Pianistin Hélène Grimaud"Schönheit ist wie ein Motor"

Die Pianistin Hélène Grimaud sieht Krisen als notwendig an. Unter Menschen fühlt sie sich manchmal verlorener als in den Alpen. von 

Die französische Konzertpianistin Hélène Grimaud (Archiv)

Die französische Konzertpianistin Hélène Grimaud (Archiv)  |  © Shannon Stapleton/Reuters

ZEITmagazin: Frau Grimaud, wollen wir uns auf Deutsch unterhalten oder auf Englisch?

Hélène Grimaud: Bitte auf Englisch, mein Deutsch ist viel zu schlecht.

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ZEITmagazin: Ich glaube, da übertreiben Sie – Ihr Deutsch ist doch ganz gut. Erwarten Sie zu viel von sich?

Grimaud: Schon wahr. Das ist auch ein Problem für mich. Manchmal verschließe ich mich vor einer Erfahrung, nur weil ich fürchte, nicht perfekt zu sein. Auf diese Weise kann man manches im Leben verpassen. Es ist eine Art Fluch.

HÉLÈNE GRIMAUD

43, ist in Aix-en-Provence geboren. Sie begann mit neun Jahren, Klavier zu spielen. Mit zwölf Jahren bestand sie die Aufnahmeprüfung am Pariser Konservatorium, als jüngste Schülerin aller Zeiten. Sie tritt mit großen Orchestern wie den Berliner Philharmonikern auf. Soeben erschien das Album »Duo«, das sie mit der Cellistin Sol Gabetta eingespielt hat

ZEITmagazin: Sie leben seit einiger Zeit in der deutschsprachigen Schweiz . Sie weigern sich aber, Deutsch zu sprechen?

Grimaud: Deutsch ist eine wundervolle Sprache, doch man muss die Grammatik wirklich beherrschen, Improvisieren funktioniert nicht. Oft, wenn ich etwas sagen will, kommt mir das deutsche Wort in den Sinn, weil es viel besser passt als das englische. Die deutschen Wörter sind so philosophisch und können Ideen zum Ausdruck bringen. Kurz, Deutsch ist zu schön, um es für Small Talk zu missbrauchen. Und mehr als Small Talk kriege ich auf Deutsch nicht zustande. Ich kann Dieter Bohlen und Stefan Raab im Fernsehen verstehen, das ist, wie es auf Deutsch heißt, »gute Unterhaltung«.

ZEITmagazin: Sie haben die besondere Gabe der Synästhesie : Sie nehmen Töne als Farben wahr.

Grimaud: Ja, aber das dürfen Sie nicht überschätzen. Es ist nicht so, dass ich ganze Musikstücke als Farbe wahrnehme. Es ist strikt an Tonarten gebunden. C-Moll ist immer schwarz, D-Moll blau, G-Dur grün und F-Dur immer rot.

ZEITmagazin: Hat Sie das nie irritiert?

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen  |  © qsus/photocase

Grimaud: Als ich ein Kind war und es das erste Mal passierte, da dachte ich: Huch, was ist denn da los? Ich übe gerade ein Bach-Präludium – und plötzlich sehe ich dieses sehr lebendige Rot-Orange. Wie ein Fleck, mit undefinierten Umrissen, der sich vor meinen Augen hin und her bewegt. Ich dachte: Hä?! Aber als Kind nimmt man die Dinge an, wie sie kommen. Man stellt keine überflüssigen Fragen. Und dann fand ich es auch nett. Vergnüglich. Als ich begriff, dass die Farben mit den Tonarten wechseln, dachte ich: Cool!

ZEITmagazin: Hat Ihnen diese Fähigkeit als Pianistin eine neue Dimension der Musik eröffnet?

Grimaud: Sie zeigte mir, wie grundlegend Musik wirkt. Alle Sinne sind stimuliert, wenn man ganz durch Musik absorbiert ist. Es ist dann wie eine Reise an einen Ort, an dem alles intensiver ist. Eine machtvolle Erfahrung.

ZEITmagazin: Das passt zu Ihrem Image als existenzielle Musikerin.

Grimaud: Ja, und es stimmt doch: Alles ist verbunden. Dieses Gefühl hatte ich schon als Kind, noch bevor ich es artikulieren konnte: dass alles, ob Wissenschaft, Künste, Philosophie oder Religion, verbunden ist. Das hat nichts mit einem Glauben an Gott zu tun, aber mit dem Glauben an die geheime Natur alles Lebendigen.

Leserkommentare
  1. es ist m.e. ein irrglaube, dass menschen die musik machen auch immer viel und gutes zu sagen haben ... interviews mit musikern werden manchmal überschätzt!

    • Mikoss
    • 20. November 2012 11:04 Uhr

    von dieser Stelle aus.
    Danke auch für das Kompliment an unsere Sprache.
    Sie hat diese wunderbare Eingenschaft,
    doch leider mangelt es uns zutiefst an Ideen momentan,
    wir vermögen sie nicht zu nutzen.

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