US-RepublikanerUnd plötzlich ist der Sohn schwul

Nach der US-Wahl diskutieren die Republikaner über die tieferen Gründe ihrer Niederlage. Ein Besuch in Colorado von 

Colorado. Das klingt nach amerikanischem Urgestein, nach Pioniergeist. Colorado. Dort war die Welt aus republikanischer Sicht lange in Ordnung. Die Bewohner, überwiegend weißer Hautfarbe, fuhren um acht Uhr morgens zur Arbeit, samstags wurde der Rasen gemäht, sonntags betete man in der Kirche. Wenn eine Familie ausscherte – und dafür reichte schon eine Ehescheidung, eine Tochter, die mit einem Joint erwischt wurde oder ein schwuler Sohn –, dann hieß es bei den Nachbarn: »Typisch demokratisch.«

Am 6. November 2012 stimmten die Bürger in Colorado zum zweiten Mal mehrheitlich für Barack Obama. Sie votierten außerdem für die Legalisierung von Marihuana. Und die demokratische Mehrheit im Abgeordnetenhaus zu Denver hat erstmals einen bekennenden Schwulen zu ihrem Sprecher gekürt. Colorado – das muss sich für die Republikaner anfühlen wie ein Rausschmiss ohne Kündigungsfrist. Auf vermeintlich freundlichem Territorium verloren sie nicht nur die Wahlmänner für die Präsidentschaftswahl, sondern auch den culture war .

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Es wird noch dauern, bis Amerikas Konservative die Tragweite ihrer Niederlage begriffen haben (das gilt übrigens auch für die Medien, die sie in dieser Klarheit auch nicht vorhergesehen haben). Jedenfalls begann bereits in der Wahlnacht der Streit um die zukünftige Ausrichtung der Partei. Abkehr vom kompromisslosen rechten Kurs, Zähmung der Tea Party? Nein, kein Schritt zurück, rief Gary Bauer, einer der stramm rechten Vordenker. »Amerika ruft nicht nach einer zweiten liberalen Partei!«

Aber wonach ruft zum Beispiel ein Bundesstaat wie Colorado, wo heute jeder fünfte Einwohner ein Latino ist, wo auf vielen Straßen mehr Spanisch als Englisch gesprochen wird, wo an vielen Highschools schwarze und hispanische Lehrer multiethnische Klassen unterrichten? Klingt wie gemacht für Demokraten, klingt aber auch nach einem Riesenpotenzial für Republikaner. Da wäre etwas zu holen, wenn – nun ja, wenn die Konservativen sich einige Jahrzehnte zurückerinnern würden.

»Heute haben wir den Süden für eine Generation lang verloren«, soll der demokratische Präsident Lyndon B. Johnson gesagt haben, als er am 2. Juli 1964 den Civil Rights Act unterzeichnete, der das Ende der rassistischen Segregation besiegelte. Tatsächlich vollzog sich ein beispielloser politischer Wandel. Binnen kurzer Zeit mussten die Demokraten die Macht in ihren Hochburgen in den Südstaaten an die Republikaner abgeben, die das weiße Ressentiment gegen die schwarze Bürgerrechtsbewegung in ihre Wahlstrategie integrierten. Bei den Demokraten sammelte sich wiederum in den folgenden Jahren eine Wählerschaft aus Vietnamkriegsgegnern, Bürger- und Frauenrechtlern, Gewerkschaftern und liberalem Establishment – viel zu heterogen und wahlstrategisch kaum zu bündeln. Die Partei verlor bis auf Weiteres nicht nur den Süden, sondern mit Ausnahme der wenig glanzvollen Amtszeit von Jimmy Carter auch die folgenden Präsidentschaftswahlen.

Die Republikaner wiederum wähnten sich am Beginn eines goldenen Zeitalters der Wahlsiege, gestützt auf ein scheinbar unzerstörbares Fundament, das fiskalisch Konservative mit der religiösen Rechten vereinte. In ihrer Selbstüberschätzung kam ihnen immer mehr die Einsicht abhanden, dass Amerika auf dem Prinzip der ständigen Erneuerung basiert. Erneuerung setzt Einwanderung voraus. Einwanderer dürfen irgendwann wählen.

Man soll die Rolle der Hispanics nicht überschätzen. Es ist eine sehr heterogene Gruppe. Aber die meisten kommen aus den Ländern, die weiße Politiker früher abschätzig »Amerikas Hinterhof« nannten, in den man nach Belieben einmarschierte. Jetzt sind sie ins Vorderhaus gewandert. Dort möchten sie anständig umworben werden. Konservativen wie Ronald Reagan und George W. Bush war das noch klar: Reagan unterzeichnete in seiner Präsidentschaft ein Amnestiegesetz, das Millionen Illegalen einen Aufenthaltsstatus verschaffte. George W. Bush betrieb als Gouverneur von Texas eine erstaunlich pragmatische Einwanderungspolitik (nicht zuletzt weil sein Bundesstaat auf die illegalen Billiglöhner aus Mexiko oder El Salvador wirtschaftlich angewiesen war). Aber zu seiner Amtszeit als Präsident war eine solche Politik bei den Republikanern schon nicht mehr mehrheitsfähig.

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