Und Nashville nie bloß mit Country. Tennessees herbe Hauptstadt besitzt Theater und Symphonieorchester. Die Belle Meade Plantation konserviert den Süden der mondänen Herrenhäuser und der Sklaverei. Wir wandern vom totbetonierten Ufer des Cumberland River zum Hügel des State Capitol mit seinen vaterlandsschwülstigen Kriegermalen. Unweit liegt das neue Museum for the Visual Arts. Wir wandeln durch John Constables englische Landschaften – fern von Europa eine Gegenwelt. Daheim heißt unsere Gegenwelt Amerika.

Nashvilles bürgerlicher Beiname lautet Athens of the South. Griechenlands Untergang wäre keine Katastrophe, denn im Centennial Park steht das Parthenon der Akropolis, 1897 in originaler Größe nachgebaut zum 100. Geburtstag des Staates Tennessee. Die absurde Replik wird bewohnt von der größten Indoor-Statue der Welt: Athene aus vergoldetem Beton, mit himmelblauen Glubschaugen. Für eine Jungfrau wirkt die Göttin ziemlich schwanger.

Vor allem ist Nashville das Zentrum der Evangeliums-Industrie. Die Stadt hat über 700 Kirchen und markerschütternde Rundfunkprediger. Wer morgens auf 89,1 FM gerät, den erweckt der Donnerruf: Fliehe die Fleischeslust! Wenn du ein Mädchen ausführst, dann niemals allein! Geh mit ihr zum Football, wo 50.000 Menschen um euch sind! Bring sie heim, solange es hell ist! Und wenn du ihr zum Abschied einen Kuss gibst, dann züchtig, im Angesicht ihres Vaters und vor der Mündung seines Schießgewehrs!

Der Prediger heißt Adrian Rogers. Wir googeln und erfahren, dass Pastor Rogers’ fromme Sorge sich nicht auf Fleischeslust beschränkt. Er hat auch die Todesstrafe biblisch begründet und Präsident George W. Bush brieflich ersucht, härter gegen die Palästinenser vorzugehen. Außerdem starb er 2005, was ihn keineswegs hindert, radioaktiv weiter Spenden einzuwerben. Dies ist das Land, in dem die Countrymusik spielt. In diese aggressiv bigotte Welt sprach Johnny Cash: Nicht mal die Tiere töten ihresgleichen.

Durch ihr großes Herz überwindet Music City allen Fundamentalismus. Dieses Herz schlägt in Dutzenden Musikclubs, am lautesten im Ryman Auditorium. Bis 1974 beherbergte diese mother church of country music die Grand Ole Opry, dann baute der Mammon Opryland. Im Ryman erleben wir Kunst: die Verleihung der Americana Awards – an Guy Clark, an Bonnie Raitt, an den urbritischen Troubadour Richard Thompson, an junge Wurzelpfleger wie die Carolina Chocolate Drops und The Deep Dark Woods. Hier wird Country zu Americana, jenem Grenzgänger-Genre bodenständiger Sounds von Folk bis Soul, das Wahrheit jenseits kommerzieller Optimierung sucht. Country vertont privates Geschick, Americana schreitet musikalisch und thematisch weiter aus. Aber beide Genres mythisieren dieses allzu junge Land und schaffen ihm Geschichte.


Am letzten Nachmittag verlassen wir die Stadt. Wir wollen Country dort erleben, wo die Musik herkommt. Wir fahren zum Fish Fry & Hoedown nach Bethel. Don’t forget your dancin’ shoes, stand auf dem Plakat und No alcohol please. Wir rollen durch die grüne Hügelwelt gen Süden, vorbei an Pferdekoppeln und Villen mit Säulenfront. Ankunft in der Dämmerung. Abendnebel in den Wiesen. Ein Dutzend Häuser, eine weiße Kapelle am Wald. Eine leuchtende Scheune, darin Landvolk aller Generationen. Umtummelt von Kindern, erklimmt die uns völlig unbekannte Homer Dever Band die Bühne. Doch siehe da: Der Gitarrist ist Reggie Young, einst Elvis Presleys Begleiter und Session-Star Hunderter Country-Platten. Der Drummer Richie Albright hat Waylon Jennings betrommelt. Steel-Gitarrist Robby Turner bereiste mit den Highwaymen die Welt. Heute spielen sie für die Nachbarschaft. Der Tennessee Waltz schwingt auf. Die Paare finden sich. Alt walzt mit Jung, und die Cowgirl-Stiefel klickern rasend Step. Auch der Reporter wird zum Tanz geführt, durch Wanda, eine reizende Lady in den jungen Achtzigern.

Wanda, ich kann nicht tanzen.

Sweetheart, sagt Wanda, jeder tanzt. So ist das Leben. Pass einfach auf, dass ich nicht falle.