Und was geht das alles die Europäer an, die weißen Männer auf dem Alten Kontinent? Noch nicht ganz so viel wie die Amerikaner, obwohl auch hier die Migranten unübersehbar auf dem Vormarsch sind. Sie brauchen mangels Masse eben noch ein oder zwei Jahrzehnte länger als in den USA. Dafür droht dem weißen Mann in Europa höchst akut eine ganz andere Minderheit, die nebenbei gesagt eine Mehrheit ist: die Frau. Mit oder ohne Quote sind die Frauen dabei, die Hegemonie des Mannes zu beenden. Besonders augenfällig ist das zurzeit gerade in Deutschland, nicht nur wegen der Kanzlerin. Am deutlichsten zeigt sich der Hegemonieverlust bei einem Mann: Peer Steinbrück. Er ist in etwa so alt wie Joschka Fischer und Gerhard Schröder, er ist wie sie ein Macho alter Schule, dominant, eitel, amüsant, etwas autoritär, laut, basta. Der Unterschied ist nur: In Schröders und Fischers großer Zeit, vor zehn Jahren, da kam so was noch ganz gut an, auch bei Frauen. Heute wirkt Steinbrück etwas aus der Zeit gefallen, Frauen, junge zumal, können mit ihm wenig anfangen. Man stelle sich ihn nur zwischen Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Katrin Göring-Eckardt vor, kulturell in der Minderheit, chancenlos, Gruppenbild mit Herr. Nun läuft Peer Steinbrück zu allerlei Frauentreffen, um sich nachzusozialisieren, was ihn auch wieder ganz sympathisch macht. Ändern tut es nichts mehr, in Deutschland wird die Politik mehr und mehr Frauensache.

Der allmähliche Machtverlust des weißen Mannes gegenüber Migranten und Frauen findet zu alledem auch noch eine globale Entsprechung. Die Dominanz des Westens geht in diesen Jahrzehnten zu Ende, Schwellenländer wie Indien, Brasilien und China gewinnen an Bedeutung, ökonomisch wie politisch. Und die Fähigkeit des Westens, durch militärische Interventionen die Welt nach seinen Wünschen umzugestalten, ist in den vergangenen zehn Jahren schroff an ihre Grenzen gestoßen.

Die Bilanz ist also eindeutig, dreifacher Machtverlust, gegenüber den Frauen, den Migranten, dem Rest der Welt. Ist sie auch deprimierend? Und wenn ja: für wen?

Der weiße Mann ist am Ende, weiße Männer wird es jedoch weiterhin geben. Sie können also etwas tun, sie können auf die neuen Anforderungen reagieren und haben damit oft auch schon begonnen. So wie Clint Eastwood in Gran Torino. Und die weißen Männer haben Zeit, denn so rapide wird der Niedergang nicht sein, zumal die ökonomische Macht nach wie vor überwiegend in den Händen weißer Männer liegt. Insofern bringt die Wahl in Amerika zunächst einmal nur die große Politik gegen das große Geld in Stellung, eine Auseinandersetzung, deren Ausgang noch lange nicht entschieden ist.

Tatsächlich stirbt nicht eine Hautfarbe aus und auch kein Geschlecht ab, sondern ein Habitus, allerdings einer, der jahrtausendealt ist, der hundertfach von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde. Lange war der weiße Mann ganz selbstverständlich das Maß aller Dinge und aller anderen Menschen, er war die Norm. Er bestimmte, was Zivilisation ist, er war Zivilisation in persona und fuhr in die Welt hinaus, um sie den anderen beizubringen. Sein »westlich aufgeklärter« Blick bestimmte, was der »Orient« war, wie Afrika funktionierte oder Asien, wie sich andere weiterzuentwickeln hatten. Er besaß die Macht, die anderen zu definieren, nie war es so, dass die anderen den weißen Mann definierten oder Ansprüche auf die Vorherrschaft in der Welt stellten. Sie verehrten ihn oder rebellierten gegen ihn, doch immer stand er im Zentrum.

Aber wie kann, wie soll der weiße Mann mit seiner veränderten Stellung in der Welt umgehen? Vom Gedanken abzurücken, sich als die Norm zu betrachten, wäre für den Anfang völlig ausreichend. Sich als einen unter anderen zu sehen, nicht als den einen über allen. Es ist schwer zu verkraften, aus dem Zentrum zu treten oder vertrieben zu werden, besonders dann, wenn es womöglich gar kein neues Zentrum gibt. Aber Milliarden Menschen haben schon immer so leben müssen, es geht also.

Wer fragt, wie der Westen, wie der Mann mit seiner noch verbliebenen Macht und seinem allmählichen Machtverlust umgehen soll, der landet unweigerlich wieder bei Barack Obama, der sich dagegen wehren würde, ein Vorbild genannt zu werden, und vielleicht gerade deshalb zu einem taugt.

Obama hat schon früh in seinem Leben gelernt, was es bedeutet, fremd und fremdbestimmt zu sein. Seine Identität ist so vielschichtig wie das multiethnische Amerika selbst, er ist eine »Kreation der Welt«, wie sein Biograf David Maraniss in einem Interview sagte. Seine Mutter, eine Weiße aus Kansas, sein Vater, ein Kenianer, heirateten 1961, zu einer Zeit, in der »Mischehen« zwischen Weißen und Schwarzen noch vielerorts verboten waren. Später wuchs Obama einige Jahre in Indonesien auf, seine Mutter ließ sich von Obamas Vater scheiden und heiratete einen Indonesier. Er sah also bereits als Sechs- bis Siebenjähriger so viele unterschiedliche Orte und Menschen, wie sie die meisten seiner späteren Mitstudenten in New York nicht einmal als Erwachsene sehen würden.