Was im Westen gern vergessen oder absichtlich verschwiegen wird: Die DDR war kulturkonservativ und konnte schon deshalb die Kirche nicht einfach beseitigen. Das lag in der Logik der linken Geschichtsphilosophie. Denn der historische Materialismus lehrt, grob gesagt, die permanente Weiterentwicklung des Menschen. Jede neue Epoche ist ein Fortschritt gegenüber einer alten. Also alles Alte war einmal Fortschritt. Ohne das Alte nichts Neues. Ohne Kulturerbe keine Zukunft. Ohne Kirche letztlich kein Kommunismus.

Deshalb waren die Kirchensprengungen in der DDR auch für viele Parteimitglieder ein Skandal. Deshalb gab es neben einer geharnischten Religionskritik auch einen staatlich geförderten Luther-Kult. Und so durchideologisiert dieser Kult gewesen sein mag: Die Beschäftigung mit dem Glauben bleibt niemals folgenlos. Wenn zu Zeiten des Sozialismus an der Martin-Luther-Universität Luthers Predigten gelehrt wurden, wenn es für Germanisten Pflicht war, die Bibel zu benutzen, um Brentanos Gedichte zu begreifen, wenn in den Schulen Johann Christian Günthers Bußgedanken über den Zustand der Welt gelesen wurden – dann färbten christliche Inhalte auch auf den sozialistischen Menschen ab.

Die Kirche genießt im Osten noch hohes Prestige. Man traut ihr etwas zu

Der Kommunismus hatte einst das Evangelium beerbt, indem er die Verheißung vom Anderswerden der Welt in eine Erlösungsutopie übersetzte: Der Mensch muss befreit, die Verhältnisse müssen revolutioniert werden. Pech für die DDR, dass einige ihrer Staatsinsassen das Wort von der Revolution ernst nahmen und am Ende gegen die Diktatur wendeten. Sie kehrten zurück in die Kirchen, wo die Idee der Befreiung, Errettung, Erlösung herkam. Sie trauten dem Christentum die Freiheit zu. Sie befreiten sich selbst.

Und heute? Sind die ostdeutschen Kirchen nicht mehr annähernd so voll wie zu Wendezeiten. Aber die Kirche genießt bei den Ostdeutschen noch immer ein hohes Prestige – und darin besteht ihre Chance. Wo der Kirche Großes zugetraut wird, darf sie sich selbst auch etwas zutrauen. Einige christliche Politiker aus dem Osten haben diese Chance bereits ergriffen und prägen das neue Deutschland: der Bundespräsident Joachim Gauck ebenso wie die Kanzlerin Angela Merkel, der Verteidigungsminister Thomas de Maizière und die neue grüne Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt . Sie zeigen: Kirche muss nicht kleinlich in Gottesdienstbesucherzahlen denken, sondern kann ihre freiheitliche Botschaft ins Land hinaustragen. Sie muss nicht dauernd Revolution machen, aber sie könnte auch künftig ein Ort des Anderswerdens und des Aufbruchs sein. Vielleicht hat er ja schon begonnen, der Aufbruch, im Osten.