Macht ist Kopfsache. Machtverlust auch.

Wie sich die weißen Amerikaner im Moment fühlen, die lieber Mitt Romney im Weißen Haus gesehen hätten, das hat schon vor einiger Zeit ein Film von Clint Eastwood ziemlich genau gezeigt. In Gran Torino geht es um den Veteranen Walt Kowalski, der in einer schäbigen Gegend von Detroit wohnt und gerade seine Frau verloren hat. Nun hat er nicht viel mehr im Leben, als Dosenbier zu trinken und sich über die Schlitzaugen in seinem Viertel zu ärgern. Kowalski hat bei einem der amerikanischsten Unternehmen gearbeitet, bei Ford, und nun muss er feststellen, dass niemand mehr amerikanische Autos fahren will. Sein ganzer Stolz ist ein Gran Torino, der die meiste Zeit behütet in der Garage steht.

Walt fühlt sich überfremdet und erkennt sein Amerika nicht mehr. Doch Walt ändert sich, weil er sich ändern muss. Er lässt sich auf seine neuen Nachbarn ein und baut eine Beziehung zu ihnen auf – wenn auch knurrend. Kowalski wird sogar zum Beschützer dieser fremden Nachbarn, als diese von einer asiatischen Gang angegriffen werden. Clint Eastwood schildert all das äußerst sensibel, ohne falsches Pathos. Clint Eastwood, der Regisseur und Schauspieler, ist so, nicht aber Clint Eastwood, der politische Mensch.

Im Wahlkampf unterhielt er sich auf dem Parteitag der Republikaner mit einem Stuhl, der Stuhl symbolisierte Obama. Ihm sagte Eastwood Dinge wie »Dieses Land gehört uns«, all jene, die nicht ihre Arbeit machten, würde man nach Hause schicken. Dinge also, die der Film-Eastwood auch gesagt hat, bevor er lernte, seine neuen Nachbarn zu mögen.

Das ist das Problem des weißen Mannes – nicht nur in Amerika: Er kann sich nicht entscheiden, ob er die Migranten mögen soll, weil sie oft noch so patriarchalisch sind, wie er selbst sein möchte. Oder ob er sie ablehnen soll, weil sie Fremde sind. Das Weltbild des weißen Mannes ist labil, jede Sekunde kann es zusammenstürzen, er ist nicht überzeugt und überzeugt darum nicht. Machtverlust ist eine Sache des Kopfes.

Das ist der tiefere Grund für die Niederlage von Mitt Romney, das ist auch der Grund dafür, dass die Wiederwahl von Obama der Abwahl eines bestimmten Typus von weiß und männlich gleichkommt. Bei Obamas erster Wahl konnte man noch von einer Sondersituation sprechen, weil George W. Bush das Ansehen der Republikaner ruiniert hatte und der junge Mann aus Chicago so sehr nach Aufbruch und Hoffnungen aller Art klang.

Diesmal jedoch war der Präsident schon ergraut, die Wirtschaft in einer misslichen Lage – und trotzdem wurde er gewählt. Zum zweiten Mal in Folge verstießen die amerikanischen Wähler gegen eine Regel: dass sich Minderheiten nicht zu einer Mehrheit addieren. Sie tun es offenbar doch, und sie tun es womöglich von nun an immer wieder.

Im vergangenen Mai veröffentlichte die amerikanische Zensus-Behörde Zahlen, die belegten, dass erstmals in der Geschichte der USA weniger Babys mit weißer Hautfarbe auf die Welt kamen als solche von ethnischen Minderheiten. Die Statistiker sprachen von einem Wendepunkt: 400 Jahre nachdem die ersten englischen Pilgerväter auf der Mayflower den Atlantik überquerten, sich von der englischen Kirche lossagten und ihre autonome Gemeinde in Neuengland gründeten, zeichnet sich ab, dass die White Anglo-Saxon Protestants von 2042 an nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung stellen werden. Deshalb verlieren die Republikaner schon jetzt rein demografisch bei den Wählern in jedem Jahr 1,7 Prozentpunkte gegenüber den Demokraten. Demografie und Demoskopie marschieren im Gleichschritt.

