GlobalisierungUnsere Zukunft klingt nach Katastrophe

Wir sind jung, kommen aus unterschiedlichen politischen Strömungen und fordern, dass die Politik endlich anders wird. Ein Manifest

Wir sind jung, kommen aus unterschiedlichen politischen Strömungen und vertreten eine Generation, die selten eine Stimme hat. Eine Generation, die einen ausgebeuteten Planeten erbt, mit sozialer Ungerechtigkeit und gigantischen Schuldenbergen. Eine Generation, die an den Folgen eines kurzsichtigen Finanzkapitalismus leidet und die Krise der europäischen Idee erlebt. Unsere Zukunftsmusik klingt nach Klimakatastrophe, Bildungsnotstand und Schuldenorgien, all dies auf Kosten von – uns.

Die Unterzeichner

Teresa M. Bücker, 28, Autorin, SPD; Sascha Collet, 29, Bundesgeschäftsführer Die Linke.SDS; Wolfgang Gründinger, 28, Autor, SPD/Piraten; Vincent-Immanuel Herr, 24, Euphrates Institute, Student, parteilos; Sebastian Jabbusch, 29, Journalist, Piraten; Diana Kinnert, 21, Studentin, CDU; Lamia Özal, 23, Deukische Generation e. V., Studentin, parteilos; Leslie Pumm, 19, Auszubildender, FDP; Hanna Sammüller, 29, Doktorandin, Grüne; Jacob Schrot, 22, Student, CDU; Martin Speer, 26, selbstständig, Grüne

Wir nehmen die herrschende Kurzsichtigkeit nicht mehr länger hin. Vor einiger Zeit wurde in dieser Zeitung behauptet, unsere Generation hätte kein Interesse an politischer Partizipation, wir seien hilflos und warteten darauf, dass uns jemand abhole. Wir sind nicht hilflos, und wir holen uns selbst ab. Über Parteigrenzen hinweg eint uns elf die Sorge um unsere Zukunft und der Wille zur Veränderung. Mit diesen zehn Punkten kämpfen wir gemeinsam für unsere Zukunft.

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1. Demokratie

Das Vertrauen in die etablierte Politik bröckelt. Darunter leidet die Legitimation unserer Demokratie. Über den Wahlzettel hinaus fehlen Möglichkeiten zur Mitsprache. Die Möglichkeit zu Volksentscheiden auf Bundesebene ist genauso überfällig wie die Möglichkeit, das Entstehen von Gesetzestexten in Ministerien nachzuvollziehen und online beeinflussen zu können. Auch die Parteien müssen mehr Mitbestimmung wagen, beispielsweise durch internetbasierte Werkzeuge wie Liquid Feedback, Mitgliederentscheide und Vorwahlen. Wir wollen ein Wahlrecht ab 16 Jahren und mehr politische Bildung an den Schulen. Ein Zukunftsrat junger Menschen soll zusätzlich als Sprachrohr der jungen Generation Impulse für die gesellschaftliche Debatte setzen. Wir wollen mehr Einfluss bei den Steuermitteln: Jeder sollte mit der jährlichen Steuererklärung angeben können, in welches Ressort sie oder er einen kleinen Prozentsatz der Einkommensteuer investieren will.

2. Transparenz

Politische Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein. Bürger brauchen die Möglichkeit, alle Akte der demokratischen Entscheidungsfindung einzusehen, sofern keine personenbezogenen Daten betroffen sind. Die bestehenden Transparenzgesetze müssen nach dem Hamburger Vorbild verbessert werden: Wer mit dem Staat Verträge macht, muss diese offenlegen. Der Lobbyismus braucht Schranken: Wir fordern ein Lobbyregister nach amerikanischem Vorbild. Nebeneinkünfte von Abgeordneten müssen detailliert offengelegt werden.

3. Internet

Debatten brauchen öffentliche digitale Räume. Wir setzen uns daher gegen Zensur, für einen Rechtsanspruch auf Zugang zum Internet, den Ausbau von Breitbandverbindungen in ländlichen Gebieten und gesetzlich verankerte Netzneutralität ein. Die digitale Privatsphäre muss besser geschützt werden.

4. Arbeit und Rente

Arbeit muss fair bezahlt werden. Die prekären Arbeitsverhältnisse der Gegenwart schaffen die Altersarmut der Zukunft. Wir Jüngeren müssen die Renten der heute älteren Generation finanzieren, werden aber später selbst nicht von ihr leben können: Der Generationenvertrag ist gebrochen. Statt die solidarische Rentenformel zu demontieren, sollen Alt und Jung sowie Reich und Arm die Lasten des demografischen Wandels teilen. In einem demokratischen Gemeinwesen darf sich niemand aus der Solidarität stehlen. Daher müssen alle Berufsgruppen – auch Beamte und Selbstständige – in einen gemeinsamen Rententopf einzahlen.

