Katholische Kirche : Der Weggelobte

Pater Klaus Mertes machte einen der größten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche öffentlich. Sie schickte ihn in den Schwarzwald. Ein Besuch im Exil

Als Klaus Mertes im Frühjahr den Bürgerpreis der SPD entgegennahm, blitzte ein kleines silbernes Kreuz am Revers seines Anzugs. Es hatte die Größe eines Manschettenknopfes und war kaum zu sehen. Der Jesuitenpater hatte das minimalistischste Symbol gewählt, das ihm als Verweis auf sein Priesteramt zur Verfügung steht. Man musste genau hinschauen, um ihn als Mann der Kirche zu erkennen.

Mit dem Preis zeichnet die SPD Zivilcourage aus und Skepsis gegen jede Art von Obrigkeit. Parteichef Gabriel pries in seiner Laudatio den Mut, mit dem der Jesuitenpater und Rektor Anfang 2010 sexuellen Missbrauch in seiner Schule, dem Berliner Canisius-Kolleg, öffentlich gemacht hatte : »Er hat Verantwortung für jahrelanges Schweigen und Vertuschen übernommen.« Dann trat Mertes in der Parteizentrale ans Rednerpult. Für ihn sei dieser Preis wie ein Stück Brot auf einer langen Wanderung, die noch lange nicht zu Ende sei. Der 58-Jährige ist ein hervorragender Redner, er sprach frei und leidenschaftlich. Am Ende seiner Ansprache hob er die Stimme. »Was ist los bei uns im Land, wenn das Selbstverständliche gepriesen werden muss?«, rief er. »Und was ist los in der katholischen Kirche , wenn das Nestbeschmutzung genannt wird?« Die Gäste klatschten begeistert. Viele katholische Laienfunktionäre waren gekommen, auch Schüler und Eltern des Kollegs, das Mertes bis zum Sommer letzten Jahres geleitet hat. Richard von Weizsäcker war da. Sogar einige der ehemaligen Schüler, die sexuell missbraucht worden waren, zollten Mertes Respekt. Vom Erzbistum Berlin kam niemand. Kein Kirchenfunktionär klatschte ihm Beifall, keiner hörte ihm zu.

Vergangenen Herbst ist Klaus Mertes von Berlin nach St. Blasien gezogen, in ein schattiges Tal im Schwarzwald, wo man hinter jeder Wegbiegung gegen eine Felswand läuft. Dort hat ihn sein Orden zum Leiter des Jesuitenkollegs ernannt. Ursprünglich habe man ihn für eine andere Position im Orden vorgesehen gehabt, heißt es. Er war als Provinzial im Gespräch – als Oberster der rund 450 Jesuiten in Deutschland. Doch dann machte er im Januar 2010 Hunderte Fälle sexuellen Missbrauchs von Schülern durch zwei Patres am Canisius-Kolleg öffentlich. Der Brief, in dem er ehemalige Schüler aus den siebziger und achtziger Jahren aufforderte, ihm über ihre Erfahrungen zu berichten, löste im ganzen Land eine Aufklärungswelle aus . Inzwischen hat die Deutsche Bischofskonferenz den Opfern eine Entschädigung von je 5000 Euro angeboten . Die Täter können strafrechtlich nicht mehr belangt werden, die Fälle sind verjährt. Beide haben den Orden Ende der achtziger Jahre verlassen.

Die Enthüllungen zeigten, wie sehr die Kirche durch jahrelanges Schweigen ihre Täter schützte. Nicht einmal die Selbstanzeige eines Paters war zum Anlass genommen worden, einzuschreiten und die Schüler vor weiteren Übergriffen zu bewahren. Indem er solche Vorgänge nicht wie bisher intern regelte, sondern vor aller Welt zum Thema machte, brach Mertes ein Tabu. Mit seiner Entschiedenheit hat er es geschafft, diese 2000 Jahre alte Institution aufzurütteln, wie es lange niemandem gelungen ist. Nach weltlichen Maßstäben hat er das Zeug zum Volkshelden. Aus der Perspektive der Kirchenhierarchie ist er ein Rebell. Einer, den sie jetzt in den Wald geschickt haben, nach St. Blasien. Zufall? Absicht? Und wie sieht es Mertes selbst?

