Erster WeltkriegLetzter Appell an Europa

1912 treibt der Kontinent auf den Krieg zu. Leidenschaftlich stemmen sich Europas linke Parteien dagegen. Auf einem großen Kongress im November 1912 in Basel versuchen Delegierte aus 23 Ländern, eine europäische Allianz zu schmieden mit dem einen Ziel: Den Frieden unter allen Umständen zu bewahren. von Wolfram Wette

Die Katastrophe ist bereits zu ahnen. Von Krise zu Krise – ob in Marokko oder auf dem Balkan – treibt Europa dem großen Krieg entgegen. »Ich bin schon seit längerer Zeit [...] zu der Ansicht gekommen«, schreibt der SPD-Führer August Bebel am 6. Oktober 1912 von Berlin aus an Victor Adler, den Vorsitzenden der österreichischen Sozialdemokraten in Wien, »daß das nächste Jahr uns wahrscheinlich den europäischen Krieg auf den Hals bringt, hauptsächlich verschuldet durch unsere blödsinnige Englandpolitik. [...] Kommt es in der Türkei zum Zusammenstoß, so glaube ich nicht an eine Isolierung des Krieges. Die Dinge haben ihre eigene Logik, und es ist zu viel Zündstoff vorhanden; man wird wider Willen weitergetrieben. Was dann folgt, entzieht sich jeder Beschreibung.« Kurz darauf ist der »Zusammenstoß« da, erklären die Balkanstaaten, die seit Langem die verhasste osmanische Herrschaft abschütteln wollen, dem Sultan in Istanbul den Krieg.

In dieser Situation beschließt das Büro der Sozialistischen Internationale (SI) in Brüssel, den nächsten Kongress, der für den Sommer 1913 in Wien geplant ist, gleich für den 24. und 25. November nach Basel einzuberufen. Es soll nur ein einziges Thema geben: »Die internationale Lage und die Vereinbarung für eine Aktion gegen den Krieg«.

Anzeige

Selbst diejenigen, die den Krieg verhindern wollen, wirken in jenen Tagen oft verzagt. Groß ist der allgemeine Fatalismus. Im bürgerlichen Lager gilt der Krieg ohnehin als Naturereignis oder Gottesgericht, das erlitten werden muss. Für die Sozialisten wiederum steht fest, dass es der Kapitalismus ist, der mit »Naturnotwendigkeit« immer wieder neue Kriege hervorbringt, und dass ein dauerhafter Frieden erst nach seiner Überwindung möglich ist: Frieden durch Revolution.

Wolfram Wette
Wolfram Wette

Jahrgang 1940, ist Professor (em.) für Neueste Geschichte an der Universität Freiburg.

Zudem herrscht in der mitgliederstarken deutschen Sozialdemokratie die keineswegs unberechtigte Furcht, die Regierung werde im Kriegsfall sogleich den Belagerungszustand verhängen. Dies würde die Machtübernahme des Militärs bedeuten und das Verbot und die Zerschlagung der Partei. Ein Massenstreik gegen den Krieg, ein Aufstand gar, sei »unmöglich und indiskutabel«, erklärte Bebel bereits 1907 auf dem Stuttgarter Kongress der Sozialistischen Internationale und stellte resigniert fest: »Wir können nichts tun als aufklären, Licht in die Köpfe bringen, agitieren und organisieren.«

Das versuchen auch andere. 1898 hat der polnisch-russische Industrielle Ivan Bloch, der Initiator der Haager Friedenskonferenz von 1899, sein sechsbändiges Werk Die Zukunft des Krieges veröffentlicht. Darin prophezeit er, dass Kriege nur noch »um den Preis des Selbstmordes« geführt werden können. Zehn Jahre zuvor schon ist Bertha von Suttners Antikriegsroman Die Waffen nieder! erschienen. Und 1912 entwirft der Hamburger Autor Wilhelm Lamszus eine realistische Vision des industrialisierten Krieges mit dem provozierenden Titel Das Menschenschlachthaus. Bilder vom kommenden Krieg. Der kleine Roman erreicht binnen weniger Monate 70 Auflagen. Wer wissen will, wie der Krieg der Zukunft aussieht, der kann es also wissen.

