USASandy hilft auch nicht

Nach dem verheerenden Wirbelsturm hoffen Umweltschützer auf eine Wende in der US-Klimapolitik. Obama setzt aber lieber auf Wachstum und Energiesicherheit. von 

US-Flagge vor verwüsteten Häusern in New Jersey nach dem Wirbelsturm Sandy

US-Flagge vor verwüsteten Häusern in New Jersey nach dem Wirbelsturm Sandy  |  © Mario Tama/Getty Images

Es war ein Moment, auf den Umweltschützer lange gewartet hatten: Präsident Obama sprach über die Gefahr des globalen Klimawandels. »Unsere Kinder sollen nicht in einem Amerika leben, das durch die zerstörerischen Kräfte eines immer wärmeren Planeten bedroht wird«, sagte Obama in seiner ersten Rede nach der historischen Wiederwahl. Seine Bemerkung kam nur Tage nachdem der Supersturm Sandy in New York und entlang der amerikanischen Ostküste schwere Verwüstungen angerichtet hatte. Über hundert Menschen starben, Tausende wurden obdachlos, der Schaden beläuft sich auf mehr als 50 Milliarden Dollar.

Sandy machte den Klimawandel über Nacht zum Topthema. Michael Bloomberg, New Yorks politisch einflussreicher Bürgermeister, gab in letzter Minute eine Wahlempfehlung für Obama ab, weil der Präsident im Gegensatz zu Mitt Romney zumindest Ansätze zur Bekämpfung des Klimawandels gezeigt habe. Die Wirtschaftspostille Businessweek titelte: »It’s Climate Change, Stupid« – in Anlehnung an den legendären Wahlslogan von Ex-Präsident Bill Clinton.

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Während Obamas erster Amtszeit war die Klimadebatte fast vollkommen verstummt. So tief war das Thema in der Prioritätenliste der Amerikaner gerutscht, dass Mitt Romney im Wahlkampf darüber witzelte. Für seine hämische Bemerkung, Präsident Obama verspreche, den Anstieg des Meeresspiegels zu verlangsamen, während er, Romney, verspreche, den Familien zu helfen, bekam Romney auf dem Parteitag der Republikaner mit Abstand den meisten Applaus. Und Obama schien nicht bereit, seine grünen Ambitionen zu verteidigen. Als Romney in der ersten Debatte mit dem Präsidenten dessen Förderung von erneuerbaren Energien schlicht als 90-Milliarden-Dollar-Geschenk an regierungsfreundliche Unternehmen geißelte, reagierte Obama nicht einmal auf den Vorwurf.

Obama trat 2008 mit einer ehrgeizigen Agenda an. Er wollte die US-Wirtschaft von fossilen Brennstoffen entwöhnen und gleichzeitig ein grünes Jobwunder herbeizaubern. Doch dann widmete der Präsident fast seine ganze Energie der Gesundheitsreform. Klimawandel wurde erst zum Randthema, dann zum Tabu. Nicht einmal Umweltschützer wagten in Zeiten der Großen Rezession direkt über den Klimawandel zu reden.

Der Klimawandel wurde in der Rezession vom Randthema zum Tabu

Obamas zweite Amtszeit weckt unter den Umweltschützern nun Hoffnungen auf eine Klimainitiative. Unterdessen sieht die Energieindustrie schwere Zeiten auf sich zukommen. Die Kohlebranche klagt über Obamas angeblichen »Krieg gegen Kohle«. Den ersten Schock erlebten die Konzerne gleich am Tag nach der Wahl. Der Kurs des Kohleproduzenten James River Coal stürzte an der New Yorker Börse um satte 25 Prozent ab, auch die Öl-Giganten Exxon und Chevron sahen ihre Aktien einknicken. Die Energiekonzerne und ihre Eigentümer hatten massiv auf einen Sieg Romneys gesetzt, sie gehörten zu seinen größten Wahlkampfspendern. Romney versprach nicht nur eine großzügigere Handhabung von Bohrlizenzen, sondern hatte auch angedeutet, er würde als Präsident das Regulierungsmandat der Umweltbehörde Epa einschränken. Das hätte die Behörde praktisch zahnlos gemacht. Mit Obamas Wiederwahl liegen ihre Pläne für striktere Limits beim Treibhausgasausstoß wieder auf dem Tisch. Sie würden vor allem Kohlekraftwerke treffen. Bereits jetzt sollen mehr als 125 der 500 US-Kraftwerke, die Kohle verstromen, dichtmachen.

