Sierra LeoneKinder, holt mal was zu trinken!

Valentine Strasser war 1992 der jüngste Diktator der Welt. Jetzt sitzt er in Sierra Leone auf der Straße. von Philipp Hedemann

Drei Tage nach seinem 25. Geburtstag putschte der bis dahin unauffällige Hauptmann Valentine Strasser gegen seinen obersten Befehlshaber. Das war in Sierra Leone 1992, und Strasser wurde zum jüngsten Staatsoberhaupt der Welt. Heute, 20 Jahre später, sitzt er an einer unbefestigten Piste in Grafton, einem trostlosen Vorort von Freetown, trinkt schon nachmittags Gin aus Plastiktüten und lebt von umgerechnet 35 Euro Staatsrente im Monat.

Ich komme am Mittag in Grafton an. Es ist die beste Zeit, wenn man eine Audienz haben möchte. Mittags ist Strasser meist schon wach, aber noch nüchtern. Man kann ihn nicht anrufen, um sich mit ihm zu verabreden, weil er kein Telefon hat. Die Chance, dass er Lust hat, sich zu unterhalten, soll bei 50 Prozent liegen. Die Chance, dass er zu Hause ist und Zeit hat, ist größer. Denn der Ex-Soldat, Ex-Diktator und Ex-Student – in dieser Reihenfolge – ist arbeitslos.

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Als ich ihn treffe, trägt er kurze Hosen und klobige Stiefel. Sein Oberkörper ist übersät mit Narben. Strasser raucht und starrt ins Leere. Seinen Landsleuten kann er nach zwölf Jahren am Straßenrand nichts mehr vormachen, aber wenn ein ausländischer Journalist kommt, drückt er das Kreuz durch und spannt die immer noch starken Muskeln an. Sein Charisma blitzt auf: »Ich will hier eine Hochschule für geopolitische Studien gründen. Vielleicht werde ich als ehemaliges Staatsoberhaupt auch selbst eine Vorlesung in Politik halten.«

Strasser kam 1967 zur Welt, keine gute Zeit in Sierra Leone. Sechs Jahre zuvor war die britische Kolonie in die Unabhängigkeit entlassen worden; korrupte Politiker hatten das an Diamanten reiche Land seither ausgequetscht. Im benachbarten Liberia brach 1989 der Bürgerkrieg aus. Im März 1991 überschritten vom liberianischen Warlord Charles Taylor finanzierte Rebellen die Grenze nach Sierra Leone, um die Minen im Osten zu erobern. 15 Jahre später inspirierte der Konflikt den Hollywood-Streifen Blood Diamonds mit Leonardo DiCaprio. Als Blutdiamanten gelten Diamanten, deren Verkauf Kriege finanziert.

Als der junge Soldat Strasser am 1. Mai 1991 einen Brückenkopf gegen die nach Westen vorrückenden Rebellen verteidigte, wurde er verwundet. »Die Regierung hat uns im Stich gelassen. Wir hatten keine vernünftigen Waffen und keine medizinische Versorgung. Ich hätte an der Wunde verrecken können«, erzählt Strasser.

Statt zu sterben, führte er am 29. April 1992 die »Operation Morgendämmerung« durch. Mit fünf Soldaten erstürmte er die Residenz des damals 55-jährigen Präsidenten Joseph Saidu Momoh. Nur mit einem Morgenmantel bekleidet, versteckte sich Momoh, vom Volk Dandogo (»Idiot«) genannt, in seinem Badezimmer. Die Putschisten fanden ihn, legten ihn in Handschellen und flogen ihn in einem Armeehubschrauber über die Grenze nach Guinea. Strasser wurde vielleicht nur deshalb zum Gesicht des Putsches, weil er eine englische Erklärung über die Absetzung des Präsidenten halbwegs fehlerfrei verlesen konnte.

