Im Ryman Auditorium mit seiner besonderen Akustik spielen heute noch Bands wie die Kings of Leon. © Jessica Braun

Dann steht man im Kuppelrondell, umringt von den kupfernen Reliefs der Hall-of-Fame-Geweihten. An der Stirnwand leuchtet ein Gemälde von Thomas Hart Benton: The Sources of Country Music. Es zeigt Flussdampfer und Eisenbahn, die ländlichen Fiedler und Tänzer, den Prediger, die Gospelschwestern, den Cowboy und den schwarzen Banjospieler – Letzteren am Rande, denn Country ist weißer Blues. Hoch über allem thront die chapel on the hill, Gottes Botschaft als Gipfelkirchlein. Benton vollendete das Bild mit 85 Jahren, am 18. Januar 1975, dem Tag seines Todes.

Ein ganz Großer fehlt in der Ruhmesrunde: Woody Guthrie. Amerikas archetypischer Folksänger hat keine Ehrentafel. An der Musik kann’s kaum liegen, eher an der Ideologie. Guthrie war ein fahrender Chronist der amerikanischen Sozialgeschichte, dazu bekennender Linker. Country ist konservativ, wie die Masse des Publikums. Schlimmstenfalls wirkt die Musik reaktionär. Bestenfalls nennt sie soziale Wirklichkeiten, aber niemals, was sich ändern muss.

Jetzt shutteln wir hinüber zur Music Row. An der 16th Avenue liegen die klassischen Country-Produktionsstätten. Wir erkunden das RCA Studio B, 1957 von Chet Atkins erbaut. Die Studio-Führerin Debbie schwärmt von Nashvilles goldenen fünfziger und sechziger Jahren. In diesen Wänden, ruft sie, stecken 50.000 Sessions, 45.000 Singles, 1000 Top-Ten-Hits! Bejahrt, aber kregel sind die Besucher. Debbie drückt Knöpfe und fragt: Wer kennt das? Roy Orbison schluchzt Crying, danach Don Gibson Oh Lonesome Me. Mit dem nächsten Song, verkündet Debbie, hat Dolly Parton 15 Millionen Dollar verdient! Dolly legt los, die Seniorenpilger wimmern ergriffen mit: I will always love youuuuhuuhuuuuu. Entsetzlich. Aber schön.

Was Debbie nicht sagt: Der Nashville-Sound ist kein Stil, sondern eine Methode. Nashvilles Produzenten zielten stets auf Massenmarkt und kommerzielles Crossover. Individuelle Ästhetik wurde nicht bestärkt, sondern gebügelt und verpoppt. Die Nonkonformisten Waylon Jennings und Willie Nelson errangen ihren Outlaw-Ruhm erst, nachdem sie Music Row den Rücken kehrten.

Am Abend treffen wir die Senioren wieder, in Opryland. So heißt der Vergnügungspark nahe Nashville, der das Konzerthaus der Musikshow Grand Ole Opry umgibt. Opryland ist Rummel à la Disney, ein stationäres Traumschiff mit Hotel, Shoppingcenter und abendlicher Country-Fütterung. Dienstags, freitags und samstags bietet die Opry einen betulichen Mix aus Alt- und Nachwuchsbarden, garniert mit Schwiegermutterwitzen. Die Hausband agiert wie ein Beamtenkollektiv. Der Showmaster moderiert vom Stehpult und liest Werbung vom Blatt. Auserwählte Besucher werden hinter die Kulissen geführt und inspizieren die Garderoben der Opry-Heroen. Oh my God!, juchzt es im Bühnenflur. Billy Ray Cyrus!! Ein Bilderbuch-Cowboy trifft ein, der One-Hit-Superstar von Achy Breaky Heart. Damals, 1992, galt Billy Ray als Goldjunge des Country-Pop. Das Cyrus-Virus erstarb, doch in der Opry funkelt das Sternchen weiter, oder sind das Handy-Blitze? Geduldig posiert Cyrus mit Gitarre, bis der winzige Publikumsliebling von der Bühne kommt: Little Jimmy Dickens, eine Opry-Institution seit Menschengedenken. Wie lange noch? Dickens ist 91.

