IntegrationMigranten werden Schwaben

In Stuttgart leben mehr Ausländer als in anderen Großstädten – und hier klappt Integration vorbildlich. Warum? von 

Wolfgang Schuster, Oberbürgermeister von Stuttgart, sitzt an einem sonnigen Herbstnachmittag am Konferenztisch seines Büros im ersten Obergeschoss des Rathauses und ärgert sich. Und zwar »saumäßig, auf gut Schwäbisch gesagt«. Über ein Buch, das Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister aus Berlin, geschrieben hat. Neukölln ist überall heißt es und belegt seit Wochen Platz eins der Bestsellerlisten. Die Botschaft lautet, vereinfacht formuliert: Die Integration in Deutschland ist gescheitert.

Schuster sieht das anders. Denn vor zwölf Jahren beschloss er, die Ausländer in seiner Stadt abzuschaffen. Auf seine ganz eigene Art. Der CDU-Mann stellte sich hin und sagte: »Jeder, der in Stuttgart lebt, ist ein Stuttgarter.« Er löste das Amt des Ausländerbeauftragten auf – braucht man ja nicht, wenn es keine Ausländer mehr gibt – und schmiedete stattdessen ein »Bündnis für Integration«. Ein überparteiliches Netzwerk, in dem sich Bürgerinitiativen, Migrantenvereine, Stiftungen, Stadt und Land gemeinsam für Bildung starkmachen. Integration ist seitdem nicht mehr Sache des Sozialamtes, sondern Chefsache. »Ich wollte, dass die Migranten Teil der Stadtgesellschaft werden«, sagt Schuster.

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Und dann kommt so ein Buch, das wieder einmal breit Probleme beschreibt, über Migranten klagt, die in der Schule versagen, aber nur wenige Seiten für Erfolge und Lösungsansätze übrig hat.

Das beste Beispiel dafür, dass Neukölln nicht überall ist, ist Stuttgart. In der Stadt mit den 600.000 Einwohnern leben Menschen aus 180 Nationen. Die meisten von ihnen kommen aus der Türkei, aus Italien, Griechenland und Kroatien. Über 40 Prozent der Stuttgarter haben einen »Migrationshintergrund«, unter den Jugendlichen hat sogar jeder zweite ausländische Wurzeln – das ist weit mehr als in Berlin, Köln oder Hamburg. Dass das kaum jemand mitbekommt, ist ein gutes Zeichen dafür, dass die Integration funktioniert.

Das hat viel mit Schuster zu tun, was hat ihn angetrieben? Der 63-Jährige mit der unaufgeregten Sprache sagt: Er habe es immer als Kompliment empfunden, dass die Stadt Menschen aus aller Welt anziehe, die sich hier bessere Zukunftschancen erhofften. Und als Herausforderung: Man will ja, dass sie gute Stuttgarter werden; und bei gut denken die Schwaben natürlich immer »ans Schaffen«. Man will Menschen in der Stadt, die etwas leisten, sei es in Wirtschaft, Wissenschaft oder Kultur. Dafür muss man ihnen Chancen bieten.

Und noch eine Antriebsfeder gab es: Schuster hatte damals ein demografisches Szenario für Stuttgart in Auftrag gegeben. Was dabei herauskam, war nicht schmeichelhaft: Die Statistiken zeigten die Stadt, in der es viermal so viele Autos wie Kinder gibt, auf dem direkten Weg, sich in ein großes Altersheim zu verwandeln. Wenn die Kinder der Einwanderer auch noch wegziehen würden, wäre der Weg sehr kurz.

Stuttgart ist eine Stadt der Ingenieure, eine reiche Stadt, hier sitzen die Aushängeschilder der deutschen Industrie: Daimler, Porsche, Bosch, dazwischen zahlreiche Hidden Champions, Mittelständler, oft führend auf dem Weltmarkt. Eine Stadt, die Fachkräfte braucht, mit einer Arbeitslosenquote von fünf Prozent. Zum Vergleich: Berlin hat zwölf Prozent. Ist unter diesen Bedingungen Integration überhaupt noch ein Kunststück, Herr Schuster?

»Natürlich haben wir es leichter«, sagt der Bürgermeister, »es gibt mehr Ausbildungsplätze, bessere wirtschaftliche Bedingungen.« Aber er sieht Integration nicht als eine Frage des Geldes. Es gehe darum, alle an einem Netzwerk zu beteiligen, ein basisorientierter Ansatz, den man in Neukölln auch versuchen könne. Außerdem beginne Integration bei der Bildung, nicht auf dem Arbeitsmarkt.

Leserkommentare
  1. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
    So etwas wäre für ganz Deutschland wünschenswert.
    Großes Lob an alle die dies möglich gemacht haben!!!

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  2. Warum sind Bücher die das vermeintliche Versagen der Integration zum Thema haben so beliebt in Deutschland?

    Der Artikel ist grossartig und macht Hoffnung! Besonders gut finde ich den Leistungsgedanken und den Pragmatismus der Schwaben:

    "Integration wird in Stuttgart nicht als Kostenfaktor oder Kriminalprävention gesehen. Es geht darum, kein Talent zu verlieren."

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    eines Großteils der Bevölkerung widerspiegelt. Ich selbst sehe die Integration mancher Bevölkerungsgruppen auch als gescheitert und mittlerweile hoffnungslos an.

    Dieser Satz könnte auch von Buschkowsky kommen.

    den Fehler bei anderen zu suchen, als bei sich selbst. Und wenn der Andere dann auch noch per Gesetz weniger Rechte hat als man selber, und in vielen Bereichen benachteiligt wird, schließt sich der Kreis. Der Schwächere verliert.

    • RobioZ
    • 24. November 2012 18:13 Uhr

    Dass sich im reichen Baden-Würtemberg mehr Leute finden, die bereit sind ehrenamtlich zu arbeiten sollte wenig verwundern. Wenn der Ehepartner ein Managergehalt von Daimler auf dem Lohnzettel hat, hat man für ein solches Engagement auch Zeit. Ein Vergleich zur "Arm aber Sozi"-Stadt Berlin ist da jedoch unangebracht.

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    • Lyaran
    • 24. November 2012 18:26 Uhr

    Auch im "Arm aber Sozi" Berlin würde sich genug Zeit finden lassen. Vielleicht ist man aber zu sehr damit beschäftigt hip und cool zu sein? Nicht jeder in Baden-Würtemberg lebt von einem Managergehalt. Es ist ganz einfach eine Einstellungssache, und an der kann man arbeiten. Es mag in manchen Gegenden schwerer und in manchen leichter sein, möglich wäre es aber überall. Und ein Beispiel wie Stuttgart sollte Mut machen.

    der gleiche Unsinn. Da werden wirtschaftsfeindliche Parteien gewählt weil diese ja angeblich so viel für Bedürftige tun. Auf keinen Fall will man den bösen Kapitalismus haben in Städten wie Berlin.

    Wenn sich dann jedoch wieder und wieder zeigt, dass gerade bei den bösen, spießigen, rückständigen und mindestens faschistischen Bayern und Schwaben
    - Weniger menshcen im Niedriglohnsektor arbeiten müssen
    - Die Integration weit besser gelingt
    - Weniger Menschen sozialhilfebedürftig sind

    dann heißt "oh das ist kein Wunder, die haben ja auch ne starke Wirtschaft da unten mit der sich das bezahlen lässt"

    GANZ GENAU!

    Warum dennoch unfähige Umverteilungsparteien gewählt werden die das Elend nur vergrößern kann ich nicht verstehen.

    Berlin hat sicherlich mehr Geld als Stuttgart - Stuttgart erhält keine EU-Gelder oder Landesfinanzausgleich. Deshalb kann der Bürgermeister von Stuttgart auch nicht soviele Parties feiern oder laufend Ausstellungen eröffnen. Man muss sich den Problemen stellen. Das fehlt in Berlin.

    kein Ehrenamt da kein Managergehalt?
    Hm, ich denke mal wenn man 35 Stunden arbeitet, hat man immernoch genug Zeit was anderes zu machen, oder?
    Und wenn in Berlin viele arbeitslos sind, gibt es eigentlich noch mehr Menschen mit Zeit etwas sinnvolles zu tun.

    Problem ist die ICH Fokusierung. Gerade im Süden Deutschlands geht es mehr ums GEMEINSAME, liegt vielleicht an der eher ländlichen Struktur auch in Großstädten.

    Vielleicht wäre eine Rückkehr zum Dörflichen Leben ein guter Ansatz? Nur dafür müsste der ÖPNV besser abgestimmt sein...
    Gemeinschaft ist durch nichts zu ersetzen.
    In Berlin und andernorts herrscht aber Ausgrenzung.

