Soziale Gerechtigkeit : Sie kommen wieder

Beim nächsten Versuch müssen sich die Politiker mehr Mühe geben.

Im ersten Anlauf ist die Einführung von Studiengebühren in Deutschland gescheitert. Von sieben Gebührenländern sind nur Bayern und Niedersachsen übrig geblieben. Und ob die Gebühren dort die Landtagswahlkämpfe überstehen, ist fraglich. Der Kampf gegen die vermeintlich unsozialen Studiengebühren ist ein zu verlockendes Wahlkampfthema für SPD und Grüne, da denkt in der Union nicht nur Horst Seehofer daran, die für Politiker leidige Angelegenheit aus der Welt zu schaffen.

Doch die Wette gilt: Schon bald werden Studiengebühren wieder auf der Tagesordnung stehen. Die Länder haben zu wenig Geld, die Hochschulen auf Dauer so auszustatten, wie es für Spitzenforschung und gute Studienbedingungen nötig wäre. Da ist ein kleiner Obolus der Studenten hilfreich.

Sozial gerecht wäre das auch. Wenn die Anwaltsgehilfin über ihre Steuern das Studium der Kinder ihres Chefs mitfinanziert, warum sollen sich dann die Hauptprofiteure des Studiums nicht an den Kosten beteiligen?

Allerdings müssen sich die Gebührenbefürworter beim nächsten Anlauf mehr Mühe geben. Erstens müssen sie die Bürger überzeugen. Zweitens sollten die Gebühren erst nach dem Studium fällig werden – und nur von jenen kassiert werden, die dann gut verdienen. Und drittens muss über Stipendien und Bafög sichergestellt werden, dass niemand vom Studium abgehalten wird, weil seine Eltern zu arm sind.

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Kommentare

155 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Warum Intelligenz bestrafen?

Genau das macht man nämlich mit Studiengebühren. Warum soll man dafür bezahlen müssen, wenn man ein "Kopfarbeiter" werden möchte? Bildung sollte kein Luxus und kein Statuserwerb sein, sondern ein Weg, den passenden Platz im Leben zu finden.
Die Studiengebühren, die es gab, wurden schon wo immer möglich zum Stopfen von Haushaltslöchern verwendet. Langfristig würde so die Finanzierung der Unis auf die Studenten abgewälzt.
Es sollten diejenigen studieren, die so das beste leisten, nicht die, die dafür drauf zahlen können. Jeder, der kein Akademiker ist und seine Arbeit gut macht, hat im Übrigen das gleiche Ansehen dafür verdient wie jemand, der studiert hat!

Warum Fleiß bestrafen?

Genau das macht man nämlich mit den Steuern, die benötigt werden, um das gebührenfreie Studium zu finanzieren. Nach der Logik müsste man Steuern abschaffen. Und warum sollte man dafür bezahlen müssen, dass andere Kopfarbeiter werden möchten?

(Langfristig würde so die Finanzierung der Unis auf die Studenten abgewälzt.)

Es ist ja auch richtig so, dass die Profiteure eines Studiums wenigstens einen Teil zu den damit verbundenen Kosten beitragen. Wie man diesen Kostenbeitrag dann gestaltet (nachrangig, ans Einkommen gekoppelt etc.) kann man diskutieren. Aber es ist sozial gerecht, wenn Akademiker wenigstens einen Teil zu den Kosten von Universitäten beitragen, die ihnen bessere Arbeitsplatz- und Einkommenschancen garantieren und von der Allgemeinheit bezahlt wurden.

(Es sollten diejenigen studieren, die so das beste leisten, nicht die, die dafür drauf zahlen können.)

Wer viel leisten kann, wird ja kein Problem haben, sein Studium zu bestehen und mit einem gut abgeschlossenen Studium ein gutes Gehalt bekommen. Er kann dann seine Studienbeitragskosten auch bezahlen.

Leistung bestrafen?

(weil sich ein Studium, auch aufgrund der sehr langen Ausbildungsdauer, gegenüber nicht-akademischen Berufen oft gar nicht finanziell "lohnt".)

Dann sind offensichtlich die Ausbildungszeiten zu lang oder ein Studium ist oft nicht sehr nützlich. Der Verdienst ist ja oft (wenn auch nicht immer) ein Gradmesser dafür, wie sehr bestimmte Qualifikationen von der Gesellschaft nachgefragt werden. Wenn sich aber ein Studium oft finanziell nicht mehr lohnt, heißt das ja, dass viele Menschen im Studium Qualifikationen erwerben, die von Gesellschaft gar nicht gebraucht und deswegen nicht finanziell honoriert werden. Dann entfällt aber die Begründung, die Allgemeinheit sollte für dieses Studium bezahlen, weil es ihr nütze.

