Schlacht von Stalingrad"Keinen Schritt zurück!"

Neue Dokumente schildern die Schlacht um Stalingrad vor 70 Jahren erstmals aus sowjetischer Sicht. Ein Gespräch mit dem Historiker Jochen Hellbeck von 

DIE ZEIT: Herr Hellbeck, der Name Stalingrad steht für eine der grausamsten Schlachten der Weltgeschichte. Vom Schicksal der Stadt und ihrer rund 400.000 Einwohner aber ist nur selten die Rede. Was wäre passiert, wenn die Wehrmacht gesiegt hätte?

Jochen Hellbeck: Hitler wollte Stalingrad ausradieren. Es solle »kein Stein auf dem anderen« bleiben, hat er im August 1942 gefordert. Die deutsche Luftwaffe hat die Stadt dann auch fast völlig zerstört.

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ZEIT: Was geschah mit der Bevölkerung?

Hellbeck: Nach sowjetischen Angaben starben durch die Flächenbombardements im August und September etwa 40.000 Zivilisten. Wie viele Menschen in der von Flüchtlingen überlaufenen Stadt wirklich umkamen, lässt sich nicht mehr herausfinden. Tausende der Überlebenden wurden vertrieben oder als Zwangsarbeiter verschleppt.

ZEIT: Wie konnte sich trotz allem der Mythos so lange halten, die Deutschen seien in Stalingrad vor allem eines gewesen – Opfer?

Jochen Hellbeck
Jochen Hellbeck

Der 1966 in Bonn geborene Historiker lehrt Geschichte an der Rutgers University in New Jersey, USA.

Hellbeck: Das bleibt nach wie vor erstaunlich. Während der NS-Zeit hieß es, die Stalingradkämpfer hätten ihr Leben für Volk, Reich und »Führer« gegeben. Danach deutete man ihren Tod zur Tragödie um: die Wehrmacht, an der Wolga zerrieben, von Hitler verraten. Wieder später wurden aus den einstigen Helden hilflose Menschen, die ins Getriebe des Krieges geraten waren. Die sowjetische Seite aber blieb stets außen vor. In stiller Kontinuität zur NS-Propaganda blenden auch viele jüngere Darstellungen die Rotarmisten als »gesichtslose Untermenschenmasse« einfach aus.

ZEIT: Im deutschen Gedächtnis beginnt die Schlacht denn auch erst am 19. November 1942.

Hellbeck: Mit der Einkesselung der 6. Armee, ja. Nur so lässt sich das deutsche Opferbild aufrechterhalten.

ZEIT: Wie viele Soldaten kamen in Stalingrad ums Leben?

Hellbeck: Aufseiten der Wehrmacht etwa 190.000, auf sowjetischer Seite nach vorsichtigen Schätzungen fast 500.000, vielleicht noch weit mehr.

ZEIT: Wie ist dieser große Unterschied zu erklären?

Hellbeck: Die Deutschen waren technisch überlegen, besonders mit ihrer Luftwaffe. Außerdem war die Kriegsführung der Roten Armee sehr verlustreich. Tausende wurden gegen die im August und September vorstoßende Wehrmacht in den sicheren Tod geschickt. Eine oft sinnlose Aufopferung.

ZEIT: Aber damals ein Beweis von Heldenmut?

Hellbeck: Ja, der Heldenkult war sehr ausgeprägt unter Stalin. Entsprechend bombastisch war später das Kriegsgedenken. Am Mamajew-Hügel in Wolgograd, wie Stalingrad heute heißt, wurde 1967 eine Gedenkstätte mit einer riesigen Mutter-Heimat-Statue errichtet. Der einzelne, einfache Soldat jedoch hat in diesem Monumentalismus keinen Platz.

ZEIT: Ganz anders dagegen sind die Quellen, die Sie nun in Ihrem Buch Die Stalingrad-Protokolle präsentieren und analysieren.

