Urbanes LebenWir Stadtkinder

Jeder will heute urban sein. Vor allem aber die CDU. Was hat es mit diesem Zauberwort auf sich? von 

Eine Straßenszene in Berlin-Kreuzberg

Eine Straßenszene in Berlin-Kreuzberg  |  © Christof Stache/AFP/Getty Images

Dass Parteien nicht einfach Problemlösungsapparate sind, sondern Gesinnungsgemeinschaften und Lebensstil-Bastionen, das war früher immer offensichtlich: Die Parteien entwuchsen dem Humus bestimmter Milieus, und diese Milieus – ob Klassen, Konfessionsgemeinschaften oder Berufsgruppen – prägten den Habitus der Partei. Die einen duzten sich, die andern siezten sich, die einen betrachteten sich als Genossen, die anderen als liebe Parteifreunde, in der einen Partei traf der Apotheker auf den Rechtsanwalt, in der anderen waren die Mitglieder der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft unter sich, und in wieder einer anderen war es Ausdruck von Wohlanständigkeit, einen Janker zu tragen. In jedem Fall sang jeder seine eigenen Lieder. Und wessen Liedgut man teilt, auf dessen Loyalität kann man zählen.

Nun hat die Politikwissenschaft den Zerfall genau dieser klassischen Milieus für die Schwäche der großen Volksparteien verantwortlich gemacht: Wo es keine homogenen Milieus mehr gebe, lasse die Bindungskraft der zugeordneten Parteien rapide nach. Doch während man noch fröhlich im Namen der Individualisierung die alten Lebensstil-Gemeinschaften für tot erklärt, taucht ein neues Megamilieu auf: die urbanen Schichten. Und diese urbanen Schichten, so heterogen sie auch sind, machen ihr Kreuz am liebsten bei den Grünen.

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Seit der Union in fast allen Großstädten die Herrschaft entgleitet und sie zuletzt sogar das Stuttgarter Rathaus an die Grünen abgeben musste, heißt es aus der CDU selbstkritisch, man sei eine »Landeier-Partei« und habe kein Gespür für die Großstadt. Was fehle, sei ein »urbaner Masterplan«. CDU-Generalsekretär Gröhe konzediert gequält, es sei eine »bleibende Herausforderung, die großstädtischen Milieus noch stärker anzusprechen«.

In der Großstadt lebt nicht nur der Bohemian

So viel Soziologie war noch nie. Der Stadt-Land-Gegensatz meint plötzlich viel mehr als nur eine unterschiedliche Einstellung zur Pendlerpauschale. Welche semantischen Felder werden abgerufen, wenn es heißt, die Union müsse urbaner werden? Zur Sittengeschichte der alten Bundesrepublik gehörte, dass Urbanität eine exklusive, bestaunenswerte Eigenschaft war, von der weltläufige Reisende berichteten, sie hätten sie in Paris oder New York beobachtet. Heute hingegen ist Urbanität der neue Mainstream. Das föderale Deutschland hat seit dem Regierungsumzug nach Berlin eine starke Zentralisierung erfahren, hinzu kommt die Landflucht, die die Ballungszentren wachsen lässt. So taugt das Wort »urban« neuerdings zur Beschreibung der Mehrheitsgesellschaft. Die Sorge der Union ist es, dass ihr genau diese entgleitet.

Warum tut sich die Union so schwer mit der Großstadt? Weil mit ihr bestimmte Wertpräferenzen verbunden sind, gegen die sich die Partei lange gesträubt hat. Die CDU ist, gerade unter Angela Merkel, der Verkörperung der reinen Intelligenz, eine pragmatische Partei. Aber Parteien sind auch Rechthaber-Vereine. Und mit dem Begriff Urbanität werden heute Phänomene angesprochen, die alle Teil jener großen Emanzipationserzählung sind, die seit den siebziger Jahren Domäne des linken Diskurses war: Gleichberechtigung, Pluralität, Individualismus, Hedonismus, flexible Familienbilder, Migration, multikulturelle Identitäten und gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit starkem Hang zur Kindesadoption. Alles das eben, wovon die Union leise stöhnend sagen würde: Ist schon in Ordnung, aber lauthals bejubeln muss man es nicht auch noch! Die Rede von der Urbanität ist, so gesehen, ein Stöckchen, über das man die Partei springen lässt. Union-Stil ist: Es kann eine ostdeutsche Frau Kanzlerin sein, ein vietnamesisches Waisenkind Vizekanzler und ein Homosexueller Außenminister, aber das ist noch lange kein Grund, über diesen Umstand normativ-entzückt aus dem Häuschen zu sein. Als Christian Wulff von der »bunten Republik Deutschland« sprach, lag für viele Parteifreunde das größte Problem gar nicht in der Sache, sondern darin, dass ihr eigener Mann plötzlich wie einer jener Grünen auftrat, die man vor noch gar nicht langer Zeit als Multikulti-Romantiker lächerlich gemacht hätte.