Die Grand Ole Opry rühmt sich, die älteste Radio-Show der Welt zu sein. Sie schuf ein urbanes Sammelbecken für ländliche Musiken, die auf europäische Einwanderer zurückgingen und deren Interpreten bislang nur lokale Prominenz genossen hatten. Erst durch den Rundfunk wurde Nashville zur Music City USA. Der Versicherungskonzern Nashville Life & Accident Insurance Company begriff die Werbekraft des jungen Mediums Radio, installierte 1925 den Sender WSM (We Shield Millions) und ließ Old-Time-Musiker auftreten. So entstand Nashvilles Unterhaltungsindustrie. In den Dreißigern ging die Opry landesweit auf Sendung. Im Universum der amerikanischen Provinz war sie Heimat und zugleich eine Stimme von weit her. Die Opry machte Stars. Ihren größten, Hank Williams, entließ sie 1952 wegen Alkoholismus. 1965 feuerte sie auch den tablettensüchtigen Johnny Cash. Der hatte im Drogenfuror die Rampenbeleuchtung zerdroschen.


Cashs Aufstieg vom Drogenwrack zum Country-Titanen ist eine uramerikanische Sage. James Mangolds Film Walk the Line hat dieses undressierte, aber patriotisch durchwirkte Leben 2005 in Hochglanz inszeniert: harte Kindheit auf den Baumwollfeldern von Arkansas, Aufstieg, Sünde, Höllensturz, Erlösung durch Liebe. That’s Country. That’s America. Cash akzeptierten Liberale und Nationalisten, Gottlose und Bibeltreue, Nord und Süd, Stadt und Land. Alle Präsidenten von Nixon bis Bush senior luden den frommen Freigeist ins Weiße Haus. Und als sein altbackener Chicka-boom-Sound die Jugend gähnen ließ, sorgte 1994 der Rock-Produzent Rick Rubin für eine generationsübergreifende Spätkarriere, weit über das Country-Genre hinaus. Cashs American Recordings promovierten ihn zum Patriarchen.

So viel Verehrung braucht einen Gral. In der Country Music Hall of Fame ist Cash ein Held von vielen. Im künftigen Johnny-Cash-Museum aber, nahe dem Broadway gelegen, wird sich alles um ihn drehen. Cashs Freund und Biograf Bill Miller bestückt es derzeit mit seiner Memorabiliensammlung, unterstützt von des Sängers Familie. Wir treffen Cashs Nichte Kelly Hancock. We’ll bring Johnny to the world, sagt sie. Wir zeigen alle Facetten. Er malte, er fotografierte, er war ein großartiger Gärtner und Koch. Er entwarf Lederponchos. Er war literarisch bewandert. Er studierte Theologie. Gott stand in der Mitte seines Universums. Hi Tommy!

Ein älterer Mann ist hinzugetreten, sichtlich ein Cash. Das ist Johnnys baby brother Tommy, geboren 1940. Auch Tommy Cash ist Musiker. Er hat drei Live-Programme: ein eigenes, eines mit Johnny-Cash-Block, eines nur mit Johnnys Songs. Auf der Bühne sagt er nach dem ersten Song: Hello, I’m Tommy Cash, yippieh! Seine Lieblingsnummer? Ring of Fire, da rasten die Leute aus.

War es schwer, Johnnys Bruder zu sein?

Well, sagt Tommy, ich hatte genug Zeit, mich daran zu gewöhnen. Du willst deinen Bruder besuchen, doch sein Haus ist abgeriegelt. Männer mit Sonnenbrillen erklären dir: Da drin befindet sich gerade der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Aber ich kam rein und schüttelte Präsident Carter die Hand.

Johnny galt als politische Stimme – gegen den Vietnamkrieg, gegen die Todesstrafe. Aber in seiner Autobiografie bleibt er ziemlich unscharf. Er trifft alle Präsidenten und findet alle nett, sehr nett oder wirklich nett. War er so naiv?

Er hat zu mir gesagt: Man muss das Amt respektieren. Egal, wer Präsident ist – er ist unser Führer. Johnny war nicht besonders tief mit Politik befasst.