DIE ZEIT: Herr Hellbeck, der Name Stalingrad steht für eine der grausamsten Schlachten der Weltgeschichte. Vom Schicksal der Stadt und ihrer rund 400.000 Einwohner aber ist nur selten die Rede. Was wäre passiert, wenn die Wehrmacht gesiegt hätte?

Jochen Hellbeck: Hitler wollte Stalingrad ausradieren. Es solle »kein Stein auf dem anderen« bleiben, hat er im August 1942 gefordert. Die deutsche Luftwaffe hat die Stadt dann auch fast völlig zerstört.

ZEIT: Was geschah mit der Bevölkerung?

Hellbeck: Nach sowjetischen Angaben starben durch die Flächenbombardements im August und September etwa 40.000 Zivilisten. Wie viele Menschen in der von Flüchtlingen überlaufenen Stadt wirklich umkamen, lässt sich nicht mehr herausfinden. Tausende der Überlebenden wurden vertrieben oder als Zwangsarbeiter verschleppt.

ZEIT: Wie konnte sich trotz allem der Mythos so lange halten, die Deutschen seien in Stalingrad vor allem eines gewesen – Opfer?

Hellbeck: Das bleibt nach wie vor erstaunlich. Während der NS-Zeit hieß es, die Stalingradkämpfer hätten ihr Leben für Volk, Reich und »Führer« gegeben. Danach deutete man ihren Tod zur Tragödie um: die Wehrmacht, an der Wolga zerrieben, von Hitler verraten. Wieder später wurden aus den einstigen Helden hilflose Menschen, die ins Getriebe des Krieges geraten waren. Die sowjetische Seite aber blieb stets außen vor. In stiller Kontinuität zur NS-Propaganda blenden auch viele jüngere Darstellungen die Rotarmisten als »gesichtslose Untermenschenmasse« einfach aus.

ZEIT: Im deutschen Gedächtnis beginnt die Schlacht denn auch erst am 19. November 1942.

Hellbeck: Mit der Einkesselung der 6. Armee, ja. Nur so lässt sich das deutsche Opferbild aufrechterhalten.

ZEIT: Wie viele Soldaten kamen in Stalingrad ums Leben?

Hellbeck: Aufseiten der Wehrmacht etwa 190.000, auf sowjetischer Seite nach vorsichtigen Schätzungen fast 500.000, vielleicht noch weit mehr.

ZEIT: Wie ist dieser große Unterschied zu erklären?

Hellbeck: Die Deutschen waren technisch überlegen, besonders mit ihrer Luftwaffe. Außerdem war die Kriegsführung der Roten Armee sehr verlustreich. Tausende wurden gegen die im August und September vorstoßende Wehrmacht in den sicheren Tod geschickt. Eine oft sinnlose Aufopferung.

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ZEIT: Aber damals ein Beweis von Heldenmut?

Hellbeck: Ja, der Heldenkult war sehr ausgeprägt unter Stalin. Entsprechend bombastisch war später das Kriegsgedenken. Am Mamajew-Hügel in Wolgograd, wie Stalingrad heute heißt, wurde 1967 eine Gedenkstätte mit einer riesigen Mutter-Heimat-Statue errichtet. Der einzelne, einfache Soldat jedoch hat in diesem Monumentalismus keinen Platz.

ZEIT: Ganz anders dagegen sind die Quellen, die Sie nun in Ihrem Buch Die Stalingrad-Protokolle präsentieren und analysieren.

Hellbeck: In der Tat. Die von mir untersuchten Interviews mit Rotarmisten und Parteifunktionären lenken den Blick auf einzelne Schicksale. Geführt wurden die Gespräche kurz nach der Schlacht, zum Teil auch noch während der Kämpfe. Die Interviewer gehörten einer Kommission an, die der Historiker Isaak Minz leitete. Und sie hat nicht allein die Erlebnisse von Soldaten in Stalingrad auf rund 5.000 Seiten dokumentiert, sondern den gesamten Großen Vaterländischen Krieg.