(Vielleicht sollte einfach mehr Steuern bezahlen, wer sich über die Maße bedient?)

Warum sollte der Arzt, der im Studium offensichtlich eine Qualifikation erworben hat, die für die Allgemeinheit wertvoll ist und der dafür mit einem hohen Gehalt honoriert wird, mehr bezahlen als derjenige, die im Studium keine für andere Menschen nützlichen Qualifikationen erworben hat und sich jetzt für wenig Geld als Taxifahrer durchschlägt?

Wie soll man die Leistung denn fair bewerten?

- Das findet ja wohl offensichtlich nicht statt, jedenfalls nicht mit der Gehaltsverteilung. Warum verdienen Krankenschwestern - und Pfleger oder Erzieher und Erzieherinnen so schlecht, obwohl sie extrem hart arbeiten? - Natürlich haben Ärzte ein gutes Gehalt verdient - aber innerhalb der Ärzteschaft gibt es auch gravierende Unterschiede - ist das gerecht? Am schlechtesten verdienen da tendenziell Allgemeinmediziner und z.B. Kinderärzte, am besten Zahnärzte, Radiologen und manche Chefärzte. Ich würde sagen, Zahnärzte und Radiologen haben es vergleichsweise bequem, für einen Arzt... In diesem Bereich gibt es definitiv auch Leute, die sich bedienen - bei den Kollegen, die genauso hart arbeiten. Das meine ich mit "bedienen".
Was jemand leistet, hängt einfach nicht allein vom Beruf ab. Es gibt keinen Beruf, der nicht gebraucht wird, und es gibt keinen, den jeder machen könnte oder wollte. Jeder Beruf hat seine guten und schlechten Seiten.
Wenn man jemandem allein aufgrund seiner Berufswahl ein überproportionales Gehalt zuspricht - wo ist dann der Anreiz, noch mehr leisten zu wollen?
Jeder sollte den Beruf ergreifen, für den er am besten geeignet ist, finde ich. Von der Bezahlung muss man leben können, und wer besondere Erfolge zu verzeichnen hat, sollte dafür belohnt werden.
Eine Freiheit der Berufswahl gibt es nur ohne finanzielle Hürden.

Bewertung von Leistung

(Warum verdienen Krankenschwestern - und Pfleger oder Erzieher und Erzieherinnen so schlecht, obwohl sie extrem hart arbeiten?)

Weil die "Härte" der Arbeit nicht maßgeblich für das Gehalt ist sondern der Nutzen, den andere Menschen dieser Leistung zusprechen (daraus folgt die Zahlungsbereitschaft) und die Knappheit des Angebots solcher Leistung (je knapper desto wertvoller).

Sie können 20 Stunden pro Tag am Stück mit einer Zahnbürste ein Loch in Ihrem Garten buddeln. Dann arbeiten Sie sicher hart. Aber niemand hat was davon und deswegen wird Ihnen niemand etwas dafür zahlen.

Umfragen sind irrelevant

(Krankenschwestern, Pfleger und Erzieher gehen einer weniger nutzvollen Arbeit nach, als bspw. der Vorstandsvorsitzende eines x-beliebigen DAX-Unternehmens?)

Zumindest sind Menschen bereit, dem Vorstandsvorsitzenden mehr Geld zu bezahlen als der Krankenschwester. Die Nutzungsabwägung dieser Menschen ist also klar.

(Ich vermute, wenn Sie eine repräsentative Umfrage starten, müsste an Ihrem Satz einiges geändert werden.)

Nein, denn mein Satz ist nicht abhängig von einer solchen Umfrage. Natürlich werden die meiste Menschen in Umfragen etwas anderes antworten. Die gleichen Menschen geben dann 80 Euro für ein T-Shirt mit dem Namen eines bekannten Fussballer auf dem Rücken aus und schimpfen gleichzeitig auf die "Scheiß-Millionäre". Taten sprechen lauter as Umfragen.