Nackte Granitwände umrahmen das Schwarzwaldstädtchen, goldglänzend ragt die Kuppel des Domes aus dem Kurort. Das Kolleg ist in einer ehemaligen Benediktinerabtei untergebracht. Im Treppenhaus des Hauptgebäudes riecht es nach Bohnerwachs und Gemüseeintopf. Im geräumigen Büro des Kollegsdirektors hängen abstrakte Kunst und eine Kuckucksuhr. Bücher über Pädagogik und Religion liegen herum, ein Messbuch ist aufgeschlagen. Ein paar Jungs spielen Fußball im Hof. »Ich kann nicht bestätigen, dass ich höher in die Ordensleitung aufgestiegen wäre. Es hätte sein können. Hätte aber auch sein können, dass ich in die Priesterausbildung gegangen wäre oder auf einen Posten in Rom «, beantwortet Mertes die Frage, wie seine Karriere wohl verlaufen wäre, hätte er nicht die Kirche in Aufruhr versetzt.

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Kommentare

34 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Durchhalten

"Bei den Jesuiten heißt das »Übung der Dankbarkeit« oder »geistliches Tagebuch«. Seit Januar 2010 hat er über 400 Seiten notiert.

Darum gehts auch, womit die mainstreamlichen Populisten, die pauschal Veränderung fordern, meist nichts am Hut haben.

"Die wertet er jetzt aus. »Emotional am anstrengendsten sind die Berichte der Opfer. Zu hören, was Vertrauensmissbrauch bei Menschen anrichtet –"..

Das ist Kirchenarbeit neben der notwendigen Arbeit der Aufarbeitung.

»Der Hass auf Bischöfe, die wirklich zuhören und sich dann nachdenkliche Fragen stellen, wird größer.«

Da ist wirklich bedenklich. Der Anteil der Kleingeister und kleingläubigen scheint zu steigen. Aber bitte, das bemerkt sieht man überall in Politik und Institutionen.

Welches Mass an Gerechtigkeitsempfinden

...es bedarf, um gröbstes Unrecht, begangen von Glaubensbrüdern, an die Öffentlichkeit zu bringen, vermag ich mangels Glauben nicht, mir vorzustellen.

Als "Whistleblower" hat Pater Mertens seinem Gewissen den Vorrang eingeräumt und zweifellos richtig gehandelt.

Alleine scheint ihm der Mut zu fehlen, seinen Weg konsequent zu Ende zu gehen. Man müßte die Biographie des Mannes kennen, um der Gründe habhaft zu werden, warum er dieser Kirche noch immer anhängt.

Weg mit Schaden

Inwieweit Herr Mertes wirklich ein "Whistleblower" oder eher ein begnadeter PR-Mann ist, das wird sich wohl erst in Rückschau herausstellen.

Auf jeden Fall empfehle ich am Thema Interessierten diesen Blog http://www.welt.de/kultur...

Werteorientierung versus Zielorientiertheit hin oder her: eine Organisation, die es wagt, Personal wie Bischof Mixa, Müller oder Tebartz van Elst in Führungspositionen zu setzen, scheint sich ihrer Sache so sicher, dass sie auf Imagekorrekturen offenbar keinen großen Wert legen muss.

Was die Hintergründe der unbotmäßigen Duldsamkeit gegenüber missbrauchenden Mitarbeitern in den eigenen Reihen angeht, gibt es hier ein interessantes Interview: http://www.zeit.de/gesell...

Egal, ob man der RKK hier Vorsatz oder einfach Fahrlässigkeit unterstellt: ihre Reputation ist futsch.

Sie hat es offenbar nur noch nicht gemerkt.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit