GlaubeSo einfach ist es nicht

Schluss mit dem Gerede vom gottlosen Osten! von 

Im angeblich so gottlosen Osten geschehen noch Zeichen und Wunder. Ein Wunder ist, was sich gegen alle Wahrscheinlichkeit ereignet. Ein Wunder ist, was den Tatsachen widerspricht und unsere Behauptungen Lügen straft. Über Ostdeutschland beispielsweise wird ständig behauptet, dass es gründlich entkirchlicht, vollkommen glaubensfern und für das Christentum endgültig verloren sei. Trotzdem gibt es dort eine erstaunliche Treue zum christlichen Erbe, das vielerorts hingebungsvoll gepflegt und gern auch gefeiert wird.

So kann in Dresden das Wunder geschehen, dass sich an einem Sommerabend Tausende Menschen vor der Hofkirche versammeln, um eine Motette von Heinrich Schütz zu singen. Beim jüngsten Evangelischen Kirchentag brachten die Sachsen , angeführt von ein paar ihrer berühmten Chöre, das Gotteslob nicht nur schwungvoll, sondern mit Könnerschaft zu Gehör. Viele Gäste aus Westdeutschland waren baff. Denn die Schützschen Kirchenlieder sind keine Gassenhauer, sie gehören zum Kompliziertesten, was das Genre zu bieten hat. Und nun zelebrierten also die angeblichen Atheisten das geistliche Musikerbe mit Ehrgeiz.

Anzeige

Kein Wunder. Denn die ostdeutsche Kirchenfeindlichkeit ist ein Klischee, das nicht zutrifft. Zwar gibt es im Osten weniger Kirchenmitglieder als im Westen. Zwar glauben weniger Menschen an Gott . Aber ungläubig heißt noch lange nicht ungebildet, und kirchenkritisch heißt noch lange nicht kirchenfeindlich. Mit anderen Worten: Die neuen Bundesländer sind, was ihre Kultur und ihre Kirchen betrifft, sehr alte Länder. Sie sind in ihrem Denken und Fühlen, in ihrem Hoffen und Wünschen christlich geprägt.

Sie haben ja nicht nur das klassische Weimar mit Goethe und Schiller, nicht nur das Kloster Schulpforta mit Nietzsche (»Gott ist tot!«), sondern auch das alte Erfurt mit Meister Eckhart und das alte Wittenberg mit Martin Luther , das alte Halle mit Georg Friedrich Händel und das alte Leipzig mit Johann Sebastian Bach. So viel Kirche verschwindet nicht einfach aus dem kollektiven Bewusstsein, bloß weil plötzlich neue Hymnen wie die Internationale in Mode kommen und das Absingen des religionskritischen Verses »Es rettet uns kein höh’res Wesen: kein Gott, kein Kaiser noch Tribun« mal für eine Weile staatlich verordnet wird.

Was sind vierzig Jahre Sozialismus gegen zweitausend Jahre Christentum?

Im angeblich gottlosen Osten schätzen die Leute immer noch ihre Matthäuspassion . Sie lieben ihre Thomaner und Kruzianer. Sie freuen sich über die wieder errichtete Frauenkirche. (Wir entschuldigen uns an dieser Stelle vorsorglich bei den Anrainern all der ungenannt bleibenden kirchengeschichtlichen Höhepunkte von Naumburger Dom bis Leipziger Nikolaikirche.) Ostdeutschland, speziell Mitteldeutschland, ist Kulturland, ist Abendland, ist Christentum. Und darauf sind viele Ostdeutsche auch heute stolz.

Nun ist Traditionsstolz nicht dasselbe wie Glauben. Aber kann man Kirche schätzen, ohne von ihrer Botschaft berührt zu sein? Kann man ein Ohr für die Schönheit der Kirchenmusik haben, ohne deren Sinn zu verstehen? Die DDR, so heißt es allenthalben, habe den Menschen im Osten den Glauben ausgetrieben. Doch vierzig Jahre Sozialismus machen zweitausend Jahre Christentum nicht einfach ungeschehen. Auch wenn neokonservative Katholiken wie der Schriftsteller Martin Mosebach behaupten, die Gottlosigkeit des Ostens sei historisch gewachsen, also der abweichlerische Protestantismus und das unfromme Preußentum hätten geradewegs in den kirchenfeindlichen Sozialismus geführt – so schnell schießen die Atheisten nicht. Mosebach war anscheinend noch nie im sächsischen Kirchenkonzert. Sonst wüsste er: Die Ostdeutschen sind keine Kirchenfeinde. Anders als er fürchtet, sind die »Ungläubigen« im Osten weder Kulturbarbaren noch »von der Vervollkommnung ihres Menschseins ausgeschlossen«.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service