In Sierra Leone kam das Regime der jungen Soldaten mit den Tarnfleckanzügen und den Ray-Ban-Sonnenbrillen zunächst gut an. Strasser führte den Valentinstag und Bob Marleys Geburtstag als Feiertage ein. Der Nationale Regierende Übergangsrat ließ die verdreckte Hauptstadt mit verordneter Gemeinschaftsarbeit wieder auf Vordermann bringen. Strasser und seine Männer feierten ihre Machtergreifung mit Marihuana und Wonchee-Girls, jenen jungen Afrikanerinnen, die ihre Haut chemisch bleichen.

»Ich habe mal mit Frauen herumexperimentiert, aber das war nichts für mich. Außerdem hatte ich gar keine Zeit. Ich musste einen Krieg führen, den ich nicht angefangen hatte«, sagt er jetzt, und es klingt fast staatsmännisch.

Leserkommentare
  1. und er bewirbt sich mal bei der EU in Brüssel.

    • vkv
    • 24. November 2012 20:20 Uhr

    Der Film, der vom Konflikt in Sierra Leone inspiriert wurde, heisst nicht Blood Diamonds, sondern Blood Diamond.

    • TomFynn
    • 24. November 2012 22:55 Uhr

    das nennt man Karma.

    PS: Wer sich mal über die - sagen wir großzügig - Rebellen informieren will, einfach mal bei Google "West Side Boys" + "Sierra Leone" eingeben. Tip: Nur auf nüchternen Magen.

  2. internationale Publizität verschaffen? So einer soll der Damnatio memoriae anheimfallen, dann ärgert man ihn am meisten. Es gibt eine Täteraffinität im Mainstream-Journalismus, die vermutlich einer Gewalt-Faszination entspringt: m. E. unaufgeklärtes Verhalten.

  3. Die Gruppe um Valentine Strasser war maßgeblich vom US-Gangsta-Rap der neunziger Jahre inspiriert, was Habitus und Auftreten vielleicht etwas verständlicher macht. Ursprünglich nannten sich die Soldaten "West Side Niggaz" oder "West Side Junglers". Diese Bezeichnungen wären jedoch für Nachrichtensendungen unakzeptabel gewesen, so dass man sich für die unproblematischere Bezeichnung "West Side Boys" entschied. Mehr dazu hier:

    http://de.wikipedia.org/w...

    • HBK
    • 25. November 2012 3:01 Uhr

    Der Autor hätte sich die Arbeit sparen können, den in weiten Teilen identischen (nur ausführlicheren) Artikel des New Statesman (http://www.newstatesman.c...) zu übersetzen---ein einfacher Link zum Original hätte gereicht.

    Die Redaktion geht Ihrem Hinweis gerade nach. Die Redaktion/sh

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Tausend Dank für den Link zum exzellenten (!) Artikel von Simon Akam. Tatsächlich fehlen hier auf ZEIT-Online einige der besten Partien - allerdings sind andere enthalten, die im "Original" (?) so nicht zu finden sind, und zwar nicht zuletzt als wörtliche Zitate gekennzeichnete Aussagen Strassers. Auch sonst wird durchweg der Eindruck erweckt, der Autor Philipp Hedemann hätte persönlich mit Strasser vor Ort gesprochen (z.B. "Ich komme am Mittag in Crafton an").
    Eine Stellungnahme der ZEIT wäre wünschenswert...

  4. Original und Plagiat. Danke für den Hinweis, werter HBK. Die vermutlich besten Zeitungen der Welt? peinlich, peinlich....

  5. Tausend Dank für den Link zum exzellenten (!) Artikel von Simon Akam. Tatsächlich fehlen hier auf ZEIT-Online einige der besten Partien - allerdings sind andere enthalten, die im "Original" (?) so nicht zu finden sind, und zwar nicht zuletzt als wörtliche Zitate gekennzeichnete Aussagen Strassers. Auch sonst wird durchweg der Eindruck erweckt, der Autor Philipp Hedemann hätte persönlich mit Strasser vor Ort gesprochen (z.B. "Ich komme am Mittag in Crafton an").
    Eine Stellungnahme der ZEIT wäre wünschenswert...

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