ZEIT: Was sagt man Westdeutschen, die eine Verrohung der Gesellschaft Ost, auch durch eine Entkirchlichung bedingt, kritisieren?

Birthler: Es gibt im Osten tatsächlich mehr Gewaltverbrechen; vor allem mehr Verbrechen, die rassistisch oder rechtsradikal motiviert sind. Ich halte es allerdings für hoch problematisch, die Zahl der Gewaltverbrechen, die im Promillebereich liegt, auf die Gesamtbevölkerung hochzurechnen. Es stimmt schon, dass es in der DDR eine bürgerliche mittelständische Kultur mit ihrer Werterückbindung schwer hatte – vor allem durch die zivilisatorischen Schäden, die zwei aufeinanderfolgende Diktaturen hinterlassen haben. Dennoch halte ich es für zu kurz gesprungen, die Zahl der Gewaltverbrechen einseitig mit dieser Vorgeschichte zu erklären. Die Frage, wieso Menschen zu Gewaltverbrechern werden, ist sehr viel komplexer...

ZEIT: ...und wenn der Glaube vor Ausländerfeindlichkeit schützte, dann hätte es in Bayern, Baden-Württemberg oder in Österreich so etwas nicht gegeben. Das gibt es dort aber auch.

Birthler: Der christliche Glaube ist nicht gleichbedeutend mit einer liberalen und offenen Gesellschaft voller verantwortlicher Menschen – das wissen wir aus schmerzhafter eigener und weltweiter Erfahrung. Verbrechen werden durch autoritäre Gesellschaften begünstigt, und das meint ja nicht nur Diktaturen, sondern die Erziehung, die nicht auf Gewalt verzichtet. Und übrigens gab es ja auch unter den Christen etliche, die sich politisch anpassten und jede Konfrontation vermieden – aus Angst, um der Karriere willen oder weil sie die DDR ganz prima fanden.

ZEIT: Was denken Sie denn über den Satz von Jörg Schönbohm, der im Jahr 2005 in Brandenburg »die vom SED-Regime erzwungene Proletarisierung« für die »Zunahme von Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft« verantwortlich gemacht hat?

Birthler: Ich würde das nicht so sagen. Aber ich würde auch nicht behaupten, dass dieser Zusammenhang völlig irrelevant ist. Die immensen durch Nationalsozialismus und Krieg entstandenen sozialen und zivilgesellschaftlichen Schäden konnten in der DDR nicht heilen. Vielmehr gab es neue Verwerfungen, neue Ideologien, neue Zwänge: Jahrzehntelang gewachsene Kulturen wurden zerstört, aus ideologischen Gründen wurden Jugendliche zur Arbeit aufs Land geschickt und Bauernkinder in die Fabriken.

ZEIT: Die DDR war aber auch ein Leseland, eine Gesellschaft mit bemerkenswertem Kulturbürgertum.

Birthler: Eine Leipziger Bachwoche ist noch kein Anzeichen dafür, dass bürgerliche Kultur Allgemeingut wäre. Wenn jemand zweimal in der Woche zum Konzert geht, sich aber ansonsten nicht für Gesellschaft interessiert, nichts für ihren Segen tut, sich also asozial verhält, dann ist das für mich kein Ausdruck von Kultur oder zivilgesellschaftlicher Gesinnung.