Andy WarholBlums Entdeckung

Zurzeit wird Andy Warhols Nachlass für Millionensummen versteigert. Dass er einmal der Superstar der Kunst werden würde, ahnte vor 50 Jahren niemand – außer Irving Blum. Ein Besuch in Los Angeles von 

Der alte Mann ist in seinem Sessel versunken, wie ein König durchmisst er mit Blicken den riesigen Raum, den er sein Wohnzimmer nennt. Die Wände voller gerahmter Bilder, darunter allein zehn Maos von Andy Warhol, den gläsernen Couchtisch, die schweren Bildbände darauf, als oberstes ein Buch über Warhols Spätwerk. Irving Blum scheint dem Plätschern zu lauschen, das durch die geöffnete Terrassentür vom Pool hereindringt in die gehobene Stille von Bel Air, jenem Stadtteil von Los Angeles, der wie ein uralter botanischer Garten wirkt.

Blums Reichtum ist die Essenz der Geschichte, die er an diesem angemessen sonnigen Tag erzählen will: sein Leben. 40 Jahre lang ist er Galerist gewesen, einer der erfolgreichsten überhaupt. Wie kein anderer kann er von großen Momenten der Kunst erzählen, vom schnell verdienten Geld, von Neid und Egos. Und davon, wie sich der Kunstmarkt zu dem Millionenspiel entwickelt hat, das er heute ist. Dass vorige Woche bei Christie’s in New York drittklassige Werke aus dem Nachlass Andy Warhols 17 Millionen Dollar einbrachten – ohne Blum undenkbar.

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Irving Blum hat den späteren Superstar der Kunst entdeckt und berühmt gemacht. 1962 hat er als erster Galerist dessen Bilder in einer Einzelausstellung gezeigt. Es war der Moment, in dem aus Kunst Pop wurde und das Geld begann, die Kunst zu umschwärmen. Es war der Anfang einer unglaublichen Galeristenkarriere.

Als Erstes muss man Blum eine Frage stellen, die hier, inmitten der Reliquien des eigenen Erfolgs, etwas verstörend wirken könnte. Es geht um einen kleinen Schwindel, der Blum viel Geld und Prestige gebracht hat.

»Mr. Blum, haben Sie damals ein paar Ihrer Kunden ausgetrickst, um sich in den Besitz großer Warhol-Werke zu bringen?«

Blum rutscht in seinem Sessel nach oben. Es ist, als durchzucke ihn die Erinnerung wie verschüttete Energie.

»Aber ja!«, ruft er. Es ist ein lautes, fröhliches Ja – gefolgt von einem bebenden Lachen.

Blum ist 82 Jahre alt, und diese Geschichte, die nur wenige Leute kennen, macht ihm richtig Spaß. Sie ist der Beweis seiner Gerissenheit. Er grinst sehr breit. Falls die Durchtriebenheit in seinem Gesicht jemals sichtbar war, ist sie zu einem Ausdruck charmanter Großzügigkeit verwittert.

Sein Vater war Möbelhändler, die Familie stammt aus New York. Bevor Blum Ende der fünfziger Jahre ins Kunstgeschäft einstieg, lernte er von dem legendären Designmöbelhändler Hans Knoll, wie man wohlhabenden Leuten sehr teure Dinge verkauft.

Einer jener Kunden, die er damals angeschwindelt hat, ist bis heute sauer auf Blum, nach 50 Jahren – aber diesen Teil der Geschichte hebt man sich für später auf.

Blum wirkt jetzt wach und frisch, auf einmal fällt es leicht, ihn sich als jungen Mann vorzustellen. Am kleinen Finger der rechten Hand blitzt ein goldener Bar-Mizwa-Ring mit seinen Initialen. Auf alten Fotos von Partys und Vernissagen ist er im Anzug zu sehen, mit Einstecktuch und Gewinnerlächeln. Damals fanden viele, er ähnele Cary Grant. Tatsächlich sah er aus wie ein Mann, der die Rolle seines Lebens gefunden hat.

Vor Kurzem sind zwei Bildbände über die Galerie erschienen, die Irving Blum um 1960 in Los Angeles führte, sie hieß Ferus Gallery. Es sind glamouröse Fotos aus den letzten Jahren der Unschuld in der Kunst. Immer wieder Blum: mit Künstlern und schönen Frauen. Mit Künstlern und Motorrädern. Mit Models auf einer Jacht, die die Aufschrift »Ferus Gallery« trägt.

»Ganz große Show!«, ruft er. »In den ersten Jahren verkaufte ich praktisch nichts. Die Jacht war geliehen, ich habe den Schriftzug allein für den Fotografen anbringen lassen. Ich musste eine alte Witwe überzeugen, dass sie der Galerie die Miete zahlt.« Er lehnt sich zurück, kein bisschen angegriffen durch die Erwähnung seiner Missetat. Er ist in der besten Laune, von damals zu erzählen, von dem sprühenden Warhol und den anderen Exzentrikern, über die er, der Verkäufer, immer auch ein wenig gestaunt hat.

Irving Blum ist 28 Jahre alt, als er 1957 von New York nach Los Angeles zieht. »Wegen der Sonne«, sagt er. In New York hat er sich in Galerien herumgetrieben, auf dem noch kleinen Markt sind alle Claims abgesteckt. In Los Angeles gibt es dagegen nur eine einzige Galerie, die von sich reden macht: die Ferus Gallery, La Cienega Boulevard 723, West Hollywood. Gegründet haben sie der Künstler Ed Kienholz und der Kunstenthusiast Walter Hopps. Blum stellt sich dort vor und kauft Kienholz, der aussteigen will, seine Anteile ab. Später übernimmt er die Galerie ganz. Der Name habe »for us« bedeutet, »für uns«, erzählt Blum. Eine Galerie für die Künstler.

Leserkommentare
    • Mari o
    • 24. November 2012 0:34 Uhr

    Er wohnte mit seiner Mutter in einem Townhouse in Manhattan, dort war auch sein Atelier
    Warhol Zeichnungen , aber die haben niemanden richtig begeistert.
    ein Jahr später,wusste er natürlich, in Los Angeles würde er nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie in New York.
    mannomann das ging ja plötzlich zackzack
    und schon 1967 hingen Warhols dann in Deutschland rum.
    mysteriös dieser Kapitalismus

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