ÖsterreichSie opfern die Alpen

In Österreich sei alles besser, schwärmen Schweizer Touristen. Aber unser Nachbarland bezahlt einen hohen Preis für seinen Erfolg. von 

An der Grenze zwischen Graubünden und Tirol steht der Piz Val Gronda. Ein 2.800 Meter hoher Berg, dessen Hänge bis in die Schweiz ragen, unweit von Ischgl, dem Winterparty-Ort, wo Paris Hilton Prosecco aus Dosen bewirbt und Anfang Dezember die deutsche Band Scorpions die Skisaison einläuten wird. Es ist ein Wunder, dass der Piz Val Gronda bis heute unberührt geblieben ist. Der Berg ist Rückzugsgebiet für Steinadler, Bartgeier und das Alpenschneehuhn. Manche Polsterpflanzen, die hier aus dem Boden ragen, sind mehrere Jahrhunderte alt.

Doch der Unberührtheit wird ein Ende gesetzt: Schon nächstes Jahr soll ein neuer Lift Tausende Skihaserl und »Après-Schigolos« auf dem Gipfel absetzen. Der Piz Val Gronda ist das nächste Opfer des österreichischen Tourismuswunders.

Anzeige

Um vierzig Prozent stieg der weltweite Reiseverkehr im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Die Alpenländer, mit einem Anteil von 3,5 Prozent am weltweiten Tourismus, können bei diesen Wachstumsraten nicht mehr mithalten. Umso erbitterter und rücksichtsloser wird der Kampf um die Gäste ausgetragen. Gerade in Österreich, dem Vorbild vieler Schweizer Touristiker. Das Bruttoinlandsprodukt der Alpenrepublik ist zu fast 15 Prozent vom Tourismus abhängig, und im Schnitt wurden seit 2000 jährlich 600 Millionen Franken in den Ausbau der Seilbahn-Infrastruktur investiert.

Dürfen Würmer, Spinnen und andere Kriechtiere Großprojekte verhindern?

Österreich hat seine Konkurrenz längst abgehängt, auch jene in der Schweiz, wie eine Studie der Ökonomen vom BAK Basel zeigt. Regelmäßig untersuchen sie die Performance der wichtigsten Alpendestinationen: Einzig Zermatt kann mit den Skigebieten in Österreich mithalten. »Die Dominanz der Österreicher ist erdrückend«, ächzt das Lokalblatt Walliser Bote.

Tatsächlich ist der Tourismus in Österreich einzigartig. 126 Millionen Nächtigungen verzeichnet die Statistik. Das Bundesland Tirol liegt mit fast 43 Millionen einsam an der Spitze. Davon entfallen allein über 27 Millionen auf die Hotellerie – das sind nur acht Millionen Übernachtungen weniger als in allen Schweizer Hotels zusammen.

Während die Gletscher schmelzen und der Klimawandel die Erde erwärmt, wird in den österreichischen Skiorten weitergebaut: immer höher, weiter und größer. Wer dabei nicht mitmachen möchte und auf nachhaltigen Tourismus setzt, hat es meist schwer. Die Natur wird dem Tourismus untertan gemacht.

Tirol hat sich mit Haut und Haaren dem Fremdenverkehr verschrieben. Laut einer Statistik der Wirtschaftskammer wird jeder dritte Euro im Bundesland direkt oder indirekt im Tourismus und in der Freizeitwirtschaft verdient – insgesamt 10,8 Milliarden Franken. Über 900 Lifte und Seilbahnen sind in Betrieb, und 2.400 Kilometer Skipiste wurden in die Berge planiert; zwei Drittel davon können künstlich beschneit werden; in der Schweiz sind es keine vierzig Prozent. Für die Unterkünfte werden ganze Bergdörfer errichtet, etwa an den Hängen des Großglockners, des höchsten Berges des Landes, wo derzeit ein ganzes Chalet-Resort mit einem 40 Meter hohen Suitenturm entsteht. Was den Interessen der Wirtschaft entgegensteht, wird dem Erdboden gleichgemacht. »Es kann nicht sein, dass Würmer, Spinnen und andere Kriechtiere Großprojekte verhindern können«, sagte Patrizia Zoller-Frischauf, die für die ÖVP in der Tiroler Landesregierung sitzt.

