E-Mails von StudentenHallöchen, Herr Professor

Warum schreiben Studenten so unhöfliche E-Mails? Weil sie es nicht besser wissen. von 

Über die Korrespondenz mit ihren Studenten hört man Professoren oft klagen. Beim Öffnen ihrer Mailbox sähen sich Hochschuldozenten mit einem schockierenden Dschungel aus »Pseudo-Anbiederei, Jugendslang und Hybris« konfrontiert, schrieb der Münsteraner Juraprofessor Thomas Hoeren vor einigen Jahren auf Spiegel Online. Studenten übertrügen den ungezwungenen Ton aus Chatrooms eins zu eins in ihre Mails, schimpfte sein Gießener Kollege Martin Gutzeit vergangenes Jahr in der FAS. Jan Seifert, Dozent für Germanistische Linguistik an der Universität Bonn, geht mit den studentischen Corpora Delicti etwas gelassener um: Er hat sie soeben für seine sprachwissenschaftlichen Zwecke analysiert (Aptum, Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur Nr. 1/2012).

»Anhand studentischer E-Mails lässt sich hervorragend der Erwerb einer neuen Kommunikationsstufe studieren«, erklärt Seifert, der sich vor allem mit Sprachkritik und -reflexion beschäftigt und den unsere sprachlichen Umgangsformen generell stark interessieren. Die E-Mail an den Dozenten sei für Studenten oft eine der ersten Situationen, in der sie offiziell und asymmetrisch – mit einem Höhergestellten – kommunizieren müssten. Dieser Herausforderung seien die wenigsten gewachsen.

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»Guten Abend«, schrieb einer von Seiferts Studenten. »Haben Sie von meiner Freundin die nachricht bekommen dass mein zug ausgefallen ist? Ich stand grade im wald mit dem ollen ding. Ich hoffe Sie haben mich heute nicht zu sehr vermisst ;) wenn sie brauchen kann ich ihnen einen attest besorgen.. aber eigentlich war ich nicht krank.«

Was Seiferts Kollegen als grobe Verletzung jeglicher Höflichkeitsregeln empfinden, wertet der Sprachwissenschaftler als schlichte Unkenntnis sprachlicher Normen. Aus Unwissenheit habe der Student auf den umgangssprachlichen Duktus zurückgegriffen, der ihm aus dem Mailkontakt mit Freunden gebräuchlich war, inklusive einer gewissen Lockerheit bei der Beachtung von Rechtschreibregeln. 500 E-Mails hat Seifert untersucht, Erstkontaktaufnahmen von Studenten aus seinem Postfach und den Mailaccounts von Kollegen. Im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung war die unfreiwillig komische Ausdrucksweise dabei eher die Ausnahme. Ebenso traf Seifert auf Bemühungen, besonders förmlich zu klingen.

»Bezüglich des Seminares (Titel) würde ich gerne um einen Gesprächstermin bitten, um mit Ihnen das Thema meiner Hausarbeit zu besprechen«, schrieb ihm etwa eine Studentin. »Leider kann ich den von Ihnen zur Verfügung gestellten Termin während der Sprechstunde nicht wahrnehmen.« Oder: »Aufgrund einiger Komplikationen bei der Modulbelegung, wollte ich in Erfahrung bringen, ob ich ohne Probleme einen Gruppenwechsel vollziehen kann?«

Die Genitivvariante auf -es (»Seminares«) ist laut Duden gar nicht mehr vorgesehen. Seifert vermutet, manche Schreiber hielten sie trotzdem für stilistisch besser. Hier handle es sich wohl um Studenten, die bereits eine Idee davon hätten, welche sprachlichen Verfahren für den Ausdruck kommunikativer Distanz (»Warnung vor dem Hunde!«) geeignet seien. Auf diese griffen sie dann zurück, jedoch oft unreflektiert und mechanisch. Das gelte zum Beispiel auch für Formulierungen wie »in Erfahrung bringen«. Oft werde aus diesem Grund auch das Relativpronomen »welche/-r« verwendet, das der Duden als »schwerfällig« bezeichnet: »Allerdings habe ich Kontakt zu Kommilitonen, welche mir ihre Unterlagen der Einführung zur Verfügung stellen können.«

Dass Studenten Probleme haben, den richtigen Ton zu treffen, liegt allerdings auch daran, dass dieser bislang noch unzureichend definiert ist und bei verschiedenen Adressaten oft ganz unterschiedlich ankommt. So gilt etwa die Anrede »Hallo« dem Duden zufolge als in E-Mails »weit verbreitet« und »weitgehend akzeptiert« – eine Onlinebefragung der Greifswalder Sprachwissenschaftlerin Jana Kiesendahl 2009 ergab aber, dass nur etwas mehr als die Hälfte der Lehrenden diese angemessen fand. Ebenfalls als bedenklich wertet Kiesendahl den Bezug auf die Tageszeit: Formeln wie »Guten Abend« suggerierten, dass Studenten von ihren Dozenten eine Verfügbarkeit rund um die Uhr erwarten.