Hellbeck: In der Tat. Die von mir untersuchten Interviews mit Rotarmisten und Parteifunktionären lenken den Blick auf einzelne Schicksale. Geführt wurden die Gespräche kurz nach der Schlacht, zum Teil auch noch während der Kämpfe. Die Interviewer gehörten einer Kommission an, die der Historiker Isaak Minz leitete. Und sie hat nicht allein die Erlebnisse von Soldaten in Stalingrad auf rund 5.000 Seiten dokumentiert, sondern den gesamten Großen Vaterländischen Krieg.

Leserkommentare
  1. teilweise sogar besser als die deutschen.
    Aber zu Anfang der Schlacht hatte noch nicht einmal jeder sowjetische Soldat ein eigenes Gewehr!

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    • bayert
    • 26. November 2012 9:46 Uhr

    die Soldaten der nachfolgenden Wellen konnten sich auf dem Schlachtfeld bedienen. Die Ausbildung der Soldaten war teilweise nicht vorhanden. Teilweise wurden Bauern direkt vom Feld rekrutiert.

  2. ZITAT:
    Ich finde es sowieso recht amüsant das man sowjetischen Quellen da offenbar so unbesehen traut ...

    Den Berichten deutscher Soldaten misstraut man ja auch nicht perse.
    Obwohl diese auch in einer Diktatur lebten und für dieses kämpften.

    Im Übrigen geht ein Historiker normalerweise immer mit der gebotenen Sorgfalt und auch Skepsis an das Lesen und Bewerten solcher Dokumente heran.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "......."
  3. zu veröffentlichen halte ich nicht für verwerflich, im Gegenteil, und diese Quellen scheinen in der Tat interessante Aspekte zu bieten.

    Allerdings, denke ich, sollte man ein neues Buch zu einem bereits sehr häufig beschriebenen Ereignis in einem Interview wie dem obigen in das Kontinuum der gesamten Geschichtsschreibung zum Thema einordnen. Zum 50. Jahrestag vor zwanzig Jahren (und ich vermute, davor und danach auch) sind in Wolgograd auch sehr viele Zeitzeugen - Veteranen der Schlacht sowie Bewohner der Stadt - interviewt worden, (ein mir persönliche bekannter Mitarbeiter des Wolgograder Panorama-Museums sagte mir damals, man müsse sich damit beeilen, die Veteranen stürben langsam aus) und Erinnerungstexte von Zeitzeugen erschienen, vielleicht eine interessante Vergleichsgröße zu den nun aufgefundenen Interviews, die direkt während der Schlacht aufgezeichnet wurden.

    Diese Ausgabe nun so darzustellen, als hätte es vorher gar keine gegenseitige deutsch-russische Kenntnisnahme in der Geschichtsschreibung gegeben, scheint mir ein bissel viel Werbung.

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    Antwort auf "Fragwürdige Quellen"
  4. Sowjetsoldaten hatten veraltete Maxim - Maschinengewehre aus dem ersten Weltkrieg, Wehrmachtssoldaten waren in großen Stückzahlen mit dem MG-42 ausgerüstet, einer Waffe die ohne nennenswerte Verbesserungen in der Bundeswehr dient und in absehbarer Zeit auch durch nichts besseres ersetzt wird. Klar waren die PPSh-41 und die sowjetische SVT begehrte Trophäen der Deutschen, aber mindestens gleich begehrt auf sowjetischer Seite. 42` Modifikationnen des PzIV waren mit ihrer langen Kanone dem T-34/76 überlegen.
    Die Schlacht haben die Zahlen entschieden. Die Wehrmacht mit einer Elitetruppe, die meisten seit `39 im Krieg. Sowjets mit ungleich mehr frisch einberufenen Rekuten und vor allem mit der kalten Wolga im Rücken.

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  5. nie passiert, desgleichen nicht die Bombardierungen von Dresden, Hamburg, Berlin etc. - und wer hat den Krieg angefangen? Eben. Soviel zur Opferrolle unserer Großväter.

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    Antwort auf "....."
    • bayert
    • 26. November 2012 9:46 Uhr
    38. Brutal

    die Soldaten der nachfolgenden Wellen konnten sich auf dem Schlachtfeld bedienen. Die Ausbildung der Soldaten war teilweise nicht vorhanden. Teilweise wurden Bauern direkt vom Feld rekrutiert.

