DeutschlandWir Rechtsradikalen

Eine Studie sieht Rechtsextremismus weit verbreitet. Aber wo soll der sein? von 

Was macht eine gute Bundeskanzlerin aus: Machtwille, Durchsetzungsfähigkeit, Gemeinwohlorientierung? All dies und mehr, weshalb nicht klar ist, was genau verwerflich sein soll an dem Satz: »Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohl aller mit starker Hand regiert.« Er findet sich in der jüngsten Untersuchung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung über Rechtsradikalismus in Deutschland. Zehn Prozent der Bundesbürger stimmen ihm zu, was aus Sicht der Stiftung die weite Verbreitung eines »geschlossenen rechtsextremen Weltbilds« belegt. Das ist ein erstaunliches Urteil. Ins Englische übersetzt, wäre der strittige Satz trivial, im Deutschen transportiert er immerhin die fatale Konnotation des Wortes Führer. Aber macht ihn das zu einem extremistischen Bekenntnis?

Es ist ein alarmierender Befund, den die Ebert-Stiftung in dieser Woche vorgelegt hat: Fast jeder zehnte Deutsche denkt rechtsextremistisch! Wer so etwas behauptet, sollte gute Gründe haben. Man liest weiter – und staunt.

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Die Forscher haben fast zweieinhalbtausend Bundesbürger um Stellungsnahmen zu Aussagen gebeten, die angeblich konstitutiv für ein extremistisches Weltbild sind. »Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben« – wer das glaubt, ist angeblich des »Chauvinismus« überführt. »Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken« – das ist ein hässlicher Satz, der die Maxime der ebenfalls hässlichen Rückkehrprämienpolitik der neunziger Jahre beschreibt. Aber rechtsradikal?

Und so geht es weiter. »Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer gefährlich überfremdet.« Man muss diese Ansicht nicht teilen, um einzuräumen, dass sie unter Demokraten vertreten werden kann. »Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland« – das mag eine antiquierte Handlungsanweisung für ein Politikfeld sein, auf dem Geschmeidigkeit und Kompromissfähigkeit zählen. Aber was, bitte, ist an einem Bekenntnis zu einer interessegeleiteten Außenpolitik rechtsradikal?

Man muss der Ebert-Stiftung zugute halten, dass einige ihrer Beobachtungen erschreckend sind. Antisemitismus ist weit verbreitet, das wird plausibel belegt. Im Übrigen aber sollte man dieser »Studie« nur einen Befund glauben, der, seltsam unverbunden, zwischen all den vermeintlichen Belegen extremistischer Einstellungen steht: 95 Prozent der Deutschen sind überzeugte Demokraten.

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Leserkommentare
  1. Waehrend einige der Schlussfolgerungen ein wenig weit hergeholt erscheinen (man haette im ersten Beispiel das Problem umgehen koennen indem man Fuehrer durch Fuehrung ersetzt. Fuehrer ist in Deutschland ebend, anders als im Englischen negativ assoziiert), sind einige der Aeuserungen rechtsradikal. "»Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer gefährlich überfremdet.« Man muss diese Ansicht nicht teilen, um einzuräumen, dass sie unter Demokraten vertreten werden kann" Diese Aueserung (und die Reaktion des Autoren des Artikels) ist gesellschaeftsfaehiger Rechtsextremismus nach dem Motto "man wird ja wohl noch mal sagen duerfen" wie es auch im Antisemitismus so haeufig ist.

    • MaxS2
    • 26. November 2012 8:52 Uhr

    Viele Rechtsdenkende aus der gesellschaftlichen Mitte haben im Grunde Angst vor gewissen Entwicklungen: Die gehen z.B. davon aus, dass Massenzuwanderung+ Islam unserem Land eine weniger gute Zukunft bescheren, und begründen das für sich mit einer Reihe von Argumenten.

    Das Problem ist dann im Grunde der Umgang mit diesen Menschen. Die Leute, die sich Sorgen machen und ihre Argumente darlegen, werden schnell zu Rechtspopulisten erklärt, ihre Sorgen und Argumente zum Tabu erklärt, in Foren wird zensiert oder gleich auf Brevik und NSU verwiesen.

    Damit kann man zwar oft die Debatte abwürgen, nur eines erreicht man nicht: Wer sich vor gewissen Entwicklungen Sorgen macht, dann nimmt man ihm diese Ängste dadurch in keiner Weise.

    Darum mein Vorschlag: Geht mit Menschen die "rechts denken" anders um. Geht auf die Argumente ein und widerlegt sie, wenn ihr könnt. Wenn jemand Angst vor Islam+Überfremdung hat, dann geht nicht auf die Person los, sondern argumentiert rational darüber, ob das von ihm befürchtete Szenario realistisch ist, oder wo ihr denkt, dass der Rechte falsch liegt, und warum.

  2. Die FES hätte sich ja auch einfach mal die Mühe machen können, zwischen "rechts" (i.S.v. konservativ, ein Begriff, der heutzutage ja leider kaum noch benutzt wird, weil er weniger populistisch klingt) und "rechtsextrem/-radikal" zu unterscheiden, wie das ja auf der anderen Seite der Mitte auch gemacht wird. Denn wie der Autor richtig bemerkt, gehört eine Aussage wie "Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland" zwar ins konservative Spektrum, deutet aber dadurch nicht zwingend auf eine rechtsradikale Einstellung hin. In Frankreich etwa würde man auf eine solche Äußerung wohl nur mit Schulterzucken reagieren, da längst Staatsraison. In Deutschland hingegen reicht so ein harmloser Satz schon als Aufreger.

  3. Der Autor schreibt: "Fast jeder zehnte Deutsche denkt rechtsextremistisch!" und "95 Prozent der Deutschen sind überzeugte Demokraten." Kann er nicht rechnen? Wenn ca. 10% rechtsextremistrisch denken, können nach meiner Rechnung für die "überzeugten Demokraten" nur noch ca. 90% übrigbleiben, - es sei denn, man kann nach dem Verständnis des Autors gleichzeitig zu beiden Gruppen gehören.

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