Aufrüstung : Atombomben, ja bitte!

Seit Langem fordert Guido Westerwelle die nukleare Abrüstung – jetzt knickt er ein, ausgerechnet bei den Atomwaffen, die in Deutschland lagern.

Es ist das Staatsmann-Projekt des Guido Westerwelle, das große Thema, über das er am liebsten spricht, gerade dann, wenn ihn keiner danach fragt: nukleare Abrüstung. Eine Welt ohne Atomwaffen sei möglich, predigt der deutsche Außenminister und sieht sich einig mit den ganz Großen: Barack Obama, Michail Gorbatschow, Hans-Dietrich Genscher – alle wollen Global Zero, die nukleare Totalabrüstung. Aber warum bloß gelingt der Ausstieg aus der Atombombe nicht einmal im eigenen Land? Noch dazu mit Waffen, für deren militärische Zweckdienlichkeit man schon viel Fantasie aufbringen muss?

Auf dem rheinland-pfälzischen Fliegerhorst Büchel lagern noch immer zwischen zehn und zwanzig amerikanische Atombomben (die genaue Zahl ist geheim). Sie gehören zur nuklearen Teilhabe der Nato, was bedeutet, dass sie Eigentum der USA sind, aber im Ernstfall von der Bundeswehr eingesetzt würden. »Die taktischen Atomwaffen sind ein Relikt von gestern«, sagt Westerwelle. Das mag zwar stimmen. Aber Atomwaffen besitzen eben auch einen politischen Wert – und zwar gerade dann, wenn es an die Abrüstung geht. Der Kalte Krieg mag vorbei sein, aber noch immer will keiner nackt dastehen. Vor zwei Jahren huldigte die Nato in ihrem neuen Strategischen Konzept der Global Zero-Idee etwas verhalten so: »Solange es Kernwaffen gibt, wird die Nato ein nukleares Bündnis bleiben.«

Wegen dieses Mikado-Prinzips möchte die US-Regierung die 150 bis 200 B61-Atombomben, die noch in fünf europäischen Staaten lagern, keineswegs abschaffen, sondern erst einmal modernisieren – auch die in Deutschland. Nicht nur das Pentagon, auch die CDU will es so. Westerwelle beschweigt es. Die SPD kocht; sie sieht eine Abrüstungschance verpasst. Und Atomwaffengegner fürchten gar ein neues Wettrüsten zwischen West und Ost.

»Die neuen Waffen sollen wesentlich zielgenauer werden«, sagen Gegner

Denn bei der geplanten Überholung der Atomwaffen handele es sich nicht bloß um einen Ersatzteilaustausch. Die Modernisierung der B61-Bomben laufe vielmehr auf eine neue, militärisch variablere Waffe hinaus. Zu diesem Schluss kommen Otfried Nassauer und Gerhard Piper, zwei Granden der Abrüstungscommunity. Die beiden verfolgen zwar eine klare Agenda (Atomwaffen raus aus Deutschland), beeindrucken aber seit vielen Jahren mit allseits anerkannten Studien über Atombomben und die Zukunftspläne der US-Regierung. Die jetzt geplante Bombe B61-12, schreiben die Autoren in einer Untersuchung, die sich vor allem auf amerikanische Regierungsdokumente stützt, werde zwar die geringste Sprengkraft aller bisherigen B61-Typen besitzen (mit rund 50 Kilotonnen wäre sie immer noch viermal so groß wie die der Hiroshima-Bombe), aber: »Die neue Waffe soll wesentlich zielgenauer als die bisherigen werden. Dadurch erhofft man sich trotz kleinerer Sprengkraft eine größere Zerstörungswahrscheinlichkeit im Ziel und damit einen höheren militärischen Nutzwert.«

Klicke Sie bitte auf das Bild, um die Grafik zu öffnen© ZEIT-Grafik

Bei den bislang in Europa lagernden Bomben handelt es sich um »dumme« frei fallende Eisenbomben. Kampfjets könnten sie über dem Zielgebiet abwerfen, wo sie an einem Fallschirm zu Boden schweben würden. Mit dieser groben Methode würden ganze Landstriche oder Städte ausgelöscht. Das neue B61-Modell hingegen könne dank Lasersteuerung ein Ziel bis auf unter 30 Meter genau treffen, sagt Otfried Nassauer. Und es könne aus Langstreckenbombern abgeworfen werden, also etwa Kommandobunker tief im Feindesland treffen. Der Unterschied zwischen taktischen (auf dem Gefechtsfeld) und strategischen (im Hinterland) Einsatzmöglichkeiten werde dadurch aufgehoben.

»Damit«, warnt Nassauer, »löst man genau die Ängste aus, die die Russen schon während der Pershing-II-Debatte hatten.« Nassauer fürchtet, dass Europa gerade ungewollt »auf eine Art neuen Doppelbeschluss« zusteuert. Der Nato-Doppelbeschluss von 1979 sah vor, Russland Abrüstung anzubieten und gleichzeitig die eigenen Atomwaffen zu modernisieren. Die Verhandlungen scheiterten – und die Nachrüstung begann.

