Promotionen : Würzburger Doktorfabrik

Ein Professor für Medizingeschichte soll über Jahre hinweg Dissertationen gegen Spenden selbst verfasst haben.

Das Büchlein umfasst 35 Seiten, schnörkellos eingebunden in weißen Karton. Drei Exemplare dieser Arbeit über Heilpflanzen aufeinandergestapelt, sind gerade einmal so dick wie ein iPhone. Und zieht man Inhaltsverzeichnis, Danksagung und all den Text ab, der nicht originär vom Autor selbst stammt, bleiben sieben Seiten übrig. Das wäre nicht weiter berichtenswert, wenn es sich um die Festschrift einer Kleingartenkolonie handeln würde. Es geht aber um eine Dissertation der Universität Würzburg, noch dazu eine, die mit magna cum laude bewertet wurde und die im doppelten Sinne als flach bezeichnet werden muss. Sie ist nicht die einzige Doktorarbeit dieser Art an der Hochschule.

Rund 20 Arbeiten, für die zwischen 1998 und 2005 am Institut für Geschichte der Medizin ein Doktortitel vergeben wurde, genügen nicht einmal wissenschaftlichen Mindeststandards. Das haben externe Fachgutachter bestätigt, die von der Universität beauftragt worden waren, nachdem erste Zweifel an der Qualität der Dissertationen aufgekommen waren. All diese Arbeiten wurden von demselben Professor betreut, bei fünf von ihnen prüft der Promotionsausschuss der Medizinischen Fakultät nun schon seit mehr als einem Jahr sogar, ob sie plagiiert sein könnten.

Dieser Würzburger Fall hat nichts mit dem Plagiat Guttenbergs zu tun und nichts mit dem Streit um die Doktorarbeit von Annette Schavan. Es geht hier nicht um die Täuschungen Einzelner, sondern um den Vorwurf, dass ein Professor im großen Stil gegen Spenden Doktorarbeiten selbst verfasst haben soll.

"Eine Schande für die Universität"

Am Dienstag vergangener Woche tauchte auf der Homepage der Universität Würzburg eine lapidar formulierte Pressemitteilung auf : "Der Promotionsausschuss der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg hat in seiner Sitzung am 5. November beschlossen, zwei Doktortitel zu entziehen." Und zwar, so heißt es weiter, da "erhebliche Teile aus anderen Arbeiten entnommen waren, ohne dies korrekt zu kennzeichnen". Es klang, als sei das ein alltäglicher Vorgang.

"Diese 20 Arbeiten sind eine Schande für die Universität", sagt ein emeritierter Würzburger Medizinprofessor.

"Dass für diese armseligen Heftchen Titel vergeben wurden, ist geradezu lächerlich", sagt ein Professor für Medizingeschichte.

"Das ist eine Katastrophe für die ansonsten so blendend dastehende Fakultät", sagt ein Ehrensenator der Universität.

"Dieser Fall hat unser gesamtes Fach sehr mitgenommen", sagt der Vorsitzende des Fachverbands Medizingeschichte.

Was ist da bloß los in Würzburg?

Wer sich mit diesem Fall befasst, dem begegnet eine grotesk verkommene Wissenschaftswelt. Es gibt dort Eitelkeit und Missgunst, Ruhmsucht und Denunziation. Es geht um den Verdacht auf gekaufte Doktortitel, um einen windigen Promotionsvermittler und merkwürdige Spenden, um angeblich gefälschte Beweise und anonyme Hinweisgeber. Und es geht um einen Mann, der sein Leben der Wissenschaft gewidmet hat und am Ende an ihr zerbrochen ist.

Wer den Fall verstehen will, muss zurückgehen ins Jahr 2005. Der ehemalige Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Gundolf Keil, der 25 Sprachen sprechen soll, ein "Mann von lexikalischem Wissen", wie unabhängig voneinander gleich drei Kollegen sagen, ist seit 18 Monaten emeritiert. In dem Institut für Geschichte der Medizin, einem Flachbau in bester Lage am Würzburger Neuberg, geht er ehemaligen Mitarbeitern zufolge dennoch ein und aus, sein Büro darf er weiterhin nutzen. Jetzt, wo er sich nicht mehr mit administrativen Dingen herumplagen muss, kommt er sogar noch häufiger, auch am Wochenende, um sich endlich mit voller Kraft seiner Leidenschaft zu widmen: der Wissenschaft im Allgemeinen und mittelalterlichen Schriften über Heilpflanzen- und Kräuterkunde im Besonderen. Gundolf Keil gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet. Er ist ein viel beschäftigter Festredner, Träger zahlreicher Preise und Mitglied im päpstlichen Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem, für den laut Satzung nur "Persönlichkeiten katholischen Glaubens sowie einwandfreier sittlicher Lebensführung" auserwählt werden. Ein Jahr zuvor wurde ihm sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen.

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Bestellware Doktortitel?

Der Artikel hinterlässt den Eindruck, als ob in Deutschland der Doktortitel von einer einzigen Person (im vorliegenden Fall von Herrn Keil) vergeben werden könne. Aus französischer Sicht ist das völlig unverständlich. Die Verleihung eines Doktorgrades wird hier in Frankreich äußerst zeremoniell (man kann auch bürokratisch dazu sagen) gehandhabt: Eine Prüfungskommission (zusammengesetzt aus ca. 5 internen und externen fachspezifischen Hochschullehrern/Professoren) begutachten im Vorfeld die Zulassungsfähigkeit einer Dissertation (Doktorarbeit). Im positiven Falle muß dann der Doktor-Aspirant in einer etwa vierstündigen öffentlichen (also für jedermann! zugänglichen) "soutenance" seine Arbeit vorstellen und "verteidigen". Direkt im Anschluß daran berät die Kommission über die endgültige Vergabe des Titels.
Es kann natürlich sein, daß in den verschiedenen Fachbereichen die Qualitäts-Latte unterschiedlich hoch hängt. Aber das Verfahren an sich ist national verbindlich, und die Möglichkeit einer "Vergabe" des Titels à la Keil scheint mir hier bei uns völlig ausgeschlossen zu sein.

Wird das denn nicht ähnlich gehandhabt in Deutschland? Ist die Promotion dort ein privater Bauchladen der Herren Professoren?

Genau das dachte ich mir auch DaKaWe

Ich frage mich auch, wie diese Titel so mir-nichts-dir-nichts von Prof. Keil "vergeben" werden konnten. Eigentlich sieht auch in Deutschland der Promotionsprozess gewisse Maßnahmen vor, um so etwas zu verhindern.
Eine Doktorarbeit wird generell durch ein Zweitgutachten geprüft. Zudem gibt es nach der Begutachtung der Arbeit eine Disputation bzw. ein Rigorosum, in der bzw. in dem die Arbeit mündlich öffentlich oder wenigstens "universitätsöffentlich" (d.h., dass Angehörige der jeweiligen Universität teilnehmen dürfen) verteidigt werden muss. Die Prüfungskommission, in der wenigstens Erst- und Zweitbetreuuer/-gutachter sowie Dekan und weitere Professoren sitzen müssen, legen am Ende die Note fest. So kenne ich es aus meinem Fachbereich. Ich weiß jedoch auch, dass in der Medizin nicht immer jedes Mitglied der Prüfungskommission auch an der Verteidigung teilnimmt. Ob das auch für Medizingeschichte an der Universität Würzburg gilt, weiß ich nicht.

Der Fall zeigt übrigens einen Aspekt überdeutlich, der seit einiger Zeit u.a. vom Wissenschaftsrat diskutiert und angeprangert wird: Wieso sind in Deutschland Doktorvater/Doktormutter Teil der Prüfungskommission? Damit benotet er/sie doch letztendlich die eigene Betreuungsleistung und nicht nur die Leistung des Promovierenden.
Vielleicht hilft dieser absolut absurde Fall (my favourite: "Würzburg am Tag vor Lichtmeß 2003") ja, um dieses System nun endlich einmal zu überdenken und bestenfalls auf Dauer zu ändern.

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen

dass die medizinischen Dissertationen noch für sehr viel Aufsehen sorgen werden. Dieses Gebiet ist ein riesiger Sumpf.
Wir haben gar nicht die Manpower, um all die Plagiats- und Betrugsfälle zu untersuchen. Da müssen Schnellverfahren her, in denen kurz und schmerzlos der Dr. Titel aberkannt wird.

Problem der Vergleichbarkeit

Naja, das Problem medizinischer "Dissertationen" ist ja vielmehr, das Studenten im 4. Jahr so nebenher einige Statistiken zusammenstellen können, und nach 8 Monaten zusammenschreiben dürfen. In den Naturwissenschaften oder bei den Ingenieuren, wo die Dissertation in Vollzeit 3-4 Jahre dauert, würde so etwas noch nicht einmal als Diplomarbeit akzeptiert werden.

Wie soll man die Qualität einer "Doktorarbeit" in der Medizin bewerten, die meist nur den Bruchteil einer Studie darstellt, welche der Professor später veröffentlicht, wenn bei den MINTs mehrere Veröffentlichungen der Resultate in Peer-Review-Fachzeitschriften (bei vergleichbarem Impact-Factor) oftmals schon Voraussetzung dafür sind, dass der Prüfungsausschuss die Arbeit überhaupt erst annimmt?

So lange für derartig unterschiedliche WISSENSCHAFTLICHE Leistungen dennoch der gleiche Titel vergeben wird, so lange wird sich nichts ändern, da die schiere Flut an "Dissertationen" in der Medizin (der niedrigere Standard dort macht es eben deutlich einfacher, einzureichen) in der Tat nicht angemessen zu prüfen ist.