Andererseits: Russland pflegt sich von allen Rüstungsprojekten der Nato angegriffen zu fühlen und neigt zu allergischen Gegenreaktionen. Wegen der Nato-Pläne für einen Raketenschirm fror Wladimir Putin 2007 den KSE-Vertrag ein, der eine Begrenzung von Streitkräften vom Atlantik bis zum Ural regelt. Einer Nuklearwaffen-Modernisierung, darf man getrost annehmen, wird der Präsident nicht tatenlos zuschauen. Das gilt umso mehr, als Russland an seiner atomaren Überlegenheit hängt. Die russischen Landstreitkräfte mögen veraltet sein, aber den europäischen B61s stehen schätzungsweise 500 bis 700 russische taktische Nuklearwaffen gegenüber.

Viele Sicherheitspolitiker der Union hängen ebenso innig an den alten US-»Nukes« in Deutschland. Sie sehen in den Teilhabe-Atomwaffen eine der stärksten Bündnisklammern zwischen Europa und Amerika. Keine andere Waffe stehe so klar und praktisch für den Nato-Gedanken des gegenseitigen Beistandes und der Risiko-Lastenteilung, argumentieren sie. Westerwelles FDP konnte im schwarz-gelben Koalitionsvertrag 2009 deshalb nur die vage Formulierung durchsetzen, dass die Bundesregierung sich »dafür einsetzen« werde, dass die in Deutschland verbliebenen Atomwaffen abgezogen werden.

»Von dieser Zielsetzung scheint sie sich inzwischen verabschiedet zu haben«, beklagt die SPD-Fraktion. Die Sozialdemokraten forderten vergangene Woche im Bundestag, die Regierung müsse die Gelegenheit nutzen und sich im Nato-Rat klar gegen die Modernisierung der B61-Bomben aussprechen, am besten »durch die Kanzlerin persönlich«. In der Allianz herrsche schließlich noch längst kein Konsens über die US-Pläne; wie es weitergehe, sei »offen«.

Das sieht Roderich Kiesewetter, Verteidigungsexperte der Unionsfraktion, etwas anders. Den übrigen vier Stationierungsländern, den Niederlanden, Belgien, Italien und der Türkei, sei am Verbleib der B61-Bomben durchaus gelegen. »Die kleineren Länder sehen die Stationierung als politische Aufwertung. Und die Türkei sagt sogar: Wenn ihr die Bomben nicht mehr wollt, nehmen wir sie gerne alle!« Schließlich sei die Türkei zum Frontstaat der Nato am Rande des krisengebeutelten Nahen Ostens geworden und habe deswegen ein wachsendes Interesse an einer show of force. Auch den baltischen Staaten, vor 20 Jahren noch Vasallen der Sowjetunion, sei weiter sehr an der atomaren Abschreckung gelegen.

Tatsächlich haben die Niederlande, Italien und die Türkei Bereitschaft bekundet, die Nuklearversion des amerikanischen Joint-Strike-Fighters F-35A anzuschaffen. Die Einkäufe sind langfristig notwendig, weil der Eurofighter für einen Atombombenabwurf nicht geeignet ist. Nur Deutschland hält an seinen alten Tornados fest. Westerwelles Hoffnung ist, dass die Atombomben früher verschwinden, als die Jets durchrosten. Schaffen will er das durch Gespräche mit Moskau.

Im Nato-Rat, dämpft der CDU-Abgeordnete Kiesewetter den Optimismus, ließe sich nur dann ernsthaft über einen Abzug verhandeln, wenn die Russen zunächst einmal verraten würden, wie viele substrategische Nuklearwaffen sie besitzen und wo sie lagern. Dies sei nach wie vor unklar. Den Dialog mit Moskau zu pflegen sei ja richtig, so Kiesewetter, aber parallel müsse modernisiert werden. Denn: »Politische Waffen müssen technisch einsatzfähig bleiben.«

Auch der Abrüstungsbefürworter Barack Obama denkt pragmatisch

Was für eine vermaledeite Lage für den Chef-Abrüster Westerwelle. Endlich fragt mal jemand nach nuklearer Abrüstung – und der Außenminister kann nicht liefern. Wer konnte das auch ahnen: dass der große Global Zero-Prophet Barack Obama in der konkreten Nuklearpolitik dann doch recht pragmatisch denkt und dass es Europäer gibt, sogar Deutsche, die scheinbar gelernt haben, die Bombe zu lieben.

Keine Frage, die geplante Modernisierung wäre immer noch ein guter Anlass, mutig Grundsatzfragen aufzuwerfen. Aber was macht das Auswärtige Amt? Es leugnet bis auf Weiteres die Realität. Bei dem, was die Amerikaner mit den Bomben vorhätten, so die Sprachregelung in Westerwelles Haus, handele es sich nicht um eine Modernisierung, sondern bloß um eine »Nutzungsdauerverlängerung«. Nach außen flüchtet sich das AA ins Generelle. »Die Bundesregierung setzt sich im Gespräch mit Partnern in und außerhalb der Nato intensiv dafür ein, substrategische Atomwaffen in die laufenden Abrüstungsbemühungen einzubeziehen«, diplomatisiert eine Sprecherin. Zu den Positionen der anderen Nato-Stationierungsstaaten will sie nichts sagen.

Der Nuklearfachmann Otfried Nassauer bezweifelt, dass der Abrüstungsehrgeiz so aussichtslos ist. Westerwelle müsste allerdings einen ganz neuen Überzeugungsversuch starten – und zwar auch gegen die USA. »Wir haben doch immer gesagt«, sagt Nassauer, »wir machen mit, damit wir mitentscheiden dürfen. Na bitte!«