Es gibt den Ausspruch: »Da hat sich jemand was aus den Fingern gesaugt.« Ich glaube, ich habe mir schon als Kind meine Bilder und Vorstellungen selbst aus dem Daumen gesaugt. Als ich mit fünf Jahren in die Volksschule kam, lutschte ich am Daumen, und der Lehrer sagte stets: »Da kommt Hans, der Träumer.« Der bin ich bis heute geblieben.

Ich komme aus einem Arbeiterhaushalt in Ostwestfalen. Mein Vater war Knecht auf einem Bauernhof, meine Mutter putzte. Es gab nur wenige Kinder in der Nähe. Als Daumenlutscher und Träumer hatte ich nicht viele Freunde. Mit sechs oder sieben Jahren begann ich zu lesen, mich wegzuträumen mit jeder Figur, von der ich las, und die entsprechenden Heldentaten zu vollbringen. Bei mir zu Hause war Lesen nicht gern gesehen. Der Junge sollte ja kein Anwalt werden.

Man hat mich in Apfelbäumen lesend erwischt. Irgendwo am Bach oder auf der Wiese. Ich legte mich in die Sonne. Es war heiß. Ich fühlte mich wie Tarzan in Afrika . Dann sah ich vor mir einen Grashalm: eine Palme! Da krabbelte ein Käfer mit roten Flügeln hinauf. Er sah aus wie ein Mann, der auf eine Palme klettert, um Kokosnüsse herunterzuschütteln. Solche Vorstellungen hatte ich den ganzen Tag. Es war schwer, mich da herauszuholen. Später habe ich zehn Jahre lang in Berlin gelebt. Am Anfang sang ich auf der Straße, am Ende gab ich Konzerte in der Philharmonie. Doch musste ich die Stadt irgendwann verlassen, weil das urbane Tempo mich sonst umgebracht hätte. Ich habe nie richtig gelernt, U-Bahn zu fahren. Immer wieder blieb ich mit der Hacke in der Tür stecken.

Die Schicksalsschläge und -stürme, die wechselnden Geschicke meines Lebens habe ich träumend überstanden. Aus allen möglichen Situationen und Ereignissen habe ich mich eher herausgeträumt als herausgearbeitet. Bloß weg! Bloß raus aus der oft unerträglichen Realität! Das Herausträumen hat sich bewährt. Die Wirklichkeit ist manchmal einfach an mir vorbeigezogen. Ich blieb da, wo ich war, und tauchte wieder ein ins Geschehen, wenn es passte. Heute würde ich diese Verträumtheit mit Geistesabwesenheit übersetzen. Und ich finde: Es gibt ein Grundrecht auf Geistesabwesenheit. Es wird von vielen bestritten, am ärgsten von Autofahrern. Wenn man vor der Ampel steht und das Grün verträumt, geht sofort das Gehupe los. Ich kann das verstehen. So verträumt ich bin, so aggressiv bin ich auch im Grunde meines Charakters. Ich kann sogar Leute verstehen, die sich in den USA an der Ampel abknallen. Wer nicht pünktlich losfährt, wird erschossen. Solche mörderischen Gefühle habe ich auch manchmal. Aber ich verhalte mich solidarisch: Wenn vor mir jemand das Grün verträumt, hupe ich nicht.

Hans, der Träumer, liegt immer noch auf der Wiese und sieht einen Käfer den Grashalm hochkrabbeln. Neulich, eines schönen Sommertags, habe ich das mal wieder erlebt. Ganz bei mir. Oder: ganz abwesend. Ein Glücksmoment. Ich träume nie vom Glück. Glück, das sind immer nur Sekunden. Nicht mal Minuten. Ein solcher Moment – das ist es doch. Manchmal habe ich den Eindruck: Mehr gibt’s auch gar nicht.

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