Die politischen Vertreter einer Mehrheit, die auf dem besten Weg ist, zur Minderheit zu werden, sind also nicht klug beraten, wenn sie sich außerdem noch gegen Schwule und Lesben, gegen großstädtische, emanzipierte Frauen und gegen Arme wenden. So, wie Mitt Romney es getan hat. Und um auch ganz sicher zu sein, dass sich die Hispanics und die Afroamerikaner bei ihm so wenig wohlfühlen wie die Frauen, nominierte er als möglichen Vizepräsidenten Paul Ryan, einen Mann genau wie er selbst, nur ein bisschen jünger.

Tatsächlich stirbt nicht eine Hautfarbe aus, sondern ein Habitus

Und was geht das alles die Europäer an, die weißen Männer auf dem Alten Kontinent? Noch nicht ganz so viel wie die Amerikaner, obwohl auch hier die Migranten unübersehbar auf dem Vormarsch sind. Sie brauchen mangels Masse eben noch ein oder zwei Jahrzehnte länger als in den USA. Dafür droht dem weißen Mann in Europa höchst akut eine ganz andere Minderheit, die nebenbei gesagt eine Mehrheit ist: die Frau. Mit oder ohne Quote sind die Frauen dabei, die Hegemonie des Mannes zu beenden. Besonders augenfällig ist das zurzeit gerade in Deutschland, nicht nur wegen der Kanzlerin. Am deutlichsten zeigt sich der Hegemonieverlust bei einem Mann: Peer Steinbrück. Er ist in etwa so alt wie Joschka Fischer und Gerhard Schröder, er ist wie sie ein Macho alter Schule, dominant, eitel, amüsant, etwas autoritär, laut, basta. Der Unterschied ist nur: In Schröders und Fischers großer Zeit, vor zehn Jahren, da kam so was noch ganz gut an, auch bei Frauen. Heute wirkt Steinbrück etwas aus der Zeit gefallen, Frauen, junge zumal, können mit ihm wenig anfangen. Man stelle sich ihn nur zwischen Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Katrin Göring-Eckardt vor, kulturell in der Minderheit, chancenlos, Gruppenbild mit Herr. Nun läuft Peer Steinbrück zu allerlei Frauentreffen, um sich nachzusozialisieren, was ihn auch wieder ganz sympathisch macht. Ändern tut es nichts mehr, in Deutschland wird die Politik mehr und mehr Frauensache.

Der allmähliche Machtverlust des weißen Mannes gegenüber Migranten und Frauen findet zu alledem auch noch eine globale Entsprechung. Die Dominanz des Westens geht in diesen Jahrzehnten zu Ende, Schwellenländer wie Indien, Brasilien und China gewinnen an Bedeutung, ökonomisch wie politisch. Und die Fähigkeit des Westens, durch militärische Interventionen die Welt nach seinen Wünschen umzugestalten, ist in den vergangenen zehn Jahren schroff an ihre Grenzen gestoßen.

Die Bilanz ist also eindeutig, dreifacher Machtverlust, gegenüber den Frauen, den Migranten, dem Rest der Welt. Ist sie auch deprimierend? Und wenn ja: für wen?

Der weiße Mann ist am Ende, weiße Männer wird es jedoch weiterhin geben. Sie können also etwas tun, sie können auf die neuen Anforderungen reagieren und haben damit oft auch schon begonnen. So wie Clint Eastwood in Gran Torino. Und die weißen Männer haben Zeit, denn so rapide wird der Niedergang nicht sein, zumal die ökonomische Macht nach wie vor überwiegend in den Händen weißer Männer liegt. Insofern bringt die Wahl in Amerika zunächst einmal nur die große Politik gegen das große Geld in Stellung, eine Auseinandersetzung, deren Ausgang noch lange nicht entschieden ist.