Die Befürchtungen der Industrie werden sich als ebenso unbegründet herausstellen wie die Hoffnungen der Umweltschützer: Obamas große Umweltwende wird ausbleiben. Der Präsident hat sich längst von seinen ursprünglichen politischen Überzeugungen entfernt.

Standen zu Anfang seiner ersten Amtszeit erneuerbare Energien ganz oben auf der Agenda, will Obama die USA nun energieunabhängig machen. Alle verfügbaren heimischen Energiequellen sollten deshalb genutzt werden, erklärte Obama in den vergangenen Monaten wieder und wieder. Selbst den verstärkten Einsatz von Kohle schließt er nicht mehr grundsätzlich aus. Er intervenierte persönlich im Herbst 2011, um einen Vorstoß der Epa zur Smog-Bekämpfung zu stoppen; er passe »nicht in das aktuelle wirtschaftliche Umfeld«. Forschungsprojekte mit dem Ziel, neue Methoden für eine »saubere« Verbrennung von Kohle zu finden, erhielten derweil Hunderte Millionen Fördergelder von Obamas Regierung. Kritiker halten solche Projekte für Feigenblätter, um die Industrie zu schützen: »Es gibt keine saubere Kohle, und es wird keine saubere Kohle geben – saubere Kohle ist ein Widerspruch in sich selbst«, sagt etwa Dan Becker, der Leiter des Klimaschutzprogramms des größten US-Umweltschutzverbandes Sierra Club.

Bald dürften die USA Russland als größten Erdgas-Förderer ablösen

Eine Prüfung für Obamas neues Umweltengagement ist die Entscheidung über die Keystone Pipeline. Der Präsident hatte die Pläne für die Sieben-Milliarden-Dollar-Pipeline, die Schweröl aus den kanadischen Ölsandanlagen quer durch die USA zu den Exporthäfen am Golf von Mexiko bringen soll, im Frühjahr zunächst abgelehnt. Den Betreibern hatte er jedoch zugestanden, sie könnten einen überarbeiteten Plan einreichen. Befürworter versprechen sich von dem Großprojekt Tausende Arbeitsplätze. Umweltschützer dagegen warnen, die Pipeline würde die Verwendung des Schweröls aus Ölsand erleichtern; der Stoff gilt als einer der schmutzigsten fossilen Brennstoffe.

Leserkommentare
  1. wenn man nicht auf der anderen Seite so kräfig in die Umwelt reintritt.
    Ansonsten ist das nur Schönfärberei, so ähnlich wie "ein sich abzeichnender positiver Trend in der Energiebilanz".
    Man würde es bei einem anderen als Obama als nicht zwingend relevant für die Umweltfragen bezeichnen, ob der Energieträgerbedarf sinkt und die Produktion steigt.

  2. "hoffen Umweltschützer auf eine Wende..."
    "ein Moment, auf den Umweltschützer lange gewartet hatten..."

    Seltsam, das liest sich, als wären "Umweltschützer" eine Gruppierung, die nichts anderes als ihre eigenen Interessen vertritt. Als würde die Verheerung gigantischer Landstriche, ganz zu schweigen von den langfristigen Folgen, niemanden anders betreffen als diese kleine Gruppe.

    2 Leserempfehlungen
  3. um eine Umstrukturierung der Energieversorgung zu begründen.

    Da helfen auch schöne Bilder von abgesoffenen Uferzonen die unterhalb die mittleren HW Niveaus besiedelt worden sind nicht weiter. (Ähnlich "hilfreich" wie die Dürrediskussion, die nämlich nur von den tatsächlichen Verantwortlichkeiten ablenkte)

    Dazu kam ja auch auflandiger Wind und auflausfendes Hochwasser was dann vom Sturm überlagert worden ist.

    Genau deshalb wird man argumentieren das es garnichts zu verändern gäbe!