Seifert hat ein Schema entwickelt, welche Formel in welcher Beziehung für welche Art von Distanz steht. Die wilden Mischungen, die er in den E-Mails der Studenten fand, wertet er als weiteres Indiz für deren Unwissenheit. So etwa die Kombination von »Sehr geehrter« (sehr förmlich) mit »herzlichen Grüßen« (eher nähesprachlich). Oder auch den folgenden Fall: »Hallo Herr (N. N.)! Ich wollte nur mal nachfragen, ob mit meiner Hausarbeit alles in Ordnung war, da ich noch keine Note bei basis finden konnte?! Ganz liebe Grüße.« Möglicherweise, mutmaßt Seifert, wollten Studenten auf diese Weise in heiklen Fällen Wohlwollen bei ihrem Dozenten erzeugen.

Als Fachmann fordert Jan Seifert, das sprachliche Bewusstsein Studierender mehr zu schulen. Sie müssten für die Feinheiten der elektronischen Kommunikation sensibilisiert werden; Untersuchungen wie diese könnten in linguistisch fundierte Handlungsempfehlungen für den Alltag münden.

Der Jurist Martin Gutzeit ist da rigoroser. Auf seiner Institutshomepage ist zu lesen: »Wir weisen höflich darauf hin, dass E-Mails, bei denen die Form nicht gewahrt ist (unsäglich: ›Hi‹, ›Hallo‹, ›Servus‹), nicht beantwortet werden.«

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Leserkommentare
  1. eines der besten Bildungssysteme der Welt zu zerstören. Nun kommen junge Menschen in die Gesellschaft, die mit mangelhafter Bildung und Ausbildung auf die Gesellschaft losgelassen werden.

  2. haben sich bedauerlicherweise den heutigen Umgangsformen angepasst. Erstaunlich ist es, dass junge Menschen, die eine akademische Laufbahn anstreben, im Umgang mit der deutschen Sprache so oft entgleisen. Höre ich auf der Straße zu, wie Menschen miteinander sprechen, so habe ich oft den Eindruck, dass Umgangssprache sich nicht nur inhaltlich verschlechtert hat. Diese m. E. fatale Entwicklung findet gleichzeitig im Umgang mit der Schreibschrift statt. Durch den Computer wird das eigene Schreiben grob vernachlässigt. Dies ist kein Fortschritt, sondern eine Rückentwicklung.

    • konne
    • 24. November 2012 13:43 Uhr

    In Spanien regiert das "Du" und in Deutschland das "Sie". Man sollte Länder nicht vergleichen. Hier in Spanien wird man auch mit "tio" oder "tia" (Onkel oder Tante was so etwas wie "Alter" oder "Alte" bedeutet) angesprochen obwohl man keine familiären Beziehungen hat. Dieses "du" ist in Spanien kulturell veranlagt wie das "Sie" in Deutschland. Meine Frau war Dozentin für spansiche Sprache an der Universität (36 Jahre lang) Was man dort an e-mails sah war genauso gravierend wie in diesem Artikel über Deutschland.Gravierender war noch das ein e-mail oder ein Examen mit Abkürzungen geschrieben wurde. wie .B. ( i hab ine gschribn u noj kain antwort ehalte kön s mia x antworte) Abkürzungen wie x für mal oder : für durch werden immer gängiger.Haben Sie das auch gemacht?

    Antwort auf "schon lustig"
  3. "Der Titel des Profs ist auf der Lehrstuhlhomepage zu erfahren. Wo ist das Problem?"

    Also wer den Hochschullehrer mit

    "Sehr geehrter Herr Institutsdirektor Univ.-Prof. Dr. med. Dr. med. habil. Dr. hc. mult. Mustermann"

    anschreibt, macht sich lächerlich.

    Ausnahmen könnten(!) evtl. manche(!) Mediziner sein. Nicht selten sieht man bei denen, dass sogar die Habilitation als zweiter Doktorgrad geführt wird. Insoweit ist mein Beispiel sogar ungeschickt gewählt.