Letztlich partizipieren auch 'Bildungsferne' davon,

dass kein Studierwilliger von Gebühren abgeschreckt wird und sich somit auch Begabte aus weniger finanzkräftigen Schichten ein Studium erlauben können. Denn am Ende erhöht das die Chance, das in der Bevölkerung vorhandene Potenzial wirklich auch zu heben. Diese Hochqualifizierten sorgen dann wiederum - sofern sie nicht (dauerhaft) auswandern, was aber ohnehin nur für eine Minderheit zutrifft - mittelbar dafür, dass das Gesamtwohlstandsniveau in Deutschland steigt, indem etwa Beschäftigung in nichtakademischen Bereichen generiert wird usw. Davon profitieren also letztlich alle.

Gerechtigkeit lässt sich dann noch über eine faire Besteuerung herstellen. Wenn die Gesellschaft sich dann demokratisch mehrheitlich dafür entscheidet, dass die Kanzleichefin/Akademikerin nicht genug zum Gemeinwesen beiträgt, dann müssen eben Steuersätze verändert werden.

Gebühren sind nur dann abschreckend...

...wenn es kein gut organisiertes Stipendiensystem gibt.

Schulische Bildung muß kostenfrei sein und jeder Schüler hat ein Recht auf optimale Förderung. Aber warum soll dieses auch für ein Studium (und insbesondere für jeden Postgrad-Studiengang) gelten? Wenn sich durch eine Bildungsmaßnahme die persönliche berufliche Situation verbessert, ist es nur recht und billig, wenn der Begünstigte einen Teil der Kosten trägt. Das ist die direkteste (und deshalb fairste) Form der Kostenbeteiligung.

Ich teile übrigens auch nicht Ihre Auffassung, daß das Gesamtwohlstandsnieveau in Deutschland zwingend mit der Anzahl der Akademiker steigt. Gerade der Mittelstand war in seinen Ursprüngen immer von Handel und Handwerk geprägt. Es wäre wirklich interessant zu wissen, ob mehr Firmengründungen von Akademikern oder Nichtakademikern ausgehen.

Entschuldigen Sie...

...aber ich mußte beim lesen Ihres Kommentars doch ziemlich lachen.

'Wenn die Gesellschaft sich dann demokratisch mehrheitlich dafür entscheidet, dass die Kanzleichefin/Akademikerin nicht genug zum Gemeinwesen beiträgt, dann müssen eben Steuersätze verändert werden.'

Erklären Sie mir mal, wie das gehen soll, wenn sich die Parlamente zu 90+% aus Kanzleichefs und Akademikern zusammensetzen.

Kulturrevolution

Dazu: "Sind Sie wirklich der Ansicht, daß es Pflicht der Allgemeinheit (zu der der bildungsferne Steuerzahler zählen) ist, Ihnen den Weg zu einem besseren Leben zu ebnen? Sollte dieses nicht zunächst einmal Ihre ureigene Investition sein?"

In China gab es mal vor nicht allzu langer Zeit eine "Kulturrevolution". Damals in den 60ern des letzten Jahrhunderts des letzten Jahrtausends wurde eine ganze Generation Akademiker abgeschlachtet und Schulen verbrannt.

Die Revolution entließ ihre Kinder. Sie nähen heute unter miesesten Bedingungen unsere Hemden und schürfen Kohle unter Bedingungen wie Mitte des 19.Jhd im Ruhrpott.

Das kommt davon, wenn die Gesellschaft ihre "feinen Leute" nicht pflegt. Richter, Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler heute schon mit einer 60 Stunden Woche und 5000€ Brutto im Monat und befristetem Arbeitsvertrag.

Irrtum!

Die meisten Menschen wären, wenn sie es entscheiden könnten, vermutlich nicht bereit, Vorstandsvorsitzenden die Summen zu bezahlen, die diese bekommen - weil das schlicht unwirtschaftlich ist!
Ich schätze, Krankenschwestern würden mindestens das Doppelte verdienen, wenn es nach dem Fairnessgefühl in der Bevölkerung ginge.
Was die Vorstandsvorsitzenden betrifft - für das gleiche Gehalt könnte man oft 20 hochqualifizierte "Normalangestellte" anstellen inklusive jemandem, der sie regelmäßig weiterbildet...
Anstatt 20 Hochqualifizierten in der Wirtschaft könnte man auch 40 bescheidenere Uniforscher bezahlen und von deren freier Forschung profitieren...
Die Vorstandsvorsitzenden bezahlt man zwangsweise mit, wenn man bestimmte Produkte haben möchte. Von freiwillig kann da wohl keine Rede sein.
Ich bezweifle auch sehr, dass sich die Firmen mit diesen Großverdienern einen Gefallen tun. Wer ist der bessere Chef, der, den die Sache interessiert und dem seine Mitarbeiter am Herzen liegen oder der, der fürs Geld gekommen ist und weiterzieht, wenn einer mehr bietet?
- Einem Studenten ein kostenloses Studium zu finanzieren, halte ich auch unter Kostengesichtspunkten für eine äußerst lohnende Investition. Die Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwann etwas leistet, das alle voran bringt, ist gut - auch wenn das nicht in jedem Fall so sein muss. Jemandem Geld hinterherzuwerfen, der sowieso schon genug hat, ist nicht effizient. Die Wahrscheinlichkeit, dass er mehr dafür leistet, ist gering.

