Obamas wichtigste Entscheidung nach seiner Wiederwahl als US-Präsident ist die Nominierung eines Nachfolgers für Notenbankchef Ben Bernanke. Wer künftig die Federal Reserve leitet, hat größeren Einfluss auf die Wirtschaft der USA und des Rests der Welt als der Präsident selbst. Bernanke hat durchblicken lassen, dass er nach Ende seiner laufenden Amtszeit, also Anfang 2014, nicht mehr antreten will. Der frühere Professor der Elite-Universität Princeton wird dabei ein gefährliches Erbe hinterlassen. Denn ihm fiel es zu, die Zentralbank und das Land durch eine tiefe und lange Krise zu steuern. Bernanke konnte eine neue Depression zwar abwenden. Doch gerade die Mittel, die er dabei einsetzte, könnten die nächste Krise auslösen.

Kein US-Zentralbanker vor Bernanke hat derart mutig oder fahrlässig – je nach Betrachtung – Neuland beschritten. Die geldpolitischen Mittel sind dabei nicht per se neu. Niemand hat es jedoch gewagt, sie in derart brisanten Situationen und in einer solchen Größenordnung anzuwenden. So hat Bernanke den Leitzinssatz seit Ende 2008 auf nahe null gesetzt. Und darüber hinaus angekündigt, die Fed würde es bis mindestens Mitte 2015 dabei belassen. Das war aggressiv, und zugleich spielte Bernanke dabei mit ungewöhnlich offenen Karten. Doch solche Transparenz in der Geldpolitik birgt das Risiko, den Spielraum für einen Richtungswechsel einzuengen. Wäre Bernanke gezwungen, etwa durch eine Rückkehr der Inflation, die Zinsen rascher wieder anzuheben, könnte das einen Schock in den Märkten auslösen.

Als Bernankes umstrittenster Vorstoß gilt das Quantitative Easing, die geldpolitische Lockerung durch Wertpapieraufkäufe. Mit der Annäherung der Leitzinsen an den Nullpunkt ging Bernanke nämlich an die Grenzen der herkömmlichen Geldpolitik. Zudem konnte die Notenbank dadurch lediglich die kurzfristigen Zinsen beeinflussen. Um auch die langfristigeren Zinssätze zu drücken, kaufte die Fed massiv Staatsanleihen sowie Hypothekenpapiere auf. Die zusätzliche Nachfrage durch die Notenbank treibt die Kurse der Papiere in die Höhe und gleichzeitig die Verzinsung nach unten. Schon die Bank of Japan hatte 2001 zu diesem Mittel gegriffen– allerdings mit wenig Erfolg. Bernanke ist jedoch überzeugt, dass sich der gewünschte Effekt in den USA einstellen wird. So überzeugt ist er, dass die Fed bereits drei derartige Lockerungsrunden durchgeführt hat, die bisher letzte im September. Darin erklärte die US-Notenbank, bis zu 40 Milliarden Dollar an Hypotheken pro Monat anzukaufen – ein Datum für das Ende dieser Intervention blieb offen. Das billige Geld soll dafür sorgen, dass Banken großzügiger bei der Finanzierung von Immobilien werden, Unternehmen mehr Kredite aufnehmen, Sparer aus Bonds fliehen und Aktien kaufen, um Unternehmen zu Investitionen zu treiben.

Das bleibt nicht ohne Nebenwirkungen. Die massive Geldentwertung, vor der Bernankes Kritiker warnen, ist zwar bisher ausgeblieben. Doch die Gefahr ist real, dass sich Bernankes Geldschwemme andere Kanäle sucht. IWF-Chefin Christine Lagarde warnte unlängst vor überhitzenden Schwellenländern. Auch Brasiliens Finanzminister Guido Mantega kritisierte schon die US-Geldpolitik.

Je länger die Fed ihr Füllhorn über der Wirtschaft ausschüttet, desto größer werden die Risiken. Dazu gehört auch, dass die Fed mittlerweile mehr als zwei Billionen Dollar an Wertpapieren in ihren Bilanzen angehäuft hat. Umso schwieriger wird es, den außergewöhnlichen Zustand wieder auf ein Normalmaß zurückzudrehen. Diese hochsensible Aufgabe wird dem nächsten Fed-Chef zufallen. Dessen Name wird erst in einigen Monaten offiziell, doch als heiße Kandidaten gelten: Larry Summers, einst Obamas Top-Wirtschaftsberater, der Ökonom Alan Krueger und Finanzminister Timothy Geithner. Janet Yellen, die Nummer zwei bei der Fed hinter Bernanke, hat die meiste Erfahrung als Zentralbankerin und würde wohl die reibungsloseste Übergabe bedeuten. Wen auch immer Obama mit dem Posten betraut, die Aufgaben sind gewaltig. Die Welt kann nur hoffen, dass das Manöver gelingt.