Etwas von diesem Trotz des weltanschaulichen Selbsterhalts ahnt man, wenn Philipp Mißfelder der Union, die für Solidität stehe, abrät, so oft die Farbe zu wechseln, »bis es jedem Bohemien passt«. Das ist nämlich das Problem: dass man den Sozialtypus des kaufkräftigen, gebildeten, auf Nachhaltigkeit Wert legenden, partizipativ gestimmten Bürgers, der Fritz Kuhn gewählt hat, überhaupt für einen Bohemien halten kann. Dieses Milieu entspricht ja viel eher jener Großstadt-Klasse, die der New York Times- Kolumnist David Brooks einst Bobos taufte: bourgeoise Bohemiens, die die ästhetischen Attraktionen der Subkulturen neugierig kolonisieren, um sie kraft ihrer Kaufkraft in bürgerliche Lebensformen zu überführen. Der Bobo ist in Wahrheit ein Soliditätsgarant.

Die Union hat immer die technische Modernisierung forciert, während sie gleichzeitig gesellschaftspolitisch Geborgenheit und Vertrautheit vermitteln wollte. Orientierung hieß für die CDU: Manche essenziellen Lebensvollzüge bleiben sich gleich. Das Leben in der Großstadt hat sich aber rasant von traditionellen Lebensformen entfernt. In urbanen Milieus ist die Patchworkfamilie nicht mehr das tragische Scheitern einer Lebensaufgabe, sondern ein hochkomplexes Sozialgebilde, das von Top-Performern mit Stolz und Anmut ausbalanciert wird. Dabei setzt die Patchworkfamilie nicht weniger auf Bindung als die Traditionsfamilie. Nur ist die Bindung heute mehr Ergebnis freier Entscheidungen als familiärer Herkünfte. Das biologisch Gewachsene wird vom individuell Gewählten abgelöst. Wenn ein schwules Paar ein Kind adoptiert, ist das kein Akt der Promiskuität, sondern der Verbindlichkeit.

Darin läge die Chance für die Union, die sich wie die Grünen als Wertepartei versteht: Denn gerade die neuen Freiheitsgrade verlangen nach (flexiblen) Bindungsangeboten. Die Kehrseite der Individualisierung ist die transzendentale Obdachlosigkeit, die Einsamkeit des Ichs, das in keinen Ordnungen mehr aufgehoben ist. Hier müsste die Union als Partei der Bindungen zur Stelle sein. Denn die urbanen Milieus sind keineswegs traditionsfeindlich. Im Zeichen der neuen Bürgerlichkeit wird ja geradezu sehnsüchtig auf überlieferte Formen zurückgegriffen, um gegen die zentrifugalen Kräfte der Großstadt durch Rituale Stabilität zu schaffen.

Wenn man diese Janusköpfigkeit des Modernisierungsprozesses ernst nimmt, dann kann man auch auf den Begriff der Urbanität verzichten. Denn dass sich die CDU am permanenten Hipness-Wettbewerb der Metropolen beteiligt, das würde man ihr auch nicht raten. Entlastung von den Coolness-Anforderungen der Großstädte und ihrem Blendertum ist ein legitimes Bedürfnis. Man lebt ja auch deswegen auf dem Land, um nicht immerzu im Fegefeuer der Eitelkeiten schmoren zu müssen. Aber das Verhältnis von Freiheit und Bindung neu auszutarieren ist eine Aufgabe für die Städte wie für die Provinzen.