Die historische Parallele stimmt freilich nicht ganz. Jedenfalls der US-Regierung scheint heute gleichgültig zu sein, was Russland über die Waffenmodernisierung denkt. Das ist einerseits verständlich. Die Einsatz- und Abschreckungsmöglichkeiten der B61, an die Militärs mittlerweile denken, liegen eher in anderen Weltregionen. Das iranische Atom- und Raketenprogramm etwa steht ihnen vor Augen. Oder Länder, die internationalen Terrorismus sponsern. Ein Terrorangriff mit Massenvernichtungswaffen, so steht es in der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA, werde mit Massenvernichtungswaffen vergolten.

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Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Es gab ja nie Joschka Fischer....

man merkt ja überhaupt nicht welche Parteizeitung hier schreibt.

Westerwelle ist sogut wie in 12 Monaten weg. Auch wenn je nach Konstellation es wieder (unwahrscheinlich) für Schwarz-Gelb reichen würde, wird die FDP Westerwelle abschiessen.

Was war den während der Zeit von Fischer und Steinmeier? Ach da waren ja die guten an der Regierung.

Naiv..

Die Welt steht im Moment vor großen Konflikten. Vor allem im Nahen Osten bauen sich Spannungen auf, die man ernst nehmen sollte. Zeichen hin oder her, auch wenn es auf der Erde nur noch 10 Atombomben geben würde, beim Einsatz ist die Erde am Ende.
Ich bin wie jeder andere vernünftige Mensch auch für nukleare Abrüstung. Aber dennoch sehe ich es als naiv an, diesen Schritt jetzt zu tun. Als würde sich Israel für die Anzahl der Atomwaffen in Deutschland interessieren.
Ich sehe Deutschland als ein Land mit der Möglichkeit eine große Rolle in der Lösung von Nahost-Konflikten zu spielen und diese sollte man nicht aufgeben.

Never bring a knife to a gun fight.

Und zu sagen, Deutschland soll sich doch raushalten, ist realitätsfremd. Außenpolitik ist nicht so einfach, wie es sich viele machen. Nukleare Abrüstung geht nur über Verträge und nicht mit "Wir setzen ein Zeichen".

Nunja

wenn es den so einfach wäre.

Das Problem mit dem Nuklearwaffen ist es kann nicht einer anfangen und der Rest zieht nach.

Wenn müssten es alle gleichzeitig machen und dafür gibt es einfach kein vertrauen weil es keine garantie gibt.

Weil inzwischen zuviele Staaten in der Lage sind solche Waffen zu nutzen und herzustellen und neue stehen in den Startlöchern.

Zum Thema diese Waffen haben den Frieden gesichert das ist kein Argument weil Kriege gibt es trotzdem.

Und das diese Waffen einen weiteren Weltkrieg verhindert habe bezweifel ich auch den dafür gibt es keine Wissenschaftlichen belege es gibt nur Meinungsaussagen und maximal Theorien und das Reicht meiner meinung nach nicht für eine Existensbegründung dieser Waffen.

Ein Schritt in die vernünftige Richtung

Sämtliche Maßnahmen, die zurzeit im Raum stehen, um die strategische Effektivität der Nato zu steigern, sind zu beherzen. Dass die Spd kocht ist nichts Neues. Wenn man der Macht fern ist und verwirrt und ohne Ruder als ehemalige Volkspartei da stetht, könnte schmoren als dynamischer Vorgang zutreffender sein. Hier geht es nicht um gut und böse. Pragmatisch ja muss man es sehen. Hier geht es um die nächsten Jahrzehnte und das, was wir unseren Nachkommen an Behaglichkeit hinterlassen möchten. Auf Russland sollte man genauso wenig Rücksicht nehmen wie es auf uns nimmt. Das bedeutet nicht, dass wir offen gegen Russland handeln sollten, dennoch unser Schicksal gehört uns und wir wissen mit wem wir es bisher am besten teilen. Annährungen, Vorschläge, Kooperationen und Gespräche sind wie immer willkommen.

Ein Rückblick auf das vergangene Jahrhundert genügt

Mister Uljanov,

Pragmastismus ist keine Waffe. Es handelt sich um eine Tugend, die ermöglicht aufgrund gegebener Gefahren, sich mit Mitteln zu schützen, die ein Überleben gewährleisten. Hinzu kommt die Tatsache, dass man die Urheber der Gefahren stets im Blick behält ohne sie zu kränken oder zu gefährden. Ich bitte Sie, sich nicht auf der Urbedeutung von Pragmatismus zu versteifen, sondern den Begriff in einem offeneren und flexibleren Kontext betrachten. Jeder hat Freunde und Feinde sich dieser Gewissheit entziehen zu wollen, ist auf Dauer nicht gesund. Nach Ihrer Aussage ist Pazifismus der beste Weg. Ich teile Ihre Ansicht voll und ganz. Anarchie ist auch meine ideale Lebensform. Ich bin mir darüber im Klaren, dass jedoch wir Menschen sowohl im Falle des absoluten Friedens als auch im Falle der Anarchie, noch eine Weile reifen müssen. Was halten Sie von einem halben Jahrtausend. Bis dahin sollten wir nicht aufgeben, aber auch uns nicht Träumen hingeben, wenn es um ernste Dinge geht.
Ein gesegneten Sonntag und danke, dass Sie auf meinen Kommentar reagiert haben. Das schmeichelt mir.