ZEIT: In manchen Darstellungen ist davon die Rede, dass allein in der 62. Armee 13.000 Soldaten von ihren Vorgesetzten exekutiert worden seien.

Hellbeck: Eine Fantasiezahl, wie die Stalingrad-Protokolle zeigen. Belegen lassen sich einige Hundert Hinrichtungen. Die angeblichen 13.000 Exekutionen, die in vielen Büchern bis heute genannt werden, sind nirgends nachgewiesen.

ZEIT: Schwingt da noch immer das alte Bild mit: die Rote Armee als gesichts- und geistlose Untermenschenhorde, angetrieben durch blanke Gewalt?

Hellbeck: Ganz gewiss. Wobei der Forschung auch lange Zeit die Quellen fehlten, um solche Behauptungen zu korrigieren.

ZEIT: Gab es vergleichbare Dokumentationen eigentlich auch in anderen Ländern?

Hellbeck: In den USA befragte der Militärhistoriker Samuel Marshall GIs nach ihren Einsätzen, um herauszufinden, wie die Kampfkraft erhöht werden könnte. Er arbeitete aber sehr viel unpräziser, auch fehlte ihm das Pathos der Sowjethistoriker.

ZEIT: Was passierte nach Kriegsende mit den Protokollen von Isaak Minz?

Hellbeck: Minz wollte sie publizieren, doch dann geriet er 1946 in die Mühlen von Stalins Kampagne gegen den »Kosmopolitismus«, die sich vor allem gegen Juden richtete. Minz und viele seiner Mitarbeiter waren Juden. Schließlich verlor er nach einer Art Schauprozess seinen Posten an der Akademie der Wissenschaften in Moskau. Die Protokolle verschwanden im Keller. Dort habe ich sie 2008 für meine Forschungen entdeckt.

ZEIT: Werden Sie mit dem Material weiterarbeiten?

Hellbeck: Auf jeden Fall. Denn die Kommission hat auch die deutsche Besatzungsherrschaft dokumentiert. Manchmal sind die Historiker keine zwei Wochen nach dem Rückzug der Wehrmacht in die befreiten Dörfer und Städte gefahren, um überlebende Zivilisten zu befragen. Eine einzigartige Quelle – zu einem Thema, das hierzulande, wie die Schlacht von Stalingrad, bisher nur aus deutscher Perspektive dargestellt worden ist.