Seltsam begann diese Reise zur Countrymusik: mit Altherrenfußball in Mecklenburg. In Schwerin kickte am 6. September 2012 die ergraute Nationalmannschaft der DDR. Reifes Ostvolk feierte seine Helden, und am Abend sang im Festzelt Johnny Cash. Der Seniorenbeglücker schollerte den Welthit Ring of Fire, freilich auch Wir lagen vor Madagaskar und Hey Boss, ich will mehr Geld. Es handelte sich nämlich um Gunter Gabriel, den selbst ernannten deutschen Cash. Hinterher fragten wir, was ihn an Cash fasziniere.

Als junger Kerl der Memphis-Sound, erklärte Gabriel. Als ich dann Englisch konnte, die Texte. Cash hat den Mund aufgemacht – gegen den Vietnamkrieg, für Knast-Insassen und die Indianer. Er war ein politischer Mensch, tiefgläubig und ein Sünder. Großartige Mischung!

Kurz vor Cashs Tod im Jahre 2003 durfte der Epigone sein Idol besuchen. Er war nur noch ein Krüppel, sagte Gabriel. Er weinte, als ich ihm seine Songs deutsch vorsang. Er liebte Deutschland, er war ja mal in Landshut stationiert, als Horchfunker, da hat er die russische Nachricht von Stalins Tod geknackt.

Gunter, was unterscheidet dich von Johnny?

Ich bin noch am Leben.

Wir wüssten noch einen Unterschied. Gunter Gabriel ist ein deutscher Schlagersänger. Deutschland hat »Volksmusik« und eine Geschichte des 20. Jahrhunderts, in der die Blaue Blume der Romantik zu Braunkohl wurde. Johnny Cash gilt als US-Nationalprophet und Father of Country. Demnächst wird er ein eigenes Museum bekommen, im Mekka des Country, in Nashville, Tennessee.

Mekka kommt nicht nach Schwerin. Nach Mekka muss man pilgern. Wir überwinden den Atlantik, ignorieren New York und eilen landeinwärts, über Berg und Tal der Appalachen. Tief unten die Wälder der archaischen Mountain Music. Endlich Tennessee, the green green grass of home. Bereits im Flughafen Johnny Cash. Ein grobmotorischer Klampfer schändet A Boy Named Sue.

Was tut der Country-Pilger als Erstes? Er erkundet den Broadway, Nashvilles Amüsiermeile: niedrige Ziegelblockhäuser, umfangen von Musik. Sie spielt schon am helllichten Tage, draußen wie drinnen. Die Straßensänger haben nur ihre Gitarre. Entdecken und erlösen wird sie keiner. Die Musiker in den Spelunken haben Karriereträume, selbst produzierte CDs und eine Bühne. Davor steht der Eimer für tips, ihr einziges Honorar.

Dem Pilger gehören der Tresen und die dämmrige Tiefe des Raums. Dort schluckt man und begrübelt die Wechselfälle des Lebens. Two cigarettes in an ashtray / My love and I in a small cafe / Then a stranger came along / And everything went wrong / Now there is three cigarettes in an ashtray. Dabei wird es nicht bleiben, denn stranger, Fremde, sind Unheilsgestalten der Country-Mythologie. I watched her take him from me / And his love is not longer my own / Now they are gone / And I sit alone / And watch one cigarette burn away.

Diese ewige Country-Tragödie sang 1957 Patsy Cline. Sie starb 1963 bei einem Flugzeugabsturz, nur 30 Jahre alt. Die Musik überlebte. Ihre Ikonen zieren die Wände von rustikalen Kneipen, den sogenannten Honky Tonks: der Schmerzensmann Hank Williams, Roy Acuff, der gesegnete Methusalem, der Wonneproppen Dolly Parton, die coalminer’s daughter Loretta Lynn ... und immer wieder jene großen vier, deren Porträts hier so bekannt sind wie in der abendländischen Kunstwelt Dürers Evangelisten. Die Country-Evangelisten heißen Willie Nelson, Waylon Jennings, Kris Kristofferson und Johnny Cash. In den achtziger und neunziger Jahren waren sie vereint zum Allstar-Quartett The Highwaymen.

Um Country zu verstehen, braucht man keine intellektuelle Expertise. Herz tut not, und Sinn für schlichte Form. Country ist einfache Musik, komplex aufgeladen: Three chords and the truth, so Harlan Howards Definition eingangs der Country Music Hall of Fame. Der Pilger nimmt sich Zeit für diesen Tempel. Zwei Millionen Exponate besitzt die Hall. Nur einen Bruchteil stellt sie aus – Reliquien, Artefakte, Kitsch. Altfans halten Andacht vor der zerschrammten Mandoline des Bluegrass-Ahnvaters Bill Monroe, vor den geheiligten Gitarren des jodelnden Eisenbahners Jimmie Rodgers und der Madonna Emmylou Harris, vor den strassglitzernden Bühnengewändern der Country-Couturiers Nudei und Manuel. Klunker, Tand und Glamour reflektieren die Statusträume kleiner Leute, die zu Reichtum kamen und ins Rampenlicht. Die Hall zeichnet Country-Pfade vom Dorftanz des 19. Jahrhunderts bis zum Southern Rock der jüngeren Jahrzehnte. Sie lässt mit der Musikgeschichte auch die des Landes begreifen.