Pianistin Hélène Grimaud"Schönheit ist wie ein Motor"
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"Die dunkle Seite macht die helle Seite erst zu dem, was sie ist"

ZEITmagazin: Auch der Paranoiker glaubt, alles sei mit allem verbunden!

Grimaud: Ja, da gibt es auch Abgründe. Aber wenn ich zu sehr in Gefahr gerate, von den Abgründen verschlungen zu werden, kann ich mich wieder aus diesem Denken lösen, aus Selbstschutz. Grundsätzlich sollte man den Mut haben, die Gefahr und die Abgründe auszuhalten, um zu sehen, wohin sie einen führen.

ZEITmagazin: Braucht es Krisen?

Grimaud: Ja, Krisen sind der Weg »nach oben« . Das Leben ist wie eine Welle, die du reiten musst. Das Wellental ist die Vorbereitung, um den Wellenkamm zu erreichen. Man darf nicht davor zurückschrecken, auch mal am Boden zu sein.

ZEITmagazin: Sie sind kein Mensch, der viel verdrängt?

Grimaud: Nein, nicht wirklich. Obwohl ich gewiss auch manches unter den Teppich kehre. Es ist ein gewisses Maß an Gewalt in meinem Charakter, und ich liebe Kontraste. Die dunkle Seite macht die helle Seite erst zu dem, was sie ist.

ZEITmagazin: Was gibt Ihnen das Vertrauen, dass die dunkle Seite nicht übermächtig wird?

Grimaud: Musik und Natur. Beides ist ziemlich eins. Es hat mit vitaler Energie zu tun und mit Schönheit, die wie ein Motor ist, immer weiterzumachen. Bach zu spielen hat für mich die gleiche Wirkung, wie wenn ich in den Schweizer Alpen bin, in einer Landschaft von Dimensionen, vor denen du dir völlig unbedeutend vorkommst. Diese Erfahrung ist nicht deprimierend, sie gibt dir das Gefühl, zu dem Ganzen dazuzugehören. Verglichen damit fühle ich mich in einer Gruppe von Menschen viel verlorener und einsamer.

Ijoma Mangold

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Lara Fritzsche zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

ZEITmagazin: Bei Ihnen ist alles Konzentration. Gibt es auch Momente der Entspannung?

Grimaud: Für mich gibt es Entspannung nur in Balance mit Anspannung. Ohne Anspannung keine Form, dann ist alles flach, tote Zeit.

ZEITmagazin: Ist das für die Menschen um Sie herum nicht manchmal anstrengend?

Grimaud: Das wird mir oft gesagt. Es kann wohl schon »sehr mühsam« sein.

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Leserkommentare
  1. es ist m.e. ein irrglaube, dass menschen die musik machen auch immer viel und gutes zu sagen haben ... interviews mit musikern werden manchmal überschätzt!

    • Mikoss
    • 20. November 2012 11:04 Uhr

    von dieser Stelle aus.
    Danke auch für das Kompliment an unsere Sprache.
    Sie hat diese wunderbare Eingenschaft,
    doch leider mangelt es uns zutiefst an Ideen momentan,
    wir vermögen sie nicht zu nutzen.

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