Illusorisch

"Wer viel leisten kann, wird ja kein Problem haben, sein Studium zu bestehen und mit einem gut abgeschlossenen Studium ein gutes Gehalt bekommen. Er kann dann seine Studienbeitragskosten auch bezahlen."

Das mag ja für unsereins Naturwissenschaftler noch gerade so stimmen, für die ebenso wichtigen Geistes- und Geschichtswissenschaften aber sicher nicht.

Außerdem müssen Studiengebühren während des Studiums bezahlt werden, nicht danach. Ergebnis: massive Verschuldung.

Letztlich sorgen Studiengebühren dafür, daß nicht kurzfristig Wirtschaftsrelevante Fachbereiche nicht mehr studiert werden - mit gravierenden langfristigen Folgen für die Gesellschaft.

Abgesehen davon wird doch der Fleiß der Nichtstudenten nicht bestraft, wenn das Studium durch Steuern bezahlt wird. Wissenschaft führt zu Fortschritt, führt zu höherer Produktivität, führt zu mehr Wohlstand für alle.

Die Tatsache, daß dem Bildungs- und Forschungssektor nur ein lächerlich winziger Etat zugebilligt wird, dürfte uns in naher Zukunft gewaltig zur Last fallen. Gerade heute, vor einer nahenden Energiekrise mit dem Versiegen des Öls, mit (vermutlich) einer nahenden Klimakatastrophe, mit diversen ungelösten gesellschaftlichen und ethischen Fragestellungen, hat Wissenschaft die höchste Priorität. Da kann man nicht auf die Hälfte der klugen Köpfe verzichten, nur weil sie keine reichen Eltern haben.

Kulturrevolution II

Dazu: "Und es ist auch grotesk, wenn sie behaupten, daß die Arbeitsbedingungen im heutigen China ein Folge der Kulturrevolution sind."

Grotesk ist die Behauptung keineswegs. Die Kinder der Kulturrevolution waren Analphabethen und unfähig, sich zu organisieren. Aktive und passive Gewalt haben sie gelernt. Das ist die beste Grundlage ihrer heutigen Situation.

Ansonsten sieht unsere Gesellschaft schon heut, wohin ihr Futterneid geht. Uns fehlt kein Nachwuchs an Ärzten. Sie gehen dort hin, wo sie geachtet und bezahlt werden - für ein ausführliches Patientengespräch als Hausarzt oder die komplizierte Operation als Facharzt in der Klinik.

Spricht Ihr Arzt noch Ihre Sprache? Ich spreche die Sprache des Arztes, weil ich - leider - Akademiker bin.

Vermeintlich unsozial?

Was heißt hier "vermeintlich unsozial"? Sie SIND unsozial und ungerecht.
Aber sie haben natürlich recht: Werden die Studiengebühren erst nach dem Studium fällig und nur bei Absolventen mit ausreichendem Einkommen, dann wäre die Einführung von Studiengebühren sogar zu befürworten.

Starke Schultern und so...

Wenn es unbedingt Studiengebühren geben soll/muss - was ich für falsch halte, da die Bildungsfinanzierung eine gesamtgesellschftliche Aufgabe ist, die über Steuern gedeckt werden muss (zur Not müssen die Steuern halt erhöht werden) - dann sollte man stark über nachgelagerte Studiengebühren nachdenken. Dabei sollte dann bei der Bemessung der Beiträge nicht nur die Anzahl der studierten Semester sondern auch das aktuelle Einommen berücksichtigt werden, sodass es sozialverträglich wird. Der Vorteil wäre, dass man so die starken Schultern stärker belasten könnte als die schwächeren, anstatt, wie bei den vorgelagerten Studiengebühren, die noch schwachen Schultern zu belasten in der Hoffnung, dass sie durch das Studium einmal alle zu starken Schultern werden.