So kommt denn für Jean Jaurès, den legendären französischen Sozialistenführer, Fatalismus, welcher Couleur auch immer, nicht infrage. »Kriege entladen sich nicht wie Gewitter aus Spannungen elementarer Kräfte«, erklärte er 1906 auf einem Parteitag in Limoges, »sie entspringen einem Willensakt und sind daher nicht unabwendbar. Sie können verhütet werden, wenn dem Willensakt der herrschenden Klasse ein Willensakt der Arbeiterklasse entgegengesetzt wird. Die Arbeiterklasse besitzt die Kraft, die Katastrophe von Kriegen selbst in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung abzuwenden.«

In Basel nun soll es zum Schwur kommen. Der Kongress wird der internationalste, den Europa bis dahin gesehen hat. 555 Delegierte der sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien und Gewerkschaften aus 23 europäischen Ländern folgen dem Ruf an den Rhein. Die Forderungen sind vertraut: Abrüstung, Auflösung der stehenden Heere und Einführung einer Volksbewaffnung, Einrichtung internationaler Schiedsgerichte, Abschaffung der Geheimdiplomatie, Entscheidung über Krieg und Frieden durch das Volk, vertreten durch die Parlamente. In dieser Hinsicht, das ist klar, kann Basel wenig Neues bieten. Aber man will der Welt zeigen, dass man sich über alle Grenzen hinweg in dem einen Ziel einig ist: Der Krieg muss verhindert werden.

Leserkommentare
  1. daß wir aus der Geschichte nichts lernen.

    Beweis:
    http://euobserver.com/def...

    Und der total sinnlose und verquaaste vorletzte Absatz des Artikels - zarte Ironie?

  2. ich finde es immer wieder faszinierend, historische Ereignisse dargestellt zu bekommen - das betrifft sogar Themen, die mich sonst nur am Rande interessiert hätten.

    Nur einer der Schlußfolgerungen möchte ich gern widersprechen: ich halte auch einen erneuten Krieg in Europa nicht für völlig ausgeschlossen, einen Bürgerkrieg innerhalb eines europäischen Landes sowieso nicht. Die Ereignisse in Griechenland, Spanien und Portugal zeigen die Gefahr eines Bürgerkrieges auf - und ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß gerade deutsche Kräfte meinen, dann u.U. intervenieren zu müssen. Die deutsche Regierung exportiert Krieg und Rüstungsgüter mehr denn je - und der Umbau der Bundeswehr von einer Landesverteidigungsarmee in eine schnelle Eingreiftruppe stimmt mich auch nicht gerade vertrauensselig. Deutschland soll und will (zumindest seitens der Regierung) als kämpfendes Land installiert werden - trotz über 50 Jahren Frieden - und die Einsätze dieser neuen Armee sollen ja mehr statt weniger werden (Mali, Türkei).
    Käme es also zu einem Regierungsumsturz, z.B. in Griechenland, und zur Bildung einer neuen Regierung seitens extremistischer Kräfte, halte ich es für durchaus möglich, daß der Bevölkerung erklärt wird, es sei alternativlos, daß die Bundeswehr dort eingreifen müsse - und dann hätten wir wieder einen innereuropäischen Krieg. Bei der Bewaffnung, die heute auch die innereuropäischen Länder besitzen, könnte dieser potentielle Krieg sehr schnell sehr grausam werden.

