Ausstellung "Acts of Voicing"Stimmgewaltig

Die Ausstellung "Acts of Voicing" in Stuttgart. von Christine Lemke-Matwey

Dass die Stimme zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen gehört, lernt man am besten bei den Papageien. Zwei von ihnen auf einem Minigalgen, mehr braucht der Kolumbianer Juan Manuel Echavarría nicht für seine Lektion. Mal schafft es der eine Papagei kraxelnd bis ganz nach oben, mal der andere – und oft auch keiner von beiden, weil das Gestänge dünn und rutschig ist und die Papageienkralle nicht die feinfühligste. Was soll das sein: Kampf oder Kunst, Metapher oder blöde Dressur? Schaut man den Vögeln länger zu, beginnt man sie zu verstehen. Ruft der linke, stämmigere nicht »guerra« und der zartere, rechte nicht »paz«? Krieg und Frieden also? Und klingt guerra nicht gutturaler, männlich-militanter und bedrohlicher als das einsilbige paz, das sich immer erst zögerlich in die äußerste Schnabelbeuge schmiegt, bevor es die Maulwerkzeuge verlässt und Laut wird?

Schade eigentlich, dass man es im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart nicht mit leibhaftigen Tieren zu tun hat (das verbietet sich offenbar schon deshalb, weil die Ausstellung Acts of Voicing nach Hongkong und Seoul weiterwandern wird). Stattdessen hocken Besucher mit Kopfhörern vor altmodischen Monitoren und starren auf konservierte Bilder und lauschen konservierten Tönen. Eine Versuchsanordnung, die einem häufiger begegnet: ob in John Baldessaris regelrecht dadaistischem Video Teaching a Plant the Alphabet von 1972 (einer Grünpflanze werden nacheinander alle 26 Buchstaben des Alphabets gezeigt, korrekte Aussprache inklusive) oder im anonymen YouTube-Fundstück Transgender Voice, in dem eine junge Asiatin ohne größere Registerbrüche die ganze tessitura ihrer Stimme durchmisst, von den tiefsten (männlichen) Bassregionen bis hinauf in höchste (weibliche) Fistel-Höhe.

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Was ist die Stimme? Merkmal menschlicher Identität und Existenz, Mittel zur Macht, Ausdruck der Seele, ewiges Paradox zwischen Urschrei und rhetorischer Manipulation, Politik und Poesie, Physis und Psyche? Um das herauszufinden, legt Acts of Voicing vor allem die theoretische Latte hoch, so hoch, dass das Ereignishafte zwangsläufig leiden muss. Der Raum im Kunstverein mag sich nach allen Regeln der performativen Architektur ausdifferenzieren, in sperrholznotdürftig zusammengenagelte Nester und Nischen, Kammern und Kabinen, in Stege und Stufen, Podeste und Posterfolgen – eine lebendige, gleichsam atmende Choreografie ergibt sich daraus kaum.

Einerseits darf der Besucher selbst Hand anlegen, indem er aufgefordert wird, beliebige Details zeichnerisch festzuhalten und das Gekritzel dann in den »Emergence Room« des Künstlerduos deufert&plischke einzupflegen, ein sich auf diese Weise stetig nährendes Ausstellungsatelier und -archiv. Andererseits sind Klassiker wie Samuel Becketts Not I (ein Monolog von 1977, der nur den Mund der Schauspielerin Billie Whitelaw zeigt) oder Slavoj Žižeks Auslassungen über Charlie Chaplins »Großen Diktator« immer aufschlussreich. Und natürlich kriegt man es mit der Angst, wenn man eine Blackbox wie die von Manuel Pelmus betritt und sich darin hörend ausliefert: einem Theater der Finsternis, dem die eigenen Augen und Ohren noch weniger trauen als sich selbst; einer Stimme, die behauptet, man sei nicht allein und es bewege sich noch jemand durch die Höhle, ein obskurer Fremder.

Mehr als ein flüchtiges Kaleidoskop unterschiedlichster Sprechakte in unterschiedlichen sozialen und ästhetischen Kontexten kann und will Acts of Voicing wohl nicht sein. Mit allem Sinnlich-Subversiven jedenfalls tut sich die Ausstellung schwer. Wie sehr diese Dimension fehlt, zeigt sich bei dem Chinesen Yang Zhenzhong, der Menschen aus aller Welt gebeten hat, ihm einen einzigen Satz in die Kamera zu sagen: »Ich werde sterben.« Singen oder tanzen ließe sich diese Gewissheit leichter.

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Leserkommentare
    • Felix4u
    • 02. Dezember 2012 9:14 Uhr

    ... gibt es sicherlich einiges mehr zu sagen.

    Die Autorin weist zu Recht darauf hin, dass Stimme ein Merkmal menschlicher Identität ist und zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen gehört.
    Leider wird dieser Gedanke nicht vertieft, z. B. indem man auf die Veränderung der Stimmlagen in der der westlichen Welt (nachweisbar in Deutschland seit 100 Jahren) eingeht.

    Aber da ich die Ausstellung nicht erlebt habe, ist auch in diesem Punkt die Kritik der Autorin ggf. gerechtfertig, dass die Ausstellung nur ein "flüchtiges Kaleidoskop unterschiedlichster Sprechakte in unterschiedlichen sozialen und ästhetischen Kontexten" ist? Das wäre schade.

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  • Schlagworte Ausstellung | Stuttgart | Kunst | Musik | Akustik
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