    • Alaric
    • 25. November 2012 11:35 Uhr

    Die Schwaben haben nichts mehr geschenkt bekommen als andere Bundesländer, deswegen behaupte ich, dass ihr Erfolg wohl etwas mit der schwäbischen Einstellung zu tun hat. Diese Einstellung ist durchaus übertragbar - wir Ausländer in Schwaben haben sie übernommen und ich kann aus persönlicher Erfahrung bestätigen, dass "schaffen" hier anerkannt wird. Dieser Einstellung zu folgen hat weder uns noch dem Staat nur einen Cent gekostet, von daher verstehe ich nicht, warum ein Umdenken in anderen Bundesländern etwas kosten sollte, bzw. warum etwa Berlin nicht das schwäbische Modell abgucken sollte.

  3. ... dennoch ist eine Lobpreisung keine kritische Auseinandersetzung. Es ist reines ökonomisches Kalkül.

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    • postit
    • 24. November 2012 19:36 Uhr

    steckt Ökonomie dahinter und deswegen funktioniert's auch.

    Schönes Wochenende
    postit

    • Lyaran
    • 24. November 2012 18:26 Uhr

    Auch im "Arm aber Sozi" Berlin würde sich genug Zeit finden lassen. Vielleicht ist man aber zu sehr damit beschäftigt hip und cool zu sein? Nicht jeder in Baden-Würtemberg lebt von einem Managergehalt. Es ist ganz einfach eine Einstellungssache, und an der kann man arbeiten. Es mag in manchen Gegenden schwerer und in manchen leichter sein, möglich wäre es aber überall. Und ein Beispiel wie Stuttgart sollte Mut machen.

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    in der arm aber sexy stadt ist neuköln das neuköln buschkovskys
    es hatt alles nichts mit der herkunft zu tun
    wussten sie das dieser stadtteil seinen alten nahmen rixdorf bei der eingemeindung verlor weil der so einen schlechten ruf hatte?
    so einen wie neuköln halt
    auch wenn ruf und realität nicht zueinander passen, können wir uns sicher bald wieder auf eine umbenennung freuen
    rixdorf wird heute schon in wohnungsanzeigen u.ä. benutzt wenn man das despektierliche neuköln vermeiden will

    wobei ich unseren schönen kriminalitätsschwerpunkt in dem das leben immer eine besondere würze hatte, besonders wenn seifen-, schokoladen-, keksfabrik und brauerei ihre düfte im karl-marx-canjon mischten, nicht als etwas anderes darstellen will als er ist

  4. Aber wählen dürfen sie immer noch nicht, falls sie keinen deutschen Pass haben.

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    das ist auch richtig so. Wir wollen Leute, die Verantwortung übernehmen.

  5. dass man nebeneinanderher leben kann.
    Tatsächliche Integration zwischen den Schwaben und Neigschmeckten? Lustig.

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    Kommt darauf an, wie alt Sie sind. Entschuldigen Sie die Direktheit, aber auf meine Generation paßt der Artikel sehr gut. Wenn ich so meinen Sportverein ansehe, dann kann ich nur sagen, dass die Schwaben, die dort ihrem Sport nachgehen, Eltern haben, die eine sehr große Bandbreite unterschiedlichster Herkunft abdecken.

    In Heilbronn 60 km nördlich sieht es genauso aus.

    In NRW habe ich dagegen teils Erfahrungen gemacht, die ich mir in Stuttgart oder Heilbronn nie hätte vorstellen können. Das wirtschaftliche Umfeld scheint also wirklich ganz entscheidend zu sein.

  6. spricht Neukölln nicht für Stuttgart...

    Liebe Integrierte: Bitte verschonen Sie uns Restdeutsche mit diesem, in meinen Ohren grausamen klingenden Dialekt. Bitte erlernen Sie die Deutsche Sprache! - Ironie off!

    Schön zu lesen. Danke, Herr Schenk!

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    Sehr geehrter Batubintang,

    bezüglich der Erlernung der deutschen Sprache möchte ich Ihnen folgendes mit auf den Weg geben: Es muss "grausam" heißen, nicht "grausamen" und "deutsche Sprache, nicht "Deutsche Sprache".

    Ansonsten ein super Kommentar...

    MfG

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