Aus armen und strukturschwachen Dörfern wie Sölden, St. Anton oder Lech am Arlberg wurden durch den Tourismusboom nach dem Zweiten Weltkrieg reiche Ortschaften – und aus Bergbauern wohlhabende und mächtige Hoteliers und Seilbahnbetreiber. Der Tourismus steckt tief in der DNA des kleinen Landes, der Übergang zu den Schaltstellen der Politik ist fließend. So sitzt der oberste Vertreter der Seilbahnwirtschaft für die ÖVP im Wiener Nationalrat, und vor wenigen Monaten wurde bekannt, dass ein Zillertaler Tourismusunternehmer eine Wohnung zum Freundschaftspreis an den Tiroler Finanzlandesrat vermietete, der auch für die Seilbahnwirtschaft zuständig war. Immerhin: Der Herr musste wegen dieser Affäre zurücktreten.

Doch das sind Randnotizen, an der Machtverteilung im Tourismusland Österreich ändern sie nichts.

Das kriegt vor Augen geführt, wer den Landesumweltanwalt in Innsbruck besucht. Seit zwei Jahren amtet Johannes Kostenzer in seinem Büro in einer Seitenstraße des Stadtzentrums über einem Optikergeschäft. Acht Leute arbeiten hier – drei davon sind Praktikanten. Nur wenige Meter entfernt sitzt die landeseigene Tirol Werbung mit achtzig Mitarbeitern und einem Budget von über 20 Millionen Euro.

Leserkommentare
  1. "Naturschutz müsse ein gesellschaftlicher Konsens sein, kein Dogma, sagt Umweltanwalt Johannes Kostenzer."

    Dieser Satz bringt unser Demokrativerstaendnis auf den Punkt. Wir raeumen uns Menschen Grundrechte ein, nicht aber der Natur. Einer Mehrheit bleibt der Wert der Natur verschlossen, ihr Streben reduziert sich auf die Anhaeufung von privaten Guetern, der Wert oeffentlicher Gueter ist zweitrangig.

    Das Erleben und Wertschaetzen von Natur befriedigt ein tiefes philosophisches Beduerfnis, dass Menschen seit Urzeiten erfahren und dass unsere Verbindung mit dem, aus dem wir hervorgegangen sind, aufrecht erhaelt. Nur das exzessive Konsumieren von unnuetzen Waren und Dienstleistungen hilft, die eigene Psyche von tieferen Beduernissen abzulenken.

    In diesem Sinne, wer erst mal die neue schwarze Piste hinuntergebrettert ist und danach seine Dampfnudel verdrueckt hat; oder wer seinen Hotelumsatz verdoppeln konnte, der kann Umweltprobleme viel besser verdraengen.

    6 Leserempfehlungen
  2. um mir die österreichischen Alpen zu vermiesen. Der Tourirummel ist unerträglich und offenbar nur auf Gaudi ausgerichtet. Die neureichen Bergbauern, äh Hotelbesitzer tun mit ihrer Arroganz ein Übriges. Unerträglich, wenn man wirklich nur die Bergwelt kennenlernen will.

    Südtirol ist schon weitaus erträglicher.

    Ich bin bislang davon ausgegangen, dass die Schweizer genug Selbstbewusstsein haben, um sich von ihren Nachbarn gezielt abzusetzen. Selbst das "Disneyland" Jungfraugletscher (siehe Link unter dem Artikel) ist im Vergleich zum österreichischen Durchschnittstouriziel überaus angenehm zu ertragen und atmet noch etwas Charme der vergangenen 2 Jahrhunderte. Die Ösis hätten die ehrwürdig daherkommenden Bahnen schon lange durch hippe neue superschnelle ersetzt, unterwegs sähe man statt Eis und Gletschern Caffee- und Bierstuben, garniert vom Dröhnen der Bässe...

    Ich bin froh, dass sich in der Schweiz (zunmindest im Berner Oberland) die laut-dröhnenden, sämtliche Natur übertünchen wollenden Party-Schihaserl noch nicht eingefunden haben. Sollen sie doch in Österreich bleiben! Da ist mir eine Uralt-unsanierte Berghütte mit Original-Bergbauer oder ein 150 Jahre altes Hotel mit Originalinterieur zehnmal lieber als dieser aufreißerische Alpenrustikalgaudi weiter östlich. Modern können die Schweizer auch. Aber irgendwie an die Landschaft angepasster...

