"Virus"Reiserouten der kleinen Killer

Der amerikanische Virologe Nathan Wolfe erklärt, warum Viren gerade in der modernen Welt so gefährlich sind. von 

Weiße Flocken im Impfserum? Der Rückruf des Grippevakzins von Novartis kurz nach Beginn der Grippeschutzkampagne dürfte die Impfmoral der Deutschen nicht gestärkt haben. Schon in den vergangenen Jahren ist nicht mal jeder Dritte den Appellen zur Vorsorge nachgekommen – unter Krankenschwestern und Pflegern sogar nur jeder Fünfte. Die Deutschen sind Impfmuffel, und das ist eine gefährliche Haltung, wenn man Nathan Wolfe glauben darf. In seinem Buch Virus. Die Wiederkehr der Seuchen warnt der amerikanische Biologe leidenschaftlich vor Sorglosigkeit und legt dar, warum gerade die moderne Welt ideale Voraussetzungen für die Entstehung von Epidemien bietet.

Wolfe lehrt als Virologe an der University of California und widmet sich der Früherkennung neuer Erreger. Für seine Initiative »Viral Forecasting« wurde er sowohl vom Magazin Time wie auch vom World Economic Forum ausgezeichnet. Die Mehrzahl der Menschen lebe zwar nicht mehr von der Jagd oder unter einem Dach mit ihren Nutztieren – was unseren Vorfahren reichlich Gelegenheit bot, Erreger einzusammeln –, argumentiert Wolfe, aber in den ärmeren Teilen der Welt, so mahnt der weit gereiste Wissenschaftler, sei der enge Kontakt mit der Kreatur bis heute Alltag. Auch wenn wir uns weit entfernt wähnen, so trennen uns doch nur Flugstunden von den Affenjägern im Kongo, den ferkelbepackten Fahrrädern Vietnams und Chinas Vogelmärkten.

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Aufgrund der »Verbindung aller mit allem« können sich Erreger besser denn je um die Erde bewegen, warnt Wolfe in seinem faktenreichen, gut verständlichen Buch. Er stellt Zusammenhänge her und bringt Statistiken zum Reden, indem er die Schicksale dahinter plastisch beschreibt. Wer Grippe immer noch für eine Art Schnupfen hält, wird deshalb schon in der Einleitung ziemlich kalt abgeschreckt, in der Wolfe den Fall des kleinen Kaptan Boonmanuch schildert, der in seinem thailändischen Dorf zwischen Legehennen und Kampfhähnen aufwächst und seinen Eltern brav zur Hand geht. Eines Tages liegt das Geflügel krank danieder, kurz darauf kämpft der Junge mit Fieber und Atemnot. Weder im Provinzhospital noch in Bangkok vermögen die Ärzte die »Erkältung« zu kurieren; als er Anfang 2004 stirbt, wird klar, dass der Junge eines der ersten menschlichen Opfer der Vogelgrippe war.

Zweimal sei die Welt an der Katastrophe vorbeigeschrammt, urteilt der Autor. Die Vogelgrippe tötete effizient – sprang dann aber seltener auf Menschen über als zunächst befürchtet. Und das Schweinegrippe-Virus, das sich vor drei Jahren rasant unter der Menschheit verbreitete, erwies sich umgekehrt als wenig potenter Killer. So kam es auch, dass ein Großteil der im Jahre 2009 weltweit eingelagerten Notfallarzneien und Impfstoffe in den Depots blieb. Der teure Seuchenschutzplan wurde scharf kritisiert, auch in dem Buch Die Viren-Lüge (Hanser Verlag 2011), darin führten die Journalisten Marita Vollborn und Vlad Georgescu die Schweinegrippe als Beispiel dafür an, »wie die Pharmaindustrie mit unseren Ängsten Milliarden verdient«. Der Wissenschaftler Wolfe sieht das ein wenig anders, und er hat starke Argumente, wenn er etwa darlegt, dass es schon deshalb wichtig war, die Schweinegrippe einzudämmen, um ein Zusammentreffen mit Vogelgrippe-Viren zu verhindern. Bei einer Simultaninfektion, mahnt er, könnten Patienten einen Super-Erreger ausbrüten: schnell und tödlich.

Wenn Wolfe beschreibt, wie sich Viren per Gentausch aufladen können, versteht man spontan, warum auch die ganz norma- le Grippeimpfung mehr Sinn macht denn je. Wer möchte schon zum menschlichen »Mischgefäß« werden? Wolfe liefert auch Zahlen aus der Zeit der Spanischen Grippe vor knapp 100 Jahren, die ab 1918 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen dahinraffte, manche Forscher gehen von 50 Millionen Opfern aus. Zum Vergleich: Der Erste Weltkrieg kostete 8,5 Millionen Soldaten das Leben.

Viele der Leiden, die die Menschheit früher plagten – Pest, Cholera und andere bakterielle Infektionen –, sind heute dank Antibiotika kein Thema mehr. Anders bei Grippe und anderen Epidemien: Die winzigen Viren bieten wenig, an dem Arzneien ansetzen könnten. Sie bestehen vorwiegend aus Erbanlagen, die fremde Zellen zwingen, sie zu vervielfältigen. Läuft dieser Prozess, kann man ihn bestenfalls bremsen. Impfung bleibt die schärfste Waffe – und auch sie wirkt nur, wenn man die Seren ständig anpasst.

Auf keinen Fall sollte man zu früh triumphieren. Das macht der Virologe am Beispiel der Pocken klar. Europas Eroberer schleppten sie in die Neue Welt ein und erzeugten so die erste Pandemie der Menschheitsgeschichte. Gleichzeitig bescherte das Virus der Seuchenhygiene den ersten großen Sieg: Dank der 1967 verhängten globalen Impfpflicht konnte die WHO die Pocken 1980 für ausgerottet erklären. Land für Land stoppte das Impfen. Und so wächst, schreibt Wolfe, heute weltweit eine junge Generation heran – ungeimpft, aber voller Reiselust –, während die Affenpocken in Afrika erstmals auch Menschen befallen. Vermutlich wird das Thema erst ins öffentliche Bewusstsein rücken, wenn die ersten Kliniken in Amerika oder Europa Pockenpatienten melden.

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