    Obwohl man mindestens die Küstenbewohner an einen anstehende Umsiedlung gewöhnen müsste, wie hier in Europa von Belgien bis Dänemark.
    Denn an beiden Küsten gibt es durch Sedimentkompaktion und Tektonik bedingt erhebliche Subsidenzbewegungen die nur sehr begrenzt durch höhere Deiche ausgleichbar sind. Jede zusätzliche positive Veränderung am lokalen Mittelwasser wird das Problem noch beschleunigen! Und das ist auch durch "Umweltschutzmaßnahmen" nicht wirksam zu moderieren, aber sowieso egal, da die USA eh sehr großzügig mit den eigenen Resourcen umgehen. Aber die müssen auf dem Müll ja auch leben.

    MfG KM

    Eine Leserempfehlung
    • Plupps
    • 25. November 2012 11:29 Uhr

    Unverständlich warum für den Klimawandel immer die ungeeignesten Beisspiele herausgesucht werden. Sandy gehört sicher nicht dazu - die armen Eisbären haben wenigstens ausgedient

    2 Leserempfehlungen
  4. Wenn die Beeinträchtigung des Grundwassers und vor allem der ungesteuerte Austritt von Methan in eingen Grenzen gehalten werden könnten, dann könnte sich Fracking einen wichtigen Beitrag zu der Reducktion von CO2-Emmisionen leisten.

    Wenn Dank fracking Preis und Verfügbarkeit von Erdgas so gut werden Kohlekraftwerke durch GUD-Gaskraftwerke verdrängt werden ist das ein riesen Schritt bei der CO2 Einsparung.

    Ein GUD-(Erdgas)Gaskraftwert stößt bei gleicher Stromproducktion ca. 1/3 weniger CO2 aus als ein (modernes) Kohlkrafwerk. Zum einen durch den höheren Wirkungsgrad der GUD-Kraftwerke, zum Anderen wegen dem geringeren Kohlenstoffgehalt in Erdgas im Vergleich zu Kohle (und Öl) bei gleichem Brennwert

    Zum Vergleich, würde wir in Deutlschland (Kohlestromanteil ca. 50%) alle Kohlekraftwerke durch GUD-Gaskraftwerke ersetzten währe die CO2-Einsparung nocheinmal deutlich gößer als jene die wir durch ca. 25% Erneurbare erreicht haben.

    Kohle und Öl schnell durch Erdgas zu ersetzten ist Klimapolitik, nur leider weniger Medienwirksam.

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    Wenn Sie einen Weg zeigen, die Chemikalien zu vermeiden und damit die absehbare Verseuchung des Grundwassers in vielen Fracking-Gebieten, dann wird das Fracking sicherlich mehr Anhänger finden.

    Zudem besteht die nicht unerhebliche Gefahr, dass das Erdgas selber bzw. dessen Bestandteile in das Grundwasser gelangen und es so verseuchen.

    Wer wird die Bürger entschädigen, die aufgrund so einer Verseuchung den Wohnort wechseln müssen? Wer wird für die Krankheiten zahlen, die dadurch verursacht werden? Haben Sie das alles eingeporeist - und auch mit angemessenen Beträgen?

    Nach einer Milchmädschen-Rechnung ist Strom aus Atomkraft auch viel billiger als z.B. Strom aus Kohle oder EE. Schaut man sich aber die Gesamtkosten an, die die Gesellschaft über den gesamten Zeitraum bereits in die Energieträger investiert haben, und das, was an technischen Schulden (CO2-Folgen, Flächen-Verbrauch, Endlagerung für Atom-Abfall, AKW-Rückbau, Verhinderung von "schmutzigen Atombomen", Kosten durch Castor-Transporte, ..) anfällt, dann spricht die Bilanz glasklar für EE!

    Nur sind EE - anders als Energie aus Atom, Öl, Kohle oder jetzt Fracking - dezentral sind und man kann auch mit kleinem Kapital schon etwas bewegen. Großkonzerne planen aber Gewinne im großen Stil und sie halten sich Wettbewerb in Grenzenund vom Leib, indem man Technologien einsetzt, die nur wenige andere Fat Cats beherrschen.

    Ergo wird nun Fracking wider aller Risiken schön geredet, z.B. hinsichtlich der CO2-Bilanz - von wem wohl?

