Rufer erhört wurde: Er hat gesehen und das Gesehene ins Wort überführt – die einzige Möglichkeit, bei all den Zufälligkeiten einer modernen Existenz sich seiner selbst zu vergewissern und den Kopf oben zu behalten.

Der Fixpunkt dieser Selbstvergewisserung ist – wie stets bei Grünbein – auch in diesen Gedichten die griechisch-römische Antike. Gegen die besinnungslose Zukunftseuphorie im Treibsand der Gegenwart setzt er auf den bildungssatten Blick zurück – da weiß das spurlos vergehende Ich zu Lebzeiten wenigstens, woran es ist. »Illyrien lebt«, und sei es in der Repertoirevorstellung des renovierungsbedürftigen Opernhauses. Natürlich macht der Dichter sich keine Illusionen, dass die Welt, in der er Orientierung sucht, dem Untergang geweiht ist: »Was gestern / Noch Klassik war, Klima auf griechischen Inseln, / Ist heute Krise, morgen schon Kirmes mit Knallbonbons.« Und doch führt das Titelgedicht in einer Art lyrischen Reportage programmatisch hinaus auf die Ägäis, nach Naxos, »Ariadnes Insel«. Homers weindunkle See ist zwar ein »trüber Sud« geworden, die Rüstungen der antiken Helden sind versunken, und die moderne Sparversion des Götterboten trägt Baseballkappe und falsche Zähne. Doch noch immer ist dies die Weltgegend der großen Visionen, in der die Dinge mehr sind, als sie scheinen.

Was aber genau es da draußen, auf dem Meer, in der Vergangenheit, für die Gegenwart zu lernen geben soll, bleibt seltsam vage. Der Koloss des Titels entzieht sich, »das Ding war weg, vom Dunst verschluckt«. Übrig bleibt bestenfalls die Binsenweisheit, dass in den archaischen Tragödien schon die Wahrheit über unsere Zeit steckt: »brutale Antike / (Die immer weitergeht mit jedem der schwelenden Kriege)«. Zugleich schimmert durch manche Zeilen auch das Bedauern darüber, dass die Zeit für Helden antiken Ausmaßes vorbei ist: »Jeder geht nun für sich, ungestört, ungetröstet / In seiner Ecke des Universums im Zentrum. / Interessant ist der Gleichmut: Auch nach dem Tod / Des seltenen Helden fahren Züge nach Fahrplan«.

Und irgendwann, nach all den eleganten Stillleben mit Amphoren und Degenfischen, all den Exkursionen auf den Spuren alter Größe zu bedeutsamen Orten, bleibt nichts als Überdruss an dieser Masche, jedes gegenwärtige Detail mit alter Größe kurzzuschließen. »Odyssee« ist das Zauberwort, das noch die Hochzeitsreise des Dichters zum weltgeschichtlichen Ereignis veredelt. Da wird der Vulkan vom schnöden Touristenziel zum Aschenbecher, in dem Zeus seinen letzten Glimmstängel zurückließ. Bei so viel unfreiwilliger Komik fragt man sich, ob es nicht auch mal ’ne Nummer kleiner geht.

Geht es nicht, und hier offenbart sich der wahre Sinn des Titels: Grünbein selbst ist der »Koloss im Nebel«, der Grieche des Herzens, den es ins Nebelland der unverständigen Germanen verschlagen hat. Hier reckt er nun sein Haupt in schwindelerregende Höhen. Im Gedicht endet die Vision vom Koloss so: »von oben ging ein himbeerfarbnes schwaches Licht aus, das pulsierte / Wie nie ein Leuchtturmfeuer, Sternenstrahl«. Da hilft nur Eich: Zu viel Abendland. Verdächtig.