Schlacht von Stalingrad : "Keinen Schritt zurück!"
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Interviews aus der Zeit der Schlacht dokumentieren, was Russen erlebten

ZEIT: Wie kam es zu diesem Projekt, das schon wenig später nicht mehr ins offizielle sowjetische Bild passte?

Hellbeck: Dazu muss man ein paar Jahrzehnte zurückgehen, denn die Arbeit von Minz atmet noch den revolutionären Geist von 1917. Sie ist erfüllt von der Idee, einen »neuen Menschen« zu schaffen; von dem Glauben, dass sich jeder Mann, jede Frau seiner oder ihrer Rolle in der sozialistischen Gesellschaft bewusst werden und dabei über sich hinauswachsen kann. Die nötige Aufklärung erhoffte man sich nicht zuletzt von der Geschichte. So begann 1920 eine Kommission, die Ereignisse der Oktoberrevolution zu rekonstruieren und alle auffindbaren Zeitzeugen zu befragen. 1931 startete der Schriftsteller Maxim Gorki ein Großprojekt, um das Voranschreiten des ersten Fünfjahresplans abzubilden: Jede größere Fabrik in der Sowjetunion sollte ihre Chronik schreiben.

ZEIT: Und 1941 trat Isaak Minz Gorkis Erbe an?

Hellbeck: Ja, er benutzte Gorkis Techniken, um eine Art histoire totale des Großen Vaterländischen Krieges zu schaffen. 1941, als das Sowjetregime mit dem Rücken zur Wand stand, waren Stalin solche Anstrengungen willkommen. Bei Kriegsende hingegen stieg die Sowjetunion zu einer Weltmacht auf, und Stalin reklamierte den Erfolg allein für sich. Da hätte die Vielstimmigkeit einer avantgardistischen Dokumentation nur gestört. Das Individuum verschwand aus der Gedenkkultur.

ZEIT: Wie fassten die Historiker um Minz das Verhältnis von Individuum und Kollektiv auf? Und wie gestaltete es sich in der Roten Armee?

Hellbeck: Dazu muss man die kommunistischen Politoffiziere oder Kommissare in den Blick nehmen, die in der Armee tätig waren. Sie sollten die Soldaten zu politischen Kämpfern erziehen, nicht zum Kadavergehorsam. Mit einem Orden konnte daher auch ein einfacher Soldat ausgezeichnet werden, der seinen Kommandeur mit dem Maschinengewehr erschossen hatte, weil dieser im Begriff gewesen war, sich »feige« dem Feind zu ergeben. Der ideale Rotarmist kämpfte aus eigener Einsicht.

ZEIT: Wie wirksam war diese Politarbeit?

Hellbeck: Sie war – das belegen die Stalingrad-Protokolle eindrücklich – äußerst effektiv. Bisher nahmen die meisten Historiker an, dass der politische Apparat in der Armee keine große Rolle spielte, dass die Propaganda die Soldaten nicht wirklich erreichte. Die Tatsache, dass das Amt des politischen Kommissars 1942 abgeschafft wurde, deutete man als Beleg dafür. In Wirklichkeit drückte sich in der Abschaffung das gestiegene Vertrauen in die Rote Armee aus. Sie brauchte die Kommissare nicht mehr. Die wachsende Zahl von Parteimitgliedern unter den Soldaten spricht für sich. Manche Soldaten brannten regelrecht darauf, noch kurz vor dem nächsten Gefecht aufgenommen zu werden – um im Zweifelsfall als Kommunist zu sterben.

ZEIT: Der Kommunismus als Ersatzreligion?

Hellbeck: Ja, das erinnert beinah an eine Taufe.

ZEIT: Die Partei als Kirche – mit Stalin als Gott?

Hellbeck: Das geht etwas weit. Aber die Interviews belegen tatsächlich eine starke Bindung an Stalin. Welche Züge das annehmen konnte, zeigt die Anekdote, in der ein Rotarmist verspätet zur Unterzeichnung eines gemeinsamen Briefes an Stalin kommt. Gefragt, wo er gesteckt habe, sagt er, er sei schnell losgezogen, um einen »Fritzen« umzubringen, bevor er seinen Namen unter den Brief setzt. »Fritzen« nannten die Rotarmisten die Deutschen. So viele wie möglich zu töten war erklärtes Ziel.

ZEIT: Wie sah die Agitation der Politoffiziere aus? Wie brachten sie die Soldaten dazu, sich so in den Kampf zu werfen?

Hellbeck: Sie führten unablässig Einzelgespräche, teils direkt im Schützengraben, und schärften den Soldaten ein, für welche Ziele sie kämpften.

ZEIT: Gab es auf deutscher Seite Vergleichbares?

Hellbeck: Nein. Die Wehrmacht erschoss alle Kommissare, die sie zu fassen bekam, weil man – nicht zu Unrecht – annahm, dass sie das Rückgrat der Roten Armee bildeten. Die eigenen Soldaten aber wurden nicht politisch gedrillt. Das zeigt sich auch in den Gesprächen der sowjetischen Historiker mit deutschen Kriegsgefangenen. Die Interviewer waren verblüfft, wie wenig gefestigt die Deutschen in ihren Ansichten waren. Nach Stalingrad versuchte Hitler denn auch, vom Feind zu lernen. So wurde Ende 1943 das Amt des nationalsozialistischen Führungsoffiziers eingerichtet.

ZEIT: Mit Erfolg?

