BBCEin Kampf um Glaubwürdigkeit

Die britische Presse wird derzeit von dem BBC-Skandal und der Abhöraffäre erschüttert. Nur eine neue Ethik kann sie retten. von Tom Rachman

Die Presse in Großbritannien blickt zurück auf eine Tradition von Witz und Aufmüpfigkeit. Angefangen mit Samuel Johnson über George Orwell bis hin zu Christopher Hitchens haben die britischen Zeitungen stets mutig recherchiert und geistreich kommentiert. Aber zugleich gibt es unzählige Schundgeschichten, von denen manche zweifelhaft zustande gekommen sind. Einige Reporter des Revolverblatts News of the World werden beschuldigt, Polizeibeamte bestochen und die Mailboxen von Mitgliedern des Königshauses, Terroropfern und sogar einer ermordeten Schülerin angezapft zu haben. Selbst die ehemaligen Chefredakteure des Blattes, Rebekah Brooks und Andy Coulson, stehen unter Anklage. Würde die Regierung eine Untersuchung zum Thema »Ethik in der britischen Presse« fordern, die Arbeit wäre schnell getan. Anders verhält es sich, wenn es um ihren Mangel an Ethik geht.

Im vorigen Jahr hat die Regierung eine Kommission eingesetzt, die von dem Richter Brian Leveson geführt wird und den Abhörskandal untersuchen soll. Nach viel Gerede wird sie voraussichtlich noch in diesem Monat Empfehlungen vorlegen. Diese werden vermutlich vorsehen, die Pressefreiheit zu beschränken – was Journalisten verzweifeln und die Objekte ihrer Recherchen jubeln lässt.

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Empört über zudringliche Berichterstattung, hat sich der Schauspieler Hugh Grant als führender Befürworter einer stärkeren Presseregulierung hervorgetan. »Wir sind nicht der böse Establishment-Goliath, der sich über den tapferen kleinen Presse-David hermacht«, schrieb er kürzlich in der Zeitschrift The Spectator. »Es ist genau umgekehrt. Die Presse ist das Establishment. Im Grunde war sie es, die das Land in den vergangenen 40 Jahren regiert hat. Sie ist der Goliath. Wir brauchen Hilfe.«

Boris Johnson hingegen, Londons zauselhaariger konservativer Bürgermeister, lehnt jegliche Einschränkung ab. Früher selbst Journalist, behauptet er nun: »Um die Gossen des öffentlichen Lebens durchzuspülen, bedarf es einer Gossenpresse.« Doch zählt Sauberkeit wirklich nicht zu ihren Leistungen; sie hat die britischen Gossen nicht durchgespült, sondern verstopft – mit einem immerwährenden Schwall von Unterhaltungsmüll und Pseudoprominenten, die sie erst erschafft, dann hochschreibt und am Ende niedermacht.

Tom Rachman

ist ein britisch-kanadischer Journalist und Schriftsteller. Sein erster Roman, Die Unperfekten, handelt von Journalisten und wurde ein weltweiter Bestseller.

Der Frontverlauf der Debatte folgt weitgehend der Parteipolitik: Die Labour-Partei befürwortet die Regulierungen, viele Konservative sind dagegen. Dazu passt, dass Großbritanniens mächtigste Zeitungen nach rechts tendieren. Zu ihnen gehören die beiden meistverkauften Boulevardzeitungen The Sun (2,4 Millionen) und The Daily Mail (1,9 Millionen) sowie das meistgelesene Qualitätsblatt The Daily Telegraph (560.000). Hingegen verkauft der renommierte und linksliberale Guardian nur magere 205.000 Exemplare.

Premierminister David Cameron wird von seinen Parteifreunden unter Druck gesetzt, die Medien nicht strenger zu regulieren. Doch die Öffentlichkeit erwartet von Cameron auch deshalb ein energisches Vorgehen, weil er selbst es war, der die aufwendige Leveson-Untersuchung in Auftrag gab – er war wegen seiner Beziehung zu den Chefredakteuren von News of the World in die Kritik geraten: Rebekah Brooks war eine gute Freundin von ihm und Andy Coulson sein ehemaliger Kommunikationsdirektor.

Die Abhöraffäre ist noch nicht abschließend untersucht, da explodiert ein weiterer Medienskandal. Diesmal ist ausgerechnet die Medienanstalt mit dem höchsten Ansehen im Land betroffen: die öffentlich finanzierte, von der Regierung regulierte und um unparteiische Ernsthaftigkeit bemühte BBC. Der ehemalige Fernsehmoderator Jimmy Savile wird des Kindesmissbrauchs beschuldigt; die Zahl seiner mutmaßlichen Opfer geht in die Hunderte. Die BBC ließ Savile nicht nur jahrzehntelang auf Sendung; sie unterband nach seinem Tod im vergangenen Jahr die journalistische Überprüfung der Vorwürfe in den eigenen Programmen.

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