Martenstein"Männergruppen sind figürlich homogener"

Harald Martenstein über körperliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Hatte ich erwähnt, dass ich die Idee der vollkommenen Gerechtigkeit für etwas Ähnliches halte wie das Perpetuum mobile? Es gibt so etwas nicht, die Natur sieht es nicht vor. Ich zum Beispiel bin 1 Meter 76 groß. Wenn wir uns in der Schule der Größe nach aufstellen mussten, was damals üblich war und heute wahrscheinlich als diskriminierend verboten ist, war ich knapp hinter der Mitte. Ich war größer als der Durchschnitt! Heute aber gehöre ich zu den kleinen Männern. Die Menschen werden immer größer, heißt es, nur ich nicht. Und weil ich gleichzeitig von Jahr zu Jahr an Umfang ein wenig zunehme, wird man eines Tages meine Karriere in dem Satz zusammenfassen können: »Er hat als großer Dünner angefangen und endete als kleiner Dicker.« Um diese Ungerechtigkeit, die er mir antut, wieder gutzumachen, müsste Gott eine große Hungersnot schicken. Die Menschen würden schrumpfen wie in Nordkorea , und ich würde wieder dünn werden.

Nun das Thema »politisches Engagement«. Drei Prozent aller Deutschen sind, laut einer Prognos-Studie, Mitglied in einer Frauengruppe. Neulich hat mir eine Frau erzählt, dass es in jeder Frauengruppe, jeder, drei auffallende Erscheinungen gibt: Eine sieht besonders gut aus, eine ist deutlich dicker als alle anderen, und eine ist ganz klar die Leaderin. Achten Sie mal darauf. Die Schöne, die Dicke, die Chefin. Männergruppen sind figürlich homogener. Es gibt Gruppen, die ausnahmslos aus kleinen, dicken Männern bestehen. Dicke Männer für den Frieden. Kleine Dicke gegen Atomkraft. Ich könnte da jederzeit eintreten. Aber ich habe an der Uni schon so unendlich viel getan für den Fortschritt, dass es jetzt eine Überdosis davon gibt.

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Seit Jahren habe ich mich nicht mehr politisch engagiert. Jetzt aber bin ich in die Bürgerbewegung zur Rettung der Berliner Gaslaternen hineingerutscht. In Berlin stehen alte Gaslaternen, der Senat will sie abreißen und durch hässliche Elektroleuchten ersetzen lassen , was angeblich eine leider nur mit der Briefwaage zu messende Finanzersparnis mit sich bringt. Ich bin, privat, künstlerisch und politisch, immer für das Schöne. Das Hässliche lehne ich ab – erstaunlicherweise eine Minderheitenposition. Ich habe sogar, weil man das in der littérature engagée so tut, mit klimaneutraler Tinte ein politisches Gedicht im Grass-Hochhuth-Sound verfasst:

Wenn man das extrem wartungsintensive / Brandenburger Tor / abreißt und dort / stattdessen Lupinien sät, / könnte man viel Geld sparen und die CO₂-Bilanz / verbessern.

Ein Mann schrieb mir, dass er es empörend findet, wenn Leute sich für Lappalien wie das Gaslicht engagieren und nicht im Kampf gegen den Welthunger. Der Hunger ist zweifellos, global gesehen, das größere Problem. An Elektroleuchten, so hässlich sie auch sein mögen, stirbt sehr wahrscheinlich niemand, es sei denn, er fasst in die Steckdose. Andererseits gibt es ja auch den Krieg. Ich habe mich gefragt, wieso dieser Mensch sich so dezidiert gegen den Hunger einsetzt und die Menschheitsgeißel Krieg links liegen lässt. Ach so, man kann sich nicht gegen alles engagieren? Der Tag hat nur 24 Stunden? Ja, dann.

Ich könnte die Initiative »Kleine, dicke Männer gegen den Hunger« gründen. Aber ich glaube nicht, dass ausgerechnet wir kleinen Dicken gegen den Hunger viel ausrichten können. Wenn wir kleinen Dicken gemeinsam gegen den Hunger demonstrieren, wirkt das doch eher wie eine Verhöhnung der Opfer. Wir können das erst nach der großen, Gerechtigkeit stiftenden Hungersnot machen.

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Leserkommentare
  1. Auf Wunsch des Users entfernt. Die Redaktion/ls

    • bigbull
    • 15. November 2012 17:16 Uhr

    Männer sind,ob klein und fein oder hager und groß im
    Gegensatz zu Frauen ein Einheitsbrei.
    Frauen jedoch haben eine köstliche Konfiguration die sich
    Männer noch anzuschaffen haben.

    Kein kleiner Unterschied.

    • Mari o
    • 16. November 2012 0:13 Uhr

    Ein Mann muss nicht schön sein
    http://www.youtube.com/wa...

  2. ist das nicht das übliche schulcliquenklischee?

  3. lieber herr martenstein,
    kämpfen sie weiter. die gaslaternen in unserer strasse wurden bereits ausgetauscht. die neuen elektrodinger sind nicht nur superhäßlich sondern tragen zudem den befremdlichen namen "JESSICA am PEITSCHENMAST". (kein scherz) vielleicht sollte mal ein psychologe bei den namensgebern vorbeischauen, vielleicht sind wir ja längst in die hände von umweltverschandelungssadisten gefallen. berlin war ja in puncto geschmacksfragen schon immer ein unsicherer kantonist, aber diese neuen leuchten setzen mal wieder maßstäbe. am ehemaligen grenzstreifen wären sie sicher eine zierde gewesen.

  4. Herrlich das "Gedicht im Grass-Hochhuth-Sound". Ein Höhepunkt deutscher Lyrik-Parodie. Ebenso traurig wie wahr, und eben deshalb so komisch, dass ich mich kaum einkriegen kann. Respekt!

    Eine Leserempfehlung

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Atomkraft | Frieden | Gedicht | Hungersnot | Karriere | Krieg
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