Urbanes Leben : Wir Stadtkinder
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Urbane Milieus sind nicht traditionsfeindlich

Die Union hat immer die technische Modernisierung forciert, während sie gleichzeitig gesellschaftspolitisch Geborgenheit und Vertrautheit vermitteln wollte. Orientierung hieß für die CDU: Manche essenziellen Lebensvollzüge bleiben sich gleich. Das Leben in der Großstadt hat sich aber rasant von traditionellen Lebensformen entfernt. In urbanen Milieus ist die Patchworkfamilie nicht mehr das tragische Scheitern einer Lebensaufgabe, sondern ein hochkomplexes Sozialgebilde, das von Top-Performern mit Stolz und Anmut ausbalanciert wird. Dabei setzt die Patchworkfamilie nicht weniger auf Bindung als die Traditionsfamilie. Nur ist die Bindung heute mehr Ergebnis freier Entscheidungen als familiärer Herkünfte. Das biologisch Gewachsene wird vom individuell Gewählten abgelöst. Wenn ein schwules Paar ein Kind adoptiert, ist das kein Akt der Promiskuität, sondern der Verbindlichkeit.

Darin läge die Chance für die Union, die sich wie die Grünen als Wertepartei versteht: Denn gerade die neuen Freiheitsgrade verlangen nach (flexiblen) Bindungsangeboten. Die Kehrseite der Individualisierung ist die transzendentale Obdachlosigkeit, die Einsamkeit des Ichs, das in keinen Ordnungen mehr aufgehoben ist. Hier müsste die Union als Partei der Bindungen zur Stelle sein. Denn die urbanen Milieus sind keineswegs traditionsfeindlich. Im Zeichen der neuen Bürgerlichkeit wird ja geradezu sehnsüchtig auf überlieferte Formen zurückgegriffen, um gegen die zentrifugalen Kräfte der Großstadt durch Rituale Stabilität zu schaffen.

Wenn man diese Janusköpfigkeit des Modernisierungsprozesses ernst nimmt, dann kann man auch auf den Begriff der Urbanität verzichten. Denn dass sich die CDU am permanenten Hipness-Wettbewerb der Metropolen beteiligt, das würde man ihr auch nicht raten. Entlastung von den Coolness-Anforderungen der Großstädte und ihrem Blendertum ist ein legitimes Bedürfnis. Man lebt ja auch deswegen auf dem Land, um nicht immerzu im Fegefeuer der Eitelkeiten schmoren zu müssen. Aber das Verhältnis von Freiheit und Bindung neu auszutarieren ist eine Aufgabe für die Städte wie für die Provinzen.

Kommentare

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Jaja, eitle Top-Performer-Bohemians ...

So interessant der Artikel anfing, so schwach sind insbesondere folgende Passagen:

"Die urbanen Milieus sind keineswegs traditionsfeindlich. Im Zeichen der neuen Bürgerlichkeit wird ja geradezu sehnsüchtig auf überlieferte Formen zurückgegriffen, um gegen die zentrifugalen Kräfte der Großstadt durch Rituale Stabilität zu schaffen."

--> Hier würde man sich ein paar Beispiele wünschen, welche Rituale denn da gemeint sind. Und insbesondere, wo da für der CDU die Möglichkeit bestehen soll, diese argumentativ in ihr wert-konservatives Leitbild zu integrieren - da hat man doch so seine Zweifel.

"Entlastung von den Coolness-Anforderungen der Großstädte und ihrem Blendertum ist ein legitimes Bedürfnis. Man lebt ja auch deswegen auf dem Land, um nicht immerzu im Fegefeuer der Eitelkeiten schmoren zu müssen"

Die Autorin scheint hier ähnliche Vorurteile zu haben wie Herr Mißfelder. Denn ob man die urbanene Schichten als ausnahmslose "Bohemians" oder als "eitle Blender" charakterisiert, es bleibt ja wohl eine armselige von eigenen Vorurteilen getragene Abwertung moderner Lebensentwürfe/-weisen.

(Fortsetzung)

"In urbanen Milieus ist die Patchworkfamilie nicht mehr das tragische Scheitern einer Lebensaufgabe, sondern ein hochkomplexes Sozialgebilde, das von Top-Performern mit Stolz und Anmut ausbalanciert wird."

Die Patchworkfamilie wird also nur von "Top-Performern" ausbalanciert. In dieser Aussage stimmt ja mal überhaupt nichts. Erstens frag ich mich, was hier überhaupt ausbalanciert werden müsste. Gespaltene Identitäten, Lebenskrisen, Überforderung, Mangel an sozialer Anerkennung? Das wären die Reaktionen/Einstellung vielleicht auf dem Lande / in konservativen Kreisen, in der Stadt sind die Realitäten längst andere. Und dass die Autorin dies nur sog. "Top-Performern" zutraut, bravo! - die Unkenntnis gesellschaftlicher Realitäten dürfte kaum größer sein. Traditionelle Familienstrukturen sind noch deutlich stärker in sozio-ökonomisch wohlhabenderen als ärmeren Gesellschaftsschichten prävalent, und das die Autorin "Top-Performer" nur bei den höheren Schichten ansiedeln würde, muss man wohl angesichts ihrer anderen Vorurteile getrost annehmen.