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Leserkommentare
  1. >> unter Angela Merkel, der Verkörperung der reinen Intelligenz <<

    ... sicher dieselbe Angela Merkel gemeint, die die beste Regierung seit der Wiedervereinigung führt, nicht wahr?

    Was hat diese Frau eigentlich getan, dass ihr die Medien so zu Füßen liegen?

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    • dymphna
    • 24. November 2012 15:23 Uhr

    Nichts, aber wie der Altvordere Kohl schon wusste: wer nichts tut, macht auch keine Fehler. Angelas Geheimnis ist, so wenig wie möglich zu tun.

  2. Im Zuge von Gentrifizierung und neu entstehenden gated communities wird sie sich aber Inseln des Konservatismus schaffen können.

    P.S.: Die Union als Werte-Partei zu bezeichnen ist ein guter Witz.

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    • TDU
    • 24. November 2012 14:13 Uhr

    Ich weiss nicht, wo Sie herkommen? Vielleicht Berlin? Glauben Sie mir, es sind nicht alle so. Im übrigen gehen Sie doch zur Bild mit Ihrer pauschalen Abwertung. da sind genug Leute, die nur einen Wert akzeptieren: Sich selbst.

    • GFriday
    • 24. November 2012 13:48 Uhr

    So interessant der Artikel anfing, so schwach sind insbesondere folgende Passagen:

    "Die urbanen Milieus sind keineswegs traditionsfeindlich. Im Zeichen der neuen Bürgerlichkeit wird ja geradezu sehnsüchtig auf überlieferte Formen zurückgegriffen, um gegen die zentrifugalen Kräfte der Großstadt durch Rituale Stabilität zu schaffen."

    --> Hier würde man sich ein paar Beispiele wünschen, welche Rituale denn da gemeint sind. Und insbesondere, wo da für der CDU die Möglichkeit bestehen soll, diese argumentativ in ihr wert-konservatives Leitbild zu integrieren - da hat man doch so seine Zweifel.

    "Entlastung von den Coolness-Anforderungen der Großstädte und ihrem Blendertum ist ein legitimes Bedürfnis. Man lebt ja auch deswegen auf dem Land, um nicht immerzu im Fegefeuer der Eitelkeiten schmoren zu müssen"

    Die Autorin scheint hier ähnliche Vorurteile zu haben wie Herr Mißfelder. Denn ob man die urbanene Schichten als ausnahmslose "Bohemians" oder als "eitle Blender" charakterisiert, es bleibt ja wohl eine armselige von eigenen Vorurteilen getragene Abwertung moderner Lebensentwürfe/-weisen.

    • GFriday
    • 24. November 2012 13:49 Uhr

    "In urbanen Milieus ist die Patchworkfamilie nicht mehr das tragische Scheitern einer Lebensaufgabe, sondern ein hochkomplexes Sozialgebilde, das von Top-Performern mit Stolz und Anmut ausbalanciert wird."

    Die Patchworkfamilie wird also nur von "Top-Performern" ausbalanciert. In dieser Aussage stimmt ja mal überhaupt nichts. Erstens frag ich mich, was hier überhaupt ausbalanciert werden müsste. Gespaltene Identitäten, Lebenskrisen, Überforderung, Mangel an sozialer Anerkennung? Das wären die Reaktionen/Einstellung vielleicht auf dem Lande / in konservativen Kreisen, in der Stadt sind die Realitäten längst andere. Und dass die Autorin dies nur sog. "Top-Performern" zutraut, bravo! - die Unkenntnis gesellschaftlicher Realitäten dürfte kaum größer sein. Traditionelle Familienstrukturen sind noch deutlich stärker in sozio-ökonomisch wohlhabenderen als ärmeren Gesellschaftsschichten prävalent, und das die Autorin "Top-Performer" nur bei den höheren Schichten ansiedeln würde, muss man wohl angesichts ihrer anderen Vorurteile getrost annehmen.

  3. New age Biedermeiertum! adios Europa aber das wirst du nicht überleben

    • nitrovw
    • 24. November 2012 13:50 Uhr

    werden sich die Sozen schon ihre Pfründe sichern.