Hellbeck: Kaum. Was auch daran liegt, dass die Sowjetgesellschaft bereits seit 1917 bestand und die ideologische Erziehung von Anfang an eine prägende Rolle spielte. Die NS-Institutionen setzten hingegen stärker auf körperliche als auf geistige Ertüchtigung. Zudem war in der NS-Ideologie der »Arier« schon qua Geburt erhöht, während der kommunistische »neue Mensch« sich durch Bildung und Selbstüberwindung selbst hervorbringen musste. Dieser Transformationsgedanke findet sich auch immer wieder in den Interviews.

ZEIT: Aber sind sie nicht gerade deshalb eine heikle Quelle? Haben sich nicht viele der Befragten von vornherein selbst zensiert?

Hellbeck: Natürlich waren Minz und seine Kollegen keine »objektiven« Beobachter, und sie wollten auch kein »historisch kritisches« Bild zeichnen. Die Befragung war vielmehr selbst Teil der politischen Durchdringung der Armee. Zugleich aber arbeitete die Kommission sehr gewissenhaft und protokollierte die Gespräche akribisch, im Wortlaut. Da oft mehrere Soldaten derselben Division befragt wurden, lassen sich viele Details des Schlachtverlaufs aus ihren Aussagen präzise rekonstruieren.

ZEIT: Und doch: Bilden die Interviews nicht eher ein Wunschbild ab?

Hellbeck: Nein. Nehmen Sie etwa die Aussagen des Generals Wassili Tschuikow, der beschreibt, wie er vier ihm unterstellte Offiziere vor versammelter Mannschaft exekutierte, weil sie ihre Stellung verlassen hatten. Im Sommer und Herbst 1942, als die Abwehrfront einzubrechen drohte, griffen die Kommandeure häufig zu solch drakonischen Maßnahmen. Stalin hatte gerade seinen Befehl 227 erlassen: »Keinen Schritt zurück«. Die Truppen konnten dazu oft nur mit Gewalt angehalten werden.

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Kommentare

86 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

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"Da werden Hunderte von Kirchen mitsamt der darin zusammengetriebenen Dorfbevölkerung verbrannt und Sie regen sich auf, daß die Gegenoffensive nicht nach den Grundsätzen der Genfer Konfektion erfolgt."

Wenn man sich nacher als Held darstellen will ja, dann muss sie nach den Grundsätzen der Genfer Konvention erfolgen und wenn man an Katyn denkt so hat gerade die SU nicht nur als "Reaktion" auf die Nazis so gearbeitet sondern schon von sich aus auch.

Man könnte ja einfach sagen das totalitäre Regime zu derartigen Aktionen neigen....

Re: Die armen Deutschen ...

Nach Auswertung von vielen diplomatischen Aufzeichnungen der Kommunikation aus Botschaften und Außenämtern der betroffenen Staaten (RU,EN,FR,USA,DR) vor Beginn des 2. Weltkriegs, ist diese Aussage so nicht mehr haltbar.
Ausgearbeitet und niedergeschrieben hat dies der ehemalige der ehemalige Bundeswehr General Gerd Schultze-Rhonhof in seinem Buch "1939 - Der Krieg, der viele Väter hatte. Der lange Anlauf zum Zweiten Weltkrieg".
Prinzipiell kann man also wie beim 1.Wk nicht pauschal sagen Deutschland hätte die komplette Alleinschuld.
Ich denke, im Krieg hat sich dann keiner der Beteiligten mit Ruhm bekleckert und ist frei von Verbrechen dem Gegener gegenüber.

Die Absurdität Ihrer Forderung...

...lässt sich womöglich mit folgendem Vorschlag gut illustrieren:
Nehmen Sie doch zur nächsten Gedenkveranstaltung in Dresden ein Transparent mit oder nehmen noch besser mit einem Redebeitrag teil, mit dem Titel: "In Stalingrad starben auch Menschen", in welchem Sie darauf hinweisen wo überall im Zweiten Weltkrieg (andere (Kriegs)verbrechen außen vorgelassen, schließlich sollte angesichts begrenzter Redezeit das Thema in einem überschaubaren Rahmen bleiben) an diesem und an anderen Tagen ebenfalls Menschen ermordet wurden. Zum Schluss stellen Sie dann die Frage warum Ihr Publikum nur derart einseitig gedenkt.
Wenn es gut läuft, mache ich im Folgejahr mit.

Ich halte es da mit Karl Marx

"Die herrschende Geschichtsschreibung, ist die Geschichtsschreibung der Herrschenden!"
Das Thema ist nach wie vor aktuell. Ein paar Worte dazu von der Uni Duisburg-Essen - Die Interpretation und Deutung unterliegt dabei immer der eigenen Subjektivität.
http://www.uni-due.de/ein...
Selbst Napoleon merkte seinerzeit an. "Das objektive Bild der Geschichte ist die Summe der Lügen, auf die man sich nach 30 Jahren geeinigt hat."
Und die vorherrschende Geschichtsinterpretation unterlag nach dem 2.WK doch vorwiegend den Siegermächten.
Daher finde ich, dass man mit einem gewissen Abstand immer alle Aspekte gleichmäßig beleuchten sollte um sich ein konstruktives Bild zu machen. Und außerdem sollte man vorher natürlich seine Ideologiebrille absetzen, damit der Durchblick wieder da ist.
Haben Sie das Buch eigentlich gelesen oder einfach nur Wiki zitiert?

"Sagen Sie doch einfach, wes Geistes Kind Sie sind." - Na wo möchten Sie mich denn gerne sehen?
Ich kann mit bestem Gewissen sagen, ich bin wirklich frei von jeglicher Ideologie, egal ob grün, rot, braun, religiös, etc. Können Sie das auch von sich auch behaupten?