    • Glawen
    • 24. November 2012 14:17 Uhr

    Es gibt eben solche und solche Professoren. Man kann voher leider nie sagen, wie sie angesprochen werden wollen. Bei meinen letzten beiden Mails, an mir unbekannte Professoren, habe ich das mal wieder gemerkt. Da waren die Antworten doch eher recht kurz und umgangssprachlich gehalten.

    Für einen kleinen Einblick: Auf meine mit "Sehr geehrter Herr Professor XY,....Mit freundlichen Grüßen Z" bekam ich ein etwas kurz geratenes:"Ich erwarte Sie in meiner Sprechstunde.
    Viele Grüße, XY" zurück.
    Der andere hat es wenigstens noch zu einer Grußformel und einem "Danke" geschafft:"Hallo,
    kommen Sie bitte am Mittwoch in meine Sprechstunde und bringen Sie Ihre Unterlagen mit.
    Danke
    Viele Grüße
    XY"
    Wenn ich mir diese Mails anschaue, habe ich mit Sicherheit übertrieben. Bei der ersten Mail kann man das allerdings nicht ändern. Vom ersten Professor hätte ich dann aber doch auch etwas mehr Höflichkeit erwarte. Aber er ist halt der Boss und ich denke, es sollte mir gegenüber nicht unhöflich sein und wird eher dem überquellenden Postfach und der fehlenden Zeit geschuldet sein.
    Allerdings finde ich es schon lustig, wie unterschiedlicher Ansicht man bezüglich des Mailverkehrs sein kann. Die beiden müssen hoffentlich nie mit einem Juraprofessor kommunizieren. Ich denke nicht, dass sie eine Antwort erhalten würden...

  4. Es ist nicht Aufgabe der Wissenschaftler, sich mit persönlichen Mängeln ihrer Studenten zu befassen. Wer weder im Elternhaus noch in der Schule die elementarsten gesellschaftlichen Umgangsformen gelernt hat, den wird das spätere Leben sowieso dafür bestrafen. Doch ist es stets peinlich, sich im Berufsleben noch aneignen zu müssen, was man als junger Mensch versäumte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • WolfHai
    • 24. November 2012 21:15 Uhr

    Kommentar 46: "Unis sind keine Benimmschulen [Absatz] Es ist nicht Aufgabe der Wissenschaftler, sich mit persönlichen Mängeln ihrer Studenten zu befassen."

    Das sehe ich nicht ganz so. Ich denke, es gehört zur Aufgabe von Institutionen, Neuankömmlinge darin anzuleiten, wie man sich innerhalb der Institutionen angemessen benimmt. Das hat mit "persönlichen Mängeln" nichts zu tun, denn Unwissenheit ist kein "persönlicher Mangel". Je vielfältiger die Gesellschaft ist, desto wichtiger wird diese Aufgabe, denn desto vielfältiger sind die Hintergründe der Beteiligten.

  5. zum oiepen
    wie hies es noch in der generation meiner eltern und großeltern:?
    "ja leck mich am arsch, wenn das nicht meine alte benimmlehrerin ist"

  6. Ich kann mich nur den Kommentatoren anschließen, die nicht so recht sehen, wo hier eigentlich das Problem liegt.

    Ich bezweifle, dass es häufig vorkommt, dass ein Student eine e-mail in obiger Form schreibt, in der er sich unbeholfen für sein Fehlen entschuldigt und gleichzeitig zugibt, nicht krank gewesen zu sein.

    Professoren und Dozenten haben sehr unterschiedliche Arten, mit Studenten umzugehen. Die einen wollen lieber geduzt werden, gerade in höheren Seminaren mit geringer Teilnehmerzahl. Dann gibt es welche, die wollen ihren Titel andauernd hören, andere spricht man schlicht mit ihrem Nachnamen an, wie das in der Gesellschaft ohnehin der allgemeine Umgangston ist.

    Ich habe hier eher den Eindruck, es geht mal wieder darum, die Studenten zu bashen, wenn man erstmal ganz groß und schlau und erwachsen ist. ('Bashen' ist ein Anglizismus; ich entschuldige mich bei Ihrer Durchlaucht hiermit förmlichst auf das Allerhöchste für meine post-moderne Ausdrucksweise.) Studenten und junge Menschen haben heute deutlich mehr Druck, aber auch mehr Fähigkeiten, als es sich manch ehrenwerter Professoer vorstellt. Jener Professor hat früher eben überhaupt nicht kommuniziert, wo heute eine email geschrieben wird.

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