    Mal ganz davon abgesehen, dass 4.000er oder ein Eiger schon mehr hermachen als die "Hügel" in Österreich...

    9 Leserempfehlungen
  3. Dann wurde wohl an der falschen Ecke geschaut. Wie bei allen Touri-Regionen gibt es immer zwei Seiten.
    Aber zum Artikel: die Zahlen sprechen für sich - der Tourismus wird seit Jahrzehnten immer weiter ausgebaut, kein Wunder also dass Tirol da mit zahlreichen Skiorten an der Spitze steht. Allerdings ist es sehr schade, dass der Umweltlandesrat so entschieden hat. Schließlich ist Tirol ja nicht frei von Naturschutzgebieten.
    Auf der anderen Seite war es klar, dass Ischgl sich zur Wehr setzt - der Tourismus ist hier Haupteinnahmequelle und Negativschlagzeilen kommen da nicht gerade gut.
    Das Nachbardorf Galtür hat die Vermarktung des hauseigenen Gletschers übrigens schon vor einem Vierteljahrhundert geregelt - mit Aussicht auf die Massentourismuswelle die da noch kommen würde.

    Gerangel um Naturschutzgebiete gibts außerdem nicht nur in Österreich. Auch Bayern will nicht das Nachsehen haben und rüstet pistentechnisch trotz Protesten auf.
    Mensch, das hat mir den Süden Deutschlands jetzt aber vermiest!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    liebe(r) Washburne, vom Süden Deutschlands wollen wir mal nicht reden ;-)

    Und was ich noch dazuschreiben wollte: Wien gefällt mir außerordentlich, falls sie das besänftigt.

  4. Und wie clever wir Deutschen sind, konnte man in Stuttgart am Juchtenkäfer sehen. Wir lachen über "die Ösies", die Schluchtensch*, wir sollten, wenns nicht so traurig wäre, über uns selbst lachen. Wir trauen uns bald nicht mehr, eine Garage zu bauen, weil dann der Lebensraum diverser Kellerasseln gefährdet sein könnte.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wie solche Standpunkte so mir nichts dir nichts herausposaunt werden koennen!
    Wann begreifen die Menschen (nicht zuletzt sie selbst mein Gutester) denn endlich dass diese endlosen Spass-exzesse, dieses entertainment-um-jeden-Preis uns in den Abgrund stuertzen wird, bzw. es bereits tut?
    warum muss denn jeder einzelne, noch so unattraktive Berg mit eimerweise liften besetzt werden? da wirds mir schlecht, und Kommentare wie der Ihre lassen mich nicht darauf hoffen, dass die Menschheit noch eine rechtzeitige Kehrtwende hinlegen wird.
    viel spass in den bergen! ich komm nach, wenn der rest der welt unter wasser steht, weil esel wie sie nicht verstehen wollen, dass man nicht jeden berg auf brettern runtertuschen muss um das leben geniessen zu koennen!

    p.s. Wem das ganze touri-gewimmel zu viel ist, einfach im sommer nach oesterreich fahren! die flachzangen-schihaserls-attraktionsgeilen Ski-idioten findet man da nicht mehr. warum auch? berge raufgehen ist ja doof und anstrengend und man kann sich dabei nicht ordentlich in der apres-schi-kneipe besaufen! oestereich im sommer bietet daher noch eine menge an wunderschoenen berg-erfahrungen.

  5. In Zeiten von globalen Nachhaltikgeits- und Klimadiskussionen sehe ich ein viel größeres Problem in der Kunstschneeproduktion.
    Selbst in Schneearmen Zeiten ist das Bedecken großer Flächen mit künstlichem Schnee eine ökologische sauerei (große Pump-Leistungen um das Wasser auf den Berg zu bringen, Kühlanlagen etc.), da es aber den Wintertourismus fördert ist es durchaus gerechtfertigt.

    Anders sehe ich die letzte Saison in der Tirol mit Unmengen von Schnee gesegnet war; Selbiger jedoch mühevoll von den Pisten geschoben und durch Kunstschnee ersetzt wurde, weil dieser "bessere Fahreigenschaften" und "eine homogenere Zusammensetzung im Alterungsprozess" aufweist.

