Die Katastrophe ist bereits zu ahnen. Von Krise zu Krise – ob in Marokko oder auf dem Balkan – treibt Europa dem großen Krieg entgegen. »Ich bin schon seit längerer Zeit [...] zu der Ansicht gekommen«, schreibt der SPD-Führer August Bebel am 6. Oktober 1912 von Berlin aus an Victor Adler, den Vorsitzenden der österreichischen Sozialdemokraten in Wien, »daß das nächste Jahr uns wahrscheinlich den europäischen Krieg auf den Hals bringt, hauptsächlich verschuldet durch unsere blödsinnige Englandpolitik. [...] Kommt es in der Türkei zum Zusammenstoß, so glaube ich nicht an eine Isolierung des Krieges. Die Dinge haben ihre eigene Logik, und es ist zu viel Zündstoff vorhanden; man wird wider Willen weitergetrieben. Was dann folgt, entzieht sich jeder Beschreibung.« Kurz darauf ist der »Zusammenstoß« da, erklären die Balkanstaaten, die seit Langem die verhasste osmanische Herrschaft abschütteln wollen, dem Sultan in Istanbul den Krieg.

In dieser Situation beschließt das Büro der Sozialistischen Internationale (SI) in Brüssel, den nächsten Kongress, der für den Sommer 1913 in Wien geplant ist, gleich für den 24. und 25. November nach Basel einzuberufen. Es soll nur ein einziges Thema geben: »Die internationale Lage und die Vereinbarung für eine Aktion gegen den Krieg«.

Selbst diejenigen, die den Krieg verhindern wollen, wirken in jenen Tagen oft verzagt. Groß ist der allgemeine Fatalismus. Im bürgerlichen Lager gilt der Krieg ohnehin als Naturereignis oder Gottesgericht, das erlitten werden muss. Für die Sozialisten wiederum steht fest, dass es der Kapitalismus ist, der mit »Naturnotwendigkeit« immer wieder neue Kriege hervorbringt, und dass ein dauerhafter Frieden erst nach seiner Überwindung möglich ist: Frieden durch Revolution.

Zudem herrscht in der mitgliederstarken deutschen Sozialdemokratie die keineswegs unberechtigte Furcht, die Regierung werde im Kriegsfall sogleich den Belagerungszustand verhängen. Dies würde die Machtübernahme des Militärs bedeuten und das Verbot und die Zerschlagung der Partei. Ein Massenstreik gegen den Krieg, ein Aufstand gar, sei »unmöglich und indiskutabel«, erklärte Bebel bereits 1907 auf dem Stuttgarter Kongress der Sozialistischen Internationale und stellte resigniert fest: »Wir können nichts tun als aufklären, Licht in die Köpfe bringen, agitieren und organisieren.«

Das versuchen auch andere. 1898 hat der polnisch-russische Industrielle Ivan Bloch, der Initiator der Haager Friedenskonferenz von 1899, sein sechsbändiges Werk Die Zukunft des Krieges veröffentlicht. Darin prophezeit er, dass Kriege nur noch »um den Preis des Selbstmordes« geführt werden können. Zehn Jahre zuvor schon ist Bertha von Suttners Antikriegsroman Die Waffen nieder! erschienen. Und 1912 entwirft der Hamburger Autor Wilhelm Lamszus eine realistische Vision des industrialisierten Krieges mit dem provozierenden Titel Das Menschenschlachthaus. Bilder vom kommenden Krieg. Der kleine Roman erreicht binnen weniger Monate 70 Auflagen. Wer wissen will, wie der Krieg der Zukunft aussieht, der kann es also wissen.

So kommt denn für Jean Jaurès, den legendären französischen Sozialistenführer, Fatalismus, welcher Couleur auch immer, nicht infrage. »Kriege entladen sich nicht wie Gewitter aus Spannungen elementarer Kräfte«, erklärte er 1906 auf einem Parteitag in Limoges, »sie entspringen einem Willensakt und sind daher nicht unabwendbar. Sie können verhütet werden, wenn dem Willensakt der herrschenden Klasse ein Willensakt der Arbeiterklasse entgegengesetzt wird. Die Arbeiterklasse besitzt die Kraft, die Katastrophe von Kriegen selbst in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung abzuwenden.«

In Basel nun soll es zum Schwur kommen. Der Kongress wird der internationalste, den Europa bis dahin gesehen hat. 555 Delegierte der sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien und Gewerkschaften aus 23 europäischen Ländern folgen dem Ruf an den Rhein. Die Forderungen sind vertraut: Abrüstung, Auflösung der stehenden Heere und Einführung einer Volksbewaffnung, Einrichtung internationaler Schiedsgerichte, Abschaffung der Geheimdiplomatie, Entscheidung über Krieg und Frieden durch das Volk, vertreten durch die Parlamente. In dieser Hinsicht, das ist klar, kann Basel wenig Neues bieten. Aber man will der Welt zeigen, dass man sich über alle Grenzen hinweg in dem einen Ziel einig ist: Der Krieg muss verhindert werden.