Leserkommentare
    • edgar
    • 25. November 2012 10:32 Uhr

    hinleben, da ohne Plan und ohne Ziel und vor Allem ohne Verantwortung:
    "Das Leben jedes Menschen findet in der Gegenwart und nicht in der Zukunft statt."
    Frei nach dem Motte: "verspielen wir heute das, was wir haben, bevor es uns eine anderer nimmt."

    Wenn es so wäre, wie Sie schrieben, bräuchten wir nicht zur Schule zu gehen, nicht zu studieren und keine Ausbildung anzufangen.
    Wir bräuchten keine Bäume pflanzen und keine Häuser bauen.

    Auch die meisten anderen Dinge hätten wenig Sinn.

    Der Mensch ist durch sein Bewusstsein ein Wesen, das auch in die Zukunft denkt.
    Im Übrigen ist für ihn auch die Vergangenheit wichtig.

    Dies zu bestreiten hieße, den Menschen zu verneinen.

    Im Augenblick sind wir dabei - wie der Artikel aufzeigt - die Zukunft zu "verkacken", den Planeten zu verkaufen. Das kann nur denjenigen gefallen, die noch mit zwanzig Jahren und weniger Lebenszeit rechnen. Mit Udo Lindenberg: "... bis der Arsch im Sarge liegt".

    Das Gegenkonzept heißt Nachhaltigkeit und dies ist ein auf die Zukunft bezogener Begriff.

    4 Leserempfehlungen
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    Zitat
    Als ich vierzehn war, war mein Vater so unwissend. Ich konnte den alten Mann kaum in meiner Nähe ertragen. Aber mit einundzwanzig war ich verblüfft, wie viel er in sieben Jahren dazugelernt hatte.

    Mark Twain

  1. 26. Danke!

    Jungs und Mädels, ihr habt den Nagel absolut und vollständig auf den Kopf getroffen!

    Ich glaube unsere Generation denkt ganz allgemein eher in diese Richtung.

    Stichwort Dissertations-Plagiate: Hier handelt es sich um das Symptom einer Generation und Gesellschaft, in der nur das individuelle "Vorwärtskommen" zählt. Kurzfristiges Denken, individuelle Karriere, Politik als große Live-Show in allen Medien. Viele von den von mir gemeinten Personen reden trotzdem den ganzen Tag über "das Wohl des Volkes" und altklugscheißern über "Verantwortung". Und vermischen das ganze mit hohlen, harmlosen Phrasen. Denn das Ziel ist es nicht, bewusst (positiv) gewählt zu werden, sondern nur weniger Stimmen zu verlieren als der Gegner. Das reicht ja prozentual dann schon.

    Nein, unsere Generation, da stimme ich überein, sieht aufgrund der an uns getragenen Sachzwänge vielmehr die Sache im Mittelpunkt. Wir wollen WIRKLICH Verantwortung übernehmen. Wir wollen nicht nur dem Worte des Gesetzes gemäß handeln und dann mal schauen, wie wir uns an Lücken in Gesetz und Arbeitsvertrag gütlich tun können. Wir wollen im intendierten Sinne unserer Verantwortung handeln.

    Warum auch nicht?

    Wir wissen, dass absolutes Einkommen oberhalb von 25.000€ Brutto im Jahr keine einzige Erhöhung der Lebenszufriedenheit mehr generiert, nur noch das relative (um iMacs zu kaufen und dem Freundeskreis zu zeigen, zum Beispiel).

    Unser Egoismus heißt verbessern und gestalten, nicht weil wir Hippies sind, sondern rational!

    • xpol
    • 25. November 2012 10:46 Uhr

    ... zum Jammerbürger - heult doch.

    Aber Spass bei Seite:

    4000 Jahre dokumentierte positive Menschheitsentwicklung haben nun mal einige Wünsche offen gelassen.
    Das wird sich in weiteren 4000 Jahren immer noch nicht geändert haben.
    Hoffnungsvoll stimmt, dass sich die aktuelle Jammerliste zu 80% mit Luxusproblemen beschäftigt.

    2 Leserempfehlungen
  2. Wer die Arbeiterschaft in fernem Land ausbeutet, beutet auch die eigenen Leute aus. Vermittelt durch den Lohndruck internationaler Freihandelswaren wird der Lohndruck und die Ausbeutung automatisch importiert.

    In dem Maße, wie wir unseren unmittelbaren Raubbau an der Umwelt zurückgefahren haben, haben unsere auf Wachstum getrimmten Unternehmen den Raubbau in ferne Lande verschoben. Begleitet von einer unglaublich menschenverachtenden Ausbeutung der Arbeiter, die, je rückständiger die Demokratie ist und je ärmer die Länder sind, umso furchtbarer ausfällt.

    Gleichzeitig mit dem Import der ethisch angeschmutzten Waren halten wir uns die Flüchtlinge aus jenen Regionen mit allen legislativen Mittel vom Hals. Und wenn die Gesetze nicht reichen, machen wir neue.

