Londoner KünstlerKleinkunst, die haften bleibt

Mit Lack und Pinsel macht der Londoner Künstler Ben Wilson aus festgetretenen Kaugummis winzige Landschaften und Liebesbotschaften. von Karin Ceballos Betancur

DIE ZEIT: Herr Wilson, wenn man Sie in London bei Ihrer Arbeit sieht, könnte man auf den ersten Blick meinen, Sie hätten letzte Nacht zu viel gefeiert.

Ben Wilson: Das stimmt, manche Leute glauben auch, ich hätte gerade einen Herzanfall, wenn ich da so auf dem Asphalt liege.

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ZEIT: Tatsächlich bemalen Sie festgetretene Kaugummis auf dem Trottoir mit winzigen Landschaften, Porträts, Namen und Botschaften. Wie kommt man auf so eine Idee?

Wilson: Als Künstler hat mich schon immer das Verhältnis zwischen Kunst und Umwelt beschäftigt, die Frage, welchen Einfluss das Individuum auf seine Umgebung hat. Viele Menschen fühlen sich hilflos und glauben, sie könnten keinen Einfluss auf ihre Umwelt nehmen. Tatsächlich tun wir das aber alle viel mehr, als wir gemeinhin denken.

ZEIT: Indem wir Kaugummis auf die Straße spucken?

Wilson: Auch das, ja. Am Anfang hat mich der Müll in den Straßen einