Es sind nur sieben Worte. »Vielleicht sollte man denen die NPD vorbeischicken.« Krass, raunt mein Mann, echt krass. Er schiebt mir das iPad mit seiner geöffneten Facebook-Seite herüber. Sven, ein Kumpel aus dem Ruderverein, hat diese sieben Worte gepostet. Es ist sein Kommentar zu einer Nachricht, die wie ein Gespenst durch unseren Kiez spukt: Mitten in Köpenick gibt es ein Flüchtlingsheim. Ausgerechnet in die Räume eines ehemaligen Bürgeramtes hatte der Senat die Neuankömmlinge einquartiert. In einen Plattenbau vis-à-vis dem Bahnhof.

Keiner fragte sie, woher sie kommen. Viele glaubten es schon zu wissen. Sven zum Beispiel. »Sinti und Roma« seien das, sagt er, als wir uns im Ruderclub treffen. In seinem Gesicht spiegelt sich Wut. Diese Leute seien nur gekommen, um den Staat »abzuzocken«, seien Hartz-IV-Betrüger. »Woher willst du das wissen?«, fragte ich. »Na, guck sie dir doch an. Goldkettchen tragen die. Denen geht es doch gut.«

Im Internet wird Sven noch unflätiger. Von »Drecksasylanten« schreibt er auf Facebook. Mein Mann schaut mich an. Ich schaue ihn an. War das der Sven, den wir kannten? Ein netter Kerl, dachten wir. Ende 30, Abitur, BWL-Studium, krisensicherer Job in einer Behörde, geschieden, zwei Kinder. Wenn das Auto nicht anspringt oder der Wasserhahn leckt, Sven hilft.

Vor einigen Jahren sind wir aus dem hohen Norden der Republik in den Osten Berlins gezogen. Nie hätten wir geglaubt, dass auf diesem Ort ein unsichtbarer Schatten liegen könnte. Ausgerechnet hier, in der Großstadt, beginne ich, die Nächstenliebe zu vermissen. Dabei ist Köpenick ein Refugium, es gibt viel Licht, viel Grün. Es ist ein Kiez, in dem jeder jeden kennt; in der Mitte ein Bäcker, zwei Cafés und eine Kirche. Eine mächtige Glocke taktet den Tag in Viertelstunden. Das ist unser Zuhause.

Die Kirche, so dachten wir bisher, spielte in unserem Leben keine große Rolle. Wir sind beide getauft und konfirmiert, sogar geheiratet haben wir mit Gottes Segen. Aber im Gottesdienst waren wir schon lange nicht mehr. Mein Verhältnis zu Gott ist ein pragmatisches. Man muss nicht mit der Bibel unterm Kopfkissen schlafen, um zu wissen, wie man durchs Leben navigiert. Wozu hat man Werte?

Meine Mutter, Jahrgang 1944, war ein Flüchtling. Sie wuchs als achtes Kind einer Vertriebenenfamilie in der norddeutschen Tiefebene auf, in einer Barackensiedlung mit Plumpsklo. Sie war an diesem Ort nicht willkommen, das ließ man sie spüren. Es ging ihr ähnlich wie heute den Ankömmlingen in dem Heim in unserem Kiez. »Pollacken«, so nannte man die Neubürger aus Ostpreußen. Es war ein Stigma, meine Mutter versuchte ihr Leben lang, es loszuwerden. Ihr Haus stand immer offen für andere. Sie ermutigte uns, die Welt zu bereisen und Vorurteilen zu misstrauen. Ich habe mich nie gefragt, ob das praktiziertes Christentum ist.

Diese Frage holte mich erst ein, als wir vor zehn Jahren nach Ostberlin zogen. Werte, von denen ich dachte, sie seien selbstverständlich, galten hier für andere nicht. Oder spricht aus dieser Diagnose die Arroganz des Wessis?

»Ohne Gott ist alles erlaubt«, schrieb Dostojewski. Das erklärt manches

Brandenburgs früherer Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) beklagte 2005, dass der real existierende Sozialismus eine moralisch verlotterte Gesellschaft zurückgelassen habe. Heute glaube nur noch jeder Dritte im Osten an Gott. Der Generalleutnant a. D. war damals schon für seinen forschen Ton und einen gewissen Mangel an Feingefühl bekannt. Mit Repressionen gegen die Kirchen, kritisierte er, habe das greise Politbüro die Gesellschaft »entchristlicht«. Verbindliche Moralregeln und grundlegende Werte seien verloren gegangen.

Das Fehlen von Religion – ist es das, was unsere Nachbarn von mir und meinem Mann trennt? Die These vom moralstabilisierenden Charakter der Religion hat schon der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski vertreten. Es war seine Erklärung für die eigene Verwandlung vom Revolutionär zum Christen: »Ohne Gott ist alles erlaubt.« Als Politikwissenschaftlerin hätte ich es nie gewagt, diesen Satz zu unterschreiben. Gibt es nicht Unmenschliches, das auch und gerade in christlichen Ländern geschehen ist? Haben nicht nur in Rostock-Lichtenhagen, sondern auch in Solingen und Mölln die Häuser von Migranten gebrannt?

Für meine Examensarbeit habe ich die Rolle der evangelischen Kirche bei der friedlichen Revolution in der DDR untersucht. Ich bin Menschen begegnet, die ihr Leben riskierten, um genau jene Werte und Regeln zu verteidigen, die ich nun im Alltag vermisse. Bürgerrechtler, Schriftsteller, Künstler, Pastoren. Ihr Kampf war gelebte Demokratie.