    Das mag zwar ebenso leicht förderlich sein, ich halte es jedoch für verwerflich und pervers!

    2 Leserempfehlungen
    • T.M.
    • 27. November 2012 12:26 Uhr

    Das Ausmass all dieser baulichen Veränderungen in den Bergen sieht man nur im Sommer. Im Winter ist ja alles hübsch beschneit. Im Sommer allerdings liegt der Skifahrer am Strand, wohin er mit seinem SUV gefahren ist. Er sieht die Berge nicht im Sommer. Ein wesentliches Dilemma, meine ich.

    Wer allerdings einmal einen Aufstieg zwischen Liftmasten und Beschneiungsdüsen gemacht hat, die dann immer merkwürdig sinnlos herumstehen, oft bis auf 2500m hinauf, oder wer einmal die völlig zerbröselte Grasnarbe einer Skipiste mit einer natürlichen Bergblumenwiese vergleichen konnte, dem werden sicher Fragen kommen.

    BTW: die Schweizer sind auch nicht ohne. Es ist kantonal sehr verschieden. Zumindest die Walliser jedenfalls haben gar keine falsche Bescheidenheit am Berg, da wird auf 2500m noch grossflächig melioriert, der Hubschrauber bringt die Rohre im Minutentakt nach oben, dass das ganze Tal davon dröhnt - warum? Weil Skipisten durch das ständige Planieren mit Radtracks den Boden so verdichten, dass das Wasser im Sommer nicht mehr abläuft. Man muss also der Natur helfen, mit dem Menschen zurechtzukommen.

    3 Leserempfehlungen
  6. Aufgrund des ungünstigen Umtauschverhältnisses zwischen Euro und Franken, kommen natürlich nicht mehr so viele Touristen aus der Euro-Zone in die Schweiz. Wer früher in die Schweiz fuhr, fährt heute wahrscheinlich nach Österreich. Und auch viele Schweizer können im Nachbarland aufgrund der hohen Kaufkraft des Frankens günstig Urlaub machen.

    Im Übrigen finde ich den Artikel ziemlich unausgewogen, da er die Anliegen und Bedürfnisse der Menschen vor Ort in keinster Weise berücksichtigt. Die Alpen

    Eine Leserempfehlung
    • fennek
    • 27. November 2012 13:17 Uhr

    Sehr geehrte Redaktion,

    mal abgesehen vom Artikelinhalt wäre es wünschenswert die Artikel aus der Schweizer Edition von einem Redakteur, der des Hochdeutschen mächtig ist, redigieren zu lassen.

    Auch der ständige Wechsel von Schweizerfranken zu Euro und zurück ist -wie Herr Gasser es ausdrücken würde- etwas mühsam.

    Man kann doch etwas Liebe in die Artikel stecken, schliesslich wurde er von Herrn Gasser auch hinreichend recherchiert.

    Mich wundert dann aber doch der Duktus des Artikels. Anscheinend ist das siebziger-Jahre-mässige zubetonieren der Landschaft auf basisdemokratischer Ebene vom Volk gewünscht, siehe auch den letzten Satz Herrn Konstenzers. Was kann ein Schweizer dagegen haben, wo doch die Landsgemeinde das Entscheidungsideal definiert und über jeden Parkplatz (PW-Abstellplatz) eine Abstimmung initiiert wird?

    Liegt der Fokus etwa auf der Freigabe baurechtlicher Experimente wie angesprochen (angetönt)? Spannend wäre es ja, Baurecht in Siedlungen zu vereinfachen, resp. dort zu verdichten, dafür Landflächen zu schonen.

    So bleibt nur die latente Angst vorm österreichischen Tiefschneefahrer, der schweizer Steinböcke erschreckt. Sie schreiben es aber selbst Herr Gasser: Warum sollte der denn überhaupt kommen? Und: schauen Sie sich mal Flims und Laax an. Da lacht einen das schiere Grauen an. Die Besucher des Riders Palace passen wohl auch in die Kategorie: Steinbockerschrecker.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Alpen | Tourismus | Schweiz | Österreich
Service