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    • Chilly
    • 24. November 2012 17:02 Uhr

    eine Politik des unbedingten Machterhalts eher bei Union und FDP anzutreffen ist. Einen mutigen Schritt, wie Schröder 2005, nach den schlimmen Arbeitslosenzahlen mit offenem Visier eine vorgezogene Neuwahl zu riskieren, würde Angela Merkel niemals einfallen.

    Was das Sichern von Pfründen angeht, fragen Sie doch einmal Herrn Niebel. Dieser wurde für seine krasse Günstlingswirtschaft im BMZ und nachgeordneten Unternehmen sogar von Unionsabgeordneten angegriffen. Ich sehe daher keine besonderen Zusammenhang zwischen Pfründesicherung und "Sozen".

    CHILLY

    • anyweb
    • 24. November 2012 13:54 Uhr

    Es ist doch nicht Zufall, dass die CDU in den Großstädten nicht mehr gewählt wird. So zu tun als müsste sie jetzt nur ein paar Schrauben umjustieren und ein paar hippe Slogans in die Straßen hängen ist absurd. Erstens würde ihr das niemand abkaufen und zweiten würde sie sich (wie im Artikel angesprochen) dadurch vollkommen unglaubwürdig machen. Traurige Tatsache ist doch, dass die CDU bewusst und nicht zufällig eine Politik vertritt, die an der Lebenswelt der Städter vorbeigeht, bzw. 10 Jahre hinterherhinkt. Traurig ist auch, dass es zur Zeit keine Partei in Deutschland gibt, die progressive Politik macht. Die SPD ist mindestens genauso verstaubt, die Grünen so grün wie sie unsozial sind, die Linke verfahren und lernresistent, die FDP.....und die Piraten sind die unreflektierten Wasserträger der genannten. Traurig vor allem, dass man bei der nächsten Wahl eine Partei wählen wird, die Schwarz-Gelb ablösen kann, und nicht eine, an deren Politik man wirklich glaubt.

    • TDU
    • 24. November 2012 14:08 Uhr

    "Und diese urbanen Schichten, so heterogen sie auch sind, machen ihr Kreuz am liebsten bei den Grünen."

    Sie haben, gutes Einkommen vorausgesetzt alle Vorteile dessen, für das sie sich eingesetzt haben. Infrastruktur um die Ecke, auch mit Steuermitteln der Landbevölkerung aufgebauten ÖVPN und alles flurbreinigt gemäß ihren Bedürfnissen durch die oft links grünen Regierungen. Die Parteien regieren ja auch in den Städten und nicht unabhängige Bürgermeister wie in New York z. B.

    In Köln ist die Verkehrspolitik auch immer Volkserziehung und wenn die Bürger das wollen o.k. Vielleicht schlägt die Stunde der CDU, wenn die vernachlässigten nicht urbanen Schichten der Stadt Konjunktur beanspruchen.

    Auf Grund der Ignoranz und Selbstbezogenheit der urbanen Schichten, die die Vorschriften und Standards setzen wollen für Gegenden wo sie nicht leben wollen und leben werden.

    Wenn die sozialen Verhältnisse sich weiter ändern und der Migration und Zuzug nur insoweit Rechnung getragen wird, in dem man alle mündlich willkommen heisst.

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    • Kelhim
    • 24. November 2012 14:27 Uhr

    ... sicher auch ein "Links-Grüner".

    Dass die Städter ihre eigene Umwelt nach ihren eigenen Werten gestalten wollen, ist nicht verkehrt, und wenn dazu ein öffentlicher Nahverkehr, der ohne die Umwelt zu belasten und die Straßen zu verstopfen Menschen bequem von A nach B bringt, dann ist das lobenswert und nicht ignorant.

    Auch "das Land" ist von kleinen Städten durchbrochen, die ihrer Umgebung attraktive kulturelle Angebote (und natürlich auch ÖPNV) bieten. Die jungen Leute vom Land pilgern zuerst in diese Kleinstädte in ihrer Umgebung und dann später, wenn sie oder ihre Freunde Auto fahren, in die Großstädte.

    Von den Städten profitiert auch das Land, dann können sie auch, wie in einer solidarischen Gesellschaft üblichen, indirekt für sie mitbezahlen.

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