    2 Leserempfehlungen
    • Karl V.
    • 26. November 2012 10:38 Uhr

    Ich empfehle jedem die Tagebücher von Prof. Victor Klemperer aus Dresden, der die Rassengesetze der Nazis am eigenen Leib erfahren musste und die schrittweise "Entmenschlichung" der deutschen Juden durch die Nazis penibel dokumentiert hat. Klemperer, in einer sogenannten "Mischehe" mit einer "Arierin" lebend, erlebte die Deportation fast aller seiner jüdischen Bekannten, wobei ihm bald klar wurde, dass diese ins Gas gingen. Er selbst hatte den Deportationsbefehl für den 14. Februar 1945 erhalten, die anglo-amerikanischen Bombenangriffe auf Dresden retteten ihm das Leben. Dass einige Möchtegern-Helden hier in diesem Forum über die Überlegenheit irgendwelcher Waffen schwafeln, ihren Hass auf die Russen pflegen und ahistorisch Hitler mit Stalin gleich setzen, macht mich nur noch traurig. Es ist wirklich nicht nötig, als Deutscher jeden Tag ob dieser Verbrechen der Nazis an den Völkern Europas betroffen den Kopf zu senken. Allerdings sollten wir uns in den nächsten 1000 Jahren hüten, unsere Opfer mit denen aufzurechnen, die auch für unsere Befreiung gestorben sind und vor allem die Geschichte des zweiten Weltkrieges umzuschreiben.

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  6. die in der historischen Zeit angefertigt und von einem deutschen Historiker 2008 aufgespürt wurden.
    Was sie jetzt mit 2003 wollen?

    Selbst arbeite ich nur gelegentlich mal hobbyhistorisch. Und Quellen, die bisher von niemandem berücksichtigt wurden, haben natürlich einen immensen Einfluss auf die Justierung von (Original-)Aussagen und Argumentstärken und der Einordnung anderer in diesem Zusammenhang gemachter Aussagen.

    Die vorwurfsvollen Reaktionen hier, finde ich etwas mehr als trollig.

    Kann denn mal jemand eine konkrete Kritik bringen, was falsch an der Arbeit der Historikers Hellbeck ist?

    Ich für meinen Teil finde den Artikel informativ (etwas zu wenig Details - also eher als Marketingstrategie für das Buch) und interessant.

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    Dies war nur ein Beispiel dafür, dass deutsche und russische Historiker offenbar schon lange an diesem Thema zusammenarbeiten, vor allem, wenn es um Null-Jubiläen der Schlacht geht (2003 - 60 Jahre ...), da darf man wohl davon ausgehen, dass die beteiligten deutschen Historiker auch die neueren Erkenntnisse aus Erinnerungsliteratur und von Zeitzeugen wahrgenommen haben, hier ein Beipsiel aus der Partnerschaft Wolgograd-Köln:

    "50 Menschen aus Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, nahmen die Mühe des Erinnerns auf sich und schrieben auf, was sie während der Schlacht um Stalingrad erlebten. 38 wurden zur Zwangsarbeit verschleppt, 12 überlebten in der Stadt oder in der Nähe im besetzten Gebiet. Sie schrieben ihre Berichte auf Anregung des Partnerschaftsvereins
    Köln-Wolgograd, der seit 1991 freundschaftliche Kontakte zu ehemaligen ZwangsarbeiterInnen in der Partnerstadt unterhält. Die Erinnerungen sind 2003 in Buchform erschienen, in einer deutschen und einer
    russischen Ausgabe." ( http://www.wolgograd.de/p... )

    Selbst war ich vor Ort Zeuge der Vorbereitung des 50. Jahrestages (siehe Post 35), auch da waren nach meiner Erinnerung Studierende aus Köln in Austauschprogrammen mit der Geschichte der Stalingrader Schlacht beschäftigt. Daher reibe ich mich an dem Satz: "Neue Dokumente schildern die Schlacht um Stalingrad vor 70 Jahren erstmals aus sowjetischer Sicht."

    Dass es höchst verdienstvoll ist, alle verfügbaren Quellen auszugraben, zweifle ich überhaupt nicht an.

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