BeachvolleyballAns Netz gegangen

Zu Schulzeiten wurde unser Autor Bjørn Erik Sass immer als Letzter in die Mannschaft gewählt. Jetzt nimmt er in der Türkei an einem Beachvolleyballcamp mit den deutschen Olympiasiegern teil. von Bjørn Erik Sass

Unten links in der Türkei, in der südwestlichsten Ecke Kleinasiens, liegt Sarigerme. Am Strand dieses Ortes erlebe ich, wie eine Waschmaschine das Fliegen lernt. Das mag ungeheuerlich klingen, aber für genau solche überdynamischen Entwicklungen bin ich an diese ferne Küste gereist. In der Reisebeschreibung hatte ich von All-inclusive-Unterbringung im Clubhotel gelesen, von exquisiter, teils landestypischer Verpflegung, von den klimatischen Vorzügen der Ägäis im Frühherbst. Alles nur Fußnoten. Denn ganz oben stand: Beachvolleyballcamp mit den deutschen Olympiasiegern, sechs Tage lang trainieren mit Jonas Reckermann und Julius Brink. Da wollte ich mitmachen und sehen, ob ich meine Beziehung zu diesem Sport mit Profi-Hilfe auf ein neues Niveau bringen kann.

Zur Eröffnung des Camps treffen wir uns in der Nähe der Beachvolleyballfelder. Schon auf den wenigen Metern dorthin ist klar, wir werden es hier hübsch haben. Großartiges Wetter, das Licht klar und warm, Palmen im Wind, schrofffelsige Inseln in der Bucht vor uns, tief aufgefächerte Bergketten mit Pinien und Morgenrestdunst im Hintergrund. Es gibt Begrüßungscocktails, alkoholfrei, und der Schweizer Hoteldirektor hält eine Rede. Er mag Beachvolleyball, das hört man gleich. Er spricht über die Spiele neulich in London. Da werden spektakuläre Ballwechsel erwähnt, und es fallen viele Namen. Offensichtlich handelt es sich dabei um Gegner unserer Recken. Die Umstehenden nicken und lächeln kennerhaft. Mir sagt das alles nichts, ich höre nur halb zu und schaue mir die beiden Sportler genauer an. Wir sind ja alle hier, damit ein bisschen von dem Glamour und dem Können des Duos auf uns und unser Spiel abfärbt; und damit wir später Ballgeschichten mit einem nachlässigen »Als ich mit Jonas und Julius trainierte...« für unsere Zuhörer adrenalisieren können. Die beiden tragen ihre Arbeitskleidung: knielange Schlabberhosen, Trikots und Schirmmütze mit Sponsoren-Logo, großflächige Sonnenbrillen. Ich muss mir das noch aufsagen: Jonas Reckermann ist der sehr Große, Julius Brink der Normalgroße. Die beiden stehen nebeneinander, ein paarmal besprechen sie etwas und flüstern dabei so, wie es nur Leute machen, die sich sehr gut kennen.

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Zu Beginn des Trainings stellen wir uns vor. Es zeigt sich noch einmal, dass die meisten der zwanzig Teilnehmer deutlich involvierter in diesen Sport sind als ich. Sie nennen die Namen ihrer Vereine und die Zahl der Trainingscamps, die sie schon absolviert haben. Ich höre Wörter wie Verbandsliga und Wünsche wie »Ich möchte vor allem mein Angriffsspiel verbessern«. Florian und Caro haben in ihrem fränkischen Dorf ein eigenes Beachvolleyballfeld im Garten; Markus überlegt, ob er sich eine Halle kaufen soll. Ich weiß nicht, was eine Verbandsliga ist, und über mein Angriffsspiel habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Meine Beziehung zum Volleyball lässt sich seit der Schulzeit mit folgendem zentralen Satz jeder Mannschaftsaufstellung zusammenfassen: »Ihr nehmt Björn, wir haben letztes Mal verloren.« Bisher hielt ich mich darum von Teamsport möglichst fern. Dann aber wurde Beachvolleyball populär. Überall an den Stränden spielen Menschen sich fröhlich Bälle zu; federleicht springen sie weit in den Himmel, umflort von sonnensattem Gegenlicht. Das möchte ich auch lernen, so möchte ich auch aussehen, darum bin ich hier. Das denke ich. Um meine Mitstreiter nicht mit meiner Trauma-Genese zu belasten, sage ich aber nur: »Ich bin Kieler, und ich habe das Ballgefühl einer Waschmaschine.« Gibt es dafür scheele Blicke? Nein, Beachvolleyballer sind anscheinend grundpositiv. »Waschmaschine ist doch super: fester Stand, hohe Umdrehung und ein ganzes Dutzend hochspezieller, automatisierter Programme. Du wirst Spaß haben!«, sagt Bernd. Bernd ist Schulsportlehrer, Volleyballtrainer für Bundesligavereine und Olympiaduos und im Camp neben Jonas und Julius unser dritter Coach.

Bevor es endlich an die Bälle geht, werden wir gruppendynamisch tätig. Neben allen körperlichen Handicaps hat mich das vom Mannschaftssport bislang auch ferngehalten: dass man sich immerzu absprechen und abklatschen muss. Jetzt bilden wir einen Kreis, linke Fäuste innen aneinander, die Hände nach oben explodieren lassen und den Hotelnamen silbengedehnt rufen. Ich geniere mich, mich einzureihen. »Los, alle machen mit!«, sagt Jonas. Und dann kann die Scham mich eben mal, ich fäustele und rufe mit und sehe, man kann sich das Fremdfühlen viel besser weghandeln als wegdenken.

Aufgetankt mit Optimismus und Teamgeist, verteilen wir uns auf drei Felder. Jeder Trainer beaufsichtigt nur eine Handvoll Teilnehmer, da entgeht keinem was. Weil wir aber keine Listen mit Fehlerquellen aufgetischt bekommen, sondern bei jedem immer nur ein einziger wichtiger Punkt kritisiert wird, merken wir uns peu à peu, was wir besser machen können. Dass ich bei der Annahme von unten, dem Baggern, aus meinen gestreckten Armen ein solides Brett bauen muss, zum Beispiel. Und dass ich den Ball einfach abprallen lassen muss, allein mit einer kleinen Bewegung aus den Schultern, statt auf ihn einzudreschen. Klare Sprache hilft – die Haltung, mit der man dem Ball entgegensehen soll, nennt Bernd etwa die Lucky-Luke-Stellung: Knie gebeugt, Hintern raus, Gewicht nach vorn, die Arme gebeugt, als hätten wir beidseits die Colts gezogen. Fühlt sich zuerst übertrieben an. Was nützt der perfekte Duell-Stand, wenn meine Revolver noch nicht geladen sind? »Das kommt«, sagt Bernd, »mit der Zahl der Ballkontakte.«

Leserkommentare
    • S.W.
    • 22. November 2012 16:48 Uhr
    1. Egal,

    wohin Sass reist - der Bericht ist immer super.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Beachvolleyball | Türkei | Julius Brink | Jonas Reckermann
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