    6 Leserempfehlungen
  3. ' Heute versteht sich die EU als Friedensmacht.'

    Das hat sie lange Jahre getan - allerdings verstehen sich inzwischen auch wieder weite Kreise als Ordnungsmacht, die Krieg führen dürfen muß. Und leider gibt es auch genügend Bundesbürger, die sich dieses 'Recht zum Kriegführen' nicht nehmen lassen wollen - unsere vergangene Kalter-Krieg-Friedens-Epoche muß in ihren Augen sehr langweilig gewesen sein - und die natürlich den Krieg nicht aus eigener Erfahrung kennen. Man sollte auch die Macht der Propaganda nicht unterschätzen.

    4 Leserempfehlungen
    • tb
    • 29. November 2012 21:39 Uhr

    Über soviel Pazifismus sollten wir jedoch nicht vergessen, was der große Lenin dachte und wünschte:

    „Ein Krieg zwischen Österreich und Rußland wäre für die Revolution (in ganz Osteuropa) sehr nützlich, aber es ist kaum anzunehmen, daß uns Franz Joseph und unser Freund Nikolaus dieses Vergnügen bereiten.“

    In einem Brief an Maxim Gorki.

  4. haben die Sozialdemokraten offenbart auf wessen Seite sie stehen. Karl Liebknecht und Rosa Luxenburg haben zum Glück die Ehre der Linke gerettet

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • RPT
    • 30. November 2012 8:42 Uhr

    die Ehre der Linke gerettet? Wenn wir schon bei den alten Geschichten sind?

    Ihre Bemerkung zielt hier nur darauf ab, "die Sozialdemokraten" zu diffamieren. Das hat Methode.

    Karl Liebknecht und Rosa Luxenburg haben großen Mut gezeigt und ihr Auftreten gegen den Krieg ist gewiss beispielhaft. Man kann durchaus der Meinung sein, es wäre 1914 und 1933 richtiger gewesen, sich mit einem Generalstreik gegen Kriegstreiber und Nazis zu erhebn.

    Die deutsche Sozialdemokratie hat sich immer als eine demokratische und nach Frieden strebende Partei verstanden. Sie hat nie Gewalt zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele eingesetzt. Sie hat immer sich der Mehrheitsentscheidung unterworfen. Sie war allerdings immer bereit, Angriffe auf das Staatswesen durch doktrinäre Minderheiten durch Polizeigewalt abzuwehren.

    Ob die SPD dabei Fehler bei der Umsetzung ihrer Politik gemacht hat, sollte man natürlich immer wieder kritisch hinterfragen. In der SPD kann man das auch schon immer. Bei denen, den Sie mit der Diffamierung der SPD nützen wollen, war das immer die Ausnahme.

  5. Für die Sozialisten wiederum steht fest, dass es der Kapitalismus ist, der mit »Naturnotwendigkeit« immer wieder neue Kriege hervorbringt, und dass ein dauerhafter Frieden erst nach seiner Überwindung möglich ist."

    Aus dem Rückblick kann man diese Feststellung eigentlich nur bestätigen. Allerdings wäre heute noch hinzuzufügen, dass der dogmatische Marxismus-Leninismus dem Raffgier-Kapitalismus da nicht nachsteht.

    Bisher bleibt festzustellen, dass nur eine soziale Demokratie, die alle Menschen eine gleiche Chance auf freie Entfaltung eröffnen will, in der Lage ist, eine humane und als gerecht zu empfindende Politik, eben Friedenspolitik nach Innen und Außen, zu entfalten. Die Ostpolitik von Willy Brandt war dabei ein Meilenstein.

    2 Leserempfehlungen
    • RPT
    • 30. November 2012 8:42 Uhr

    die Ehre der Linke gerettet? Wenn wir schon bei den alten Geschichten sind?

    Antwort auf "Am 4. August 1914"
  6. Linke kläglich versagt, geschätzter RPT. Aus der Utopie war schon lange ein Albtraum geworden, nur haben es auch 1968 viele nicht einsehen wollen. Die Verarbeitung dieser Alpträume hat mE. auch bis heute in vielen Köpfen nicht stattgefunden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Europa | Geschichte | Basel | Erster Weltkrieg | Sozialdemokratie | Sozialismus
Service