Tatsächlich stirbt nicht eine Hautfarbe aus und auch kein Geschlecht ab, sondern ein Habitus, allerdings einer, der jahrtausendealt ist, der hundertfach von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde. Lange war der weiße Mann ganz selbstverständlich das Maß aller Dinge und aller anderen Menschen, er war die Norm. Er bestimmte, was Zivilisation ist, er war Zivilisation in persona und fuhr in die Welt hinaus, um sie den anderen beizubringen. Sein »westlich aufgeklärter« Blick bestimmte, was der »Orient« war, wie Afrika funktionierte oder Asien, wie sich andere weiterzuentwickeln hatten. Er besaß die Macht, die anderen zu definieren, nie war es so, dass die anderen den weißen Mann definierten oder Ansprüche auf die Vorherrschaft in der Welt stellten. Sie verehrten ihn oder rebellierten gegen ihn, doch immer stand er im Zentrum.

Aber wie kann, wie soll der weiße Mann mit seiner veränderten Stellung in der Welt umgehen? Vom Gedanken abzurücken, sich als die Norm zu betrachten, wäre für den Anfang völlig ausreichend. Sich als einen unter anderen zu sehen, nicht als den einen über allen. Es ist schwer zu verkraften, aus dem Zentrum zu treten oder vertrieben zu werden, besonders dann, wenn es womöglich gar kein neues Zentrum gibt. Aber Milliarden Menschen haben schon immer so leben müssen, es geht also.

Wer fragt, wie der Westen, wie der Mann mit seiner noch verbliebenen Macht und seinem allmählichen Machtverlust umgehen soll, der landet unweigerlich wieder bei Barack Obama, der sich dagegen wehren würde, ein Vorbild genannt zu werden, und vielleicht gerade deshalb zu einem taugt.

Obama hat schon früh in seinem Leben gelernt, was es bedeutet, fremd und fremdbestimmt zu sein. Seine Identität ist so vielschichtig wie das multiethnische Amerika selbst, er ist eine »Kreation der Welt«, wie sein Biograf David Maraniss in einem Interview sagte. Seine Mutter, eine Weiße aus Kansas, sein Vater, ein Kenianer, heirateten 1961, zu einer Zeit, in der »Mischehen« zwischen Weißen und Schwarzen noch vielerorts verboten waren. Später wuchs Obama einige Jahre in Indonesien auf, seine Mutter ließ sich von Obamas Vater scheiden und heiratete einen Indonesier. Er sah also bereits als Sechs- bis Siebenjähriger so viele unterschiedliche Orte und Menschen, wie sie die meisten seiner späteren Mitstudenten in New York nicht einmal als Erwachsene sehen würden.

Die Wiederwahl von Obama markiert eine historische Wende

Obama ist ein Schwarzer nur aus dem Blickwinkel eines Weißen, der sich selbst als rein ansieht und jede rassische Abweichung von sich selbst als farbig definiert. Tatsächlich ist Obama weder schwarz noch weiß, und er ist doch schwarz und weiß zugleich; er ist gläubiger Christ mit islamischen Vornamen: Barack, der Gesegnete; Hussein, der Sohn des vierten rechtgeleiteten Kalifen der Muslime. Als Jugendlicher wurde er »Barry« genannt; kurz vor seiner ersten Kandidatur holte er sich seinen ursprünglichen Namen zurück, mit der Konsequenz, fortan von vielen für einen Muslim gehalten zu werden. Ein Amerikaner des Gestern, der Immobilientycoon Donald Trump, forderte vergangenes Jahr Obama wochenlang dazu auf, seine Geburtsurkunde öffentlich zu machen. Keiner wisse, wo der Mann herkomme, wo er aufgewachsen sei. So jemand wie Obama – konnte er tatsächlich ein richtiger Amerikaner sein?