    Bei einer solchen, nur auf den Moment ausgerichteten Politik müssen wir uns über die düster lauernde Zukunft nicht wundern.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ausbeutung"
  3. "Ich denke, der Blickwinkel der Autoren ist für Gedanken diesen Maßstabes etwas zu gering ausgeprägt."

    Als Mitglied der alten Generation kann ich derartige Initiativen nur begrüßen. Ziele und Vorgehensweisen sind plakativ dargestellt, aber sie unterscheiden sich wohltuend von populistisch zielgruppenorientierten Programmen und deren Interpretation durch die politischen Akteure.

    Im Laufe meines Lebens bin ich verschiedenen politischen Stömungen der etablierten Parteien gefolgt, habe dann mein Wahlverhalten geändert, wenn sich Partei und Akteure in seichte Gewässer bewegten oder letztere konträr zu ihrem Parteiprogramm handelten.

    Vor den Wahlen habe ich angefangen, einen Wahl-O-mat- Test zu machen. Wo bin ich gelandet? Als früherer FDP- Wähler, schon lange her, landete ich bei den Linken oder Splitterparteien.

    Beide habe ich dennoch nicht gewählt. Es hat mich aber sehr nachdenklich gemacht. Heute orientiere ich mich mehr an Personen als an Parteiprogrammen. Altmeier, Westerwelle oder neuerdings de Maiziere sind nicht dabei.

    Neue Initiativen ernsthaft bewertet und bei Übereinstimmung der Ziele nchhaltig unterstützt sind in der jetzigen Zeit bedeutsamer als jede etablierte Gruppierung, die ihr eigenes Programm durch tägliches Handeln konterkariert.

    Um es beispielhaft zu verdeutlichen:

    Frieden ist in aller Munde, Friedensbemühungen werden verbal angekündigt aber nur mit "Robusten Mitteln" sprich Bundeswehreinsatz.

    Pazifist ist zum Schimpfwort geworden.

    2 Leserempfehlungen
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    "Neue Initiativen ernsthaft bewertet und bei Übereinstimmung der Ziele nchhaltig unterstützt sind in der jetzigen Zeit bedeutsamer als jede etablierte Gruppierung, die ihr eigenes Programm durch tägliches Handeln konterkariert."

    Leider kann ich bei der vorliegenden Initiative keine nachhaltigen Ziele im Ergebnis sehen.

    Alle guten Ansätze dieser werden durch den fehlenden Blick auf die Grundlagen des Finanzsystems obsolet. Das haben wir doch nun oft genug gesehen. Die Initiative weicht schlußendlich aus.

    Zudem ist man doch eigentlich gedanklich häufig schon weiter, ind Foren und zBsp. selbst bei der Piratenpartei tauchen doch schon Gedanken auf, welche vor wenigen Jahren noch als Spinnereien galten.

    Diese Initiative verliert sich in Allgemeinplätzen. Sand in den Augen.

    Was bleibt? Allen soll es besser gehen, ohne das Wie zu klären. Heimat ist ein Fremdwort, aber Schuldendienst ganz wichtig.

    Tut mir leid, aber solche Initiativen ihrer selbst willen zu begrüßen halte ich nicht für zielführend.

  4. "Wir Glauben nicht mehr an die Katastrophe. Stattdessen Glauben wir an uns, an unsere Fähigkeiten und an unsere Zukunft. Die sieht sehr gut aus, vorausgesetzt wir machen weiter wie bisher."

    ... angesichts des gegenwärtigen, häufig auf Kosten skrupellos ausgebeuteter Menschen, ungebremsten und rücksichtslosen Raubbaus an allem, was dieser Planet noch zu bieten hat, eine wohl recht naive und nicht von hohem Verantwortungsbewusstsein zeugende Auffassung. Ich befürchte, diese Lebensart rächt sich irgendwann.

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    • edgar
    • 25. November 2012 11:00 Uhr

    "eine wohl recht naive und nicht von hohem Verantwortungsbewusstsein zeugende Auffassung"

    Nun, einfach egoistisch. Haben statt sein, frei nach dem Motto:
    "Consumo, ergo sum."

    • edgar
    • 25. November 2012 11:00 Uhr

    "eine wohl recht naive und nicht von hohem Verantwortungsbewusstsein zeugende Auffassung"

    Nun, einfach egoistisch. Haben statt sein, frei nach dem Motto:
    "Consumo, ergo sum."

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Naja ..."
  5. ...und nicht gegeneinander arbeiten."

    Der erste Schritt wäre, aufeinander zugehen.

    Auch die jetzt "ältere" Generation war Katastrophen ausgesetzt, die Zukunftsängste ausgelöst hat: z.B. kalter Krieg und Kernkraft. Und da gab es einen positiven Wandel, der wie ein Sturm über uns alle hinweg gefegt ist. Und nun müssen wir uns den Folgen stellen: der Spaltung der Gesellschaft. Der Riss geht aber nicht zwischen jung und alt.

    Wir sitzen alle in einem Boot.

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