  5. Erstens ist die Datenlage ungenau was Methanschlupf angeht, besonders beim Fracking. Selbst wenige Prozent Verlust in der Prozesskette können die CO2eq-Bilanz von Erdgaskraftwerken auf Steinkohleniveau heben.
    Zweitens kann man die Emissionen mit Erdgas nur um einen bestimmten Betrag senken, aber nicht weit genug um gefährlichen Klimawandel abzuwenden (Siehe das "Golden Age of Gas" Szenario der IEA im Weltenergiebericht von 2011). Ein weiteres Problem ist, dass billiges Erdgas Investitionen in kapitalintensive aber emissionsarme Technologien wie Kernenergie oder Windkraft verhindert. Die Absagen für den Bau neuer Kernkraftwerke in den USA sind nicht zuletzt auch durch den deutlich gesunkenen Erdgaspreis bedingt. Kurzfristig ist der Bau von Gasturbinen einfach rentabler.

    Ja, unterm Strich, denke ich, ist Gas besser als Kohle. Für effektiven Klimaschutz ist es aber nicht gut genug. Fossile Brennstoffe ohne CCS sind keine Lösung.

  6. Das Positive im Negativen ist doch, dass so ein Technologie-Wettbewerber wegfällt.

    Während China aus Eigentinteresse vermutlich mit brachialer Gewalt auch technologisch die Europäer angreifen können wird, werden die USA aus falsch verstandenen Wirtschafts-Vorstellungen, die nur durch fehlendem Zerstörungswillen bestehender Machtstrukturen zu "rechtfertigen" sind, technologisch abgehängt. Zumindest dann, wenn die Prognosen des Artikels zutreffen.

    In Anbetracht der Tatsache, dass die USA mit Weltleitwährung besonders billig investieren kann, und US-Amerikanische Unternehmen bei Technologie-Entwicklungen allein dadurch einen unerörten Wettbewerbsvorteil genießen, ist es recht erfreulich, sich amerikanischer Konkurrenz nur auf dem akademischen, nicht aber real-wirtschaftlichen Markt gegenüber zu sehen.

    Am Ende des Tages - und das wird in der Energiefrage schon in nur wenigen Jahren sein - wird aber die Wettbewerbsfähigkeit vieler Produkte & Dienstleistungen in steigendem Maße von den Energiekosten abhängen. Bei der erkennbaren Technologie-Entwicklung der EE wird sich dadurch ein erheblicher strategischer Wettbewerbsnachteil für die USA ergeben, der mit steigenden Gestehungskosten fossiler Energieträger immer weiter steigen wird. Eine Wirtschaft, die sich zunehmend von Gas/Öl (und damit von den "globalen US-Steuern" auf Dollar-Geschäfte) befreit, wird global immer wettbewerbsfähiger werden.

    Ein anderes Problem ist natürlich, dass die USA unser aller Atmosphäre verseuchen..

  7. Wenn Amis von Benzinsparen reden, dann geht es ihnen darum unabhängig von Typen wie dem iranischen Präsidenten oder Chavez zu werden. Oder um die Verkleinerung des Leistungsbilanzdefizits. Aber nicht um Klimaschutz. Daher sind sämtliche Interpretationen der dortigen Handlungen als 'Klimaschutz' einfach augenwischerei, mit den man hiesiegen Kleinverdienern eintrichtern will das es nicht sinnlos ist wenn wir zukünftig 30 oder 40 cent für eine Kilowattstunde Strom bezahlen. Weil in den "USA bewegt sich ja auch was" die haben jetzt mehr Erdgas. Pustekuchen. Die USA und auch China machen GAR nix um ihren CO2 Ausstoß zu senken. Europa prescht vor, und China stößt pro Kopf bereits mehr aus als Frankreich, bald als Deutschland. PRO Kopf! Wir sollten die Energiewende aussetzen, oder abbremsen bis auch dort mitgezogen wird. So streiten wir uns nur ob Bürger oder Industrie die Lasten tragen, während am Pazifik weder der eine noch der andere Belastet wird.

    Die Theorie der "historischen Klimaschuld" ist nebenbei meines Erachtens auch nicht tragbar, denn die frühen Industriestaaten haben viele Dinge erfunden von denen die Schwellenländer profitieren.

    Ausführlich auf:
    http://erleutherung.blogs...

    Es zählt nur der Ausstoß im jetzt.

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  • Schlagworte Klimawandel | Klimapolitik | Barack Obama | USA | US-Wirtschaft
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