Später dann, bei seinem politischen Weg nach ganz oben hatte Barack Obama kein schwarzes Vorbild im Präsidentenamt, das er nachahmen, in das er sich hineinfallen lassen konnte – es war eher umgekehrt: Das Amerika der Minderheiten hat in ihm etwas gesehen, das ihn kompatibel für die eigene Lebensweise machte. Unpassend war und ist Obama hingegen in jedem Hinterzimmer-Washington der Lobbyisten, der gebogenen Krawatten auf zufriedenen Bäuchen, der Whiskey-und-Zigarren-Gemütlichkeit. Nicht, dass gegen diese Kultur etwas zu sagen wäre, die muss es sicher auch geben. Nur würde ein Obama mit Whiskey und Zigarre eben aussehen wie ein Schwarzer, der einen Weißen spielt. Andererseits: Als erster schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten, darf er seine Macht nicht aggressiv zeigen. Nichts, was er sagt oder tut, durfte an die intellektuelle Aggression eines Malcolm X oder die Wut der Schwarzen erinnern, die besonders der politische Rap à la Public Enemy gegen das weiße Establishment freilegte: »Elvis was a hero to most / But he never meant – to me you see / Straight up racist that sucker was« (»Elvis war für die meisten ein Held / Für mich war er nichts / Der Wichser war bloß ein übler Rassist«). Man könnte Obama fast lieben für seine Ungeselligkeit.

Zuletzt wurde er oft als unzugänglich und introvertiert kritisiert. Nur, wie könnte er anders sein? Die erste Frau an der Spitze der Deutschen bekam lange dasselbe zu hören. Die Ersten können eben nicht die Lockersten sein, sie schlüpfen nicht in ihre Ämter wie in einen alten Pantoffel, sie tasten sich hinein. Das jedenfalls kann man auch von Obama lernen: Situationen auszuhalten, die sich jeder Art von Präpotenz verweigern, neue Verhaltensweisen zu erfinden, auch spontan, wo die alten nicht mehr funktionieren.

Männlichkeit bedeutet bei Obama, innen- wie außenpolitisch die Grenzen der eigenen Macht zu akzeptieren – die USA sind nicht mehr die Weltführer, sie wollen und müssen sich mehr auf sich selbst konzentrieren (Schulden, Arbeitslosigkeit, Abzug der Truppen). Es ist immer noch eine sehr selbstbewusste Macht, aber vielleicht wird sie in ihren besten Momenten etwas weiser, eine Macht, die sich bewusst ist, dass der pursuit of happiness nicht immer gut laufen muss. Eine Macht, die weiß, dass sie sich erneuern muss, weil sich die Umstände geändert haben. Ist das deprimierend? Oder eher interessant?

Als besonders schwierig könnten sich für den neuen weißen Mann die Anforderungen der Frauen erweisen, die ihn zugleich ganz sensibel und ungebrochen männlich haben möchten, das eine mehr am Tag, das andere vielleicht mehr in der Nacht. Die Männlichkeit, die beides in sich vereint, das ist der letzte unbekannte Kontinent, der noch erobert werden darf. Er ist bislang ziemlich unbewohnt, gerade auch Hispanics oder Afroamerikaner oder Türken bevölkern ihn nur spärlich.

Der Machtverlust des weißen Mannes wird noch oft von Häme begleitet werden, kein Wunder, er hat ja auch lange genug dominiert. Dennoch wäre es billig und auch etwas blöde, jetzt in einen Gegentriumph auszubrechen. Die Wiederwahl von Obama markiert eine historische Wende, die Jahre selbstverständlicher männlicher, weißer Dominanz gehen zu Ende, vieles ist da falsch gelaufen, einiges richtig, nun beginnt etwas Neues. Das gilt auch, um bei der Avantgarde des Gestern zu enden, für die Republikaner. Eigentlich spricht nichts dagegen, dass auch sie sich auf die neue Welt einstellen. Möglich, dass die Amerikaner 2016 wieder einen republikanischen Präsidenten wählen. Gut möglich, dass sein Name dann auf -o oder -ez enden wird. Oder dass er eine Frau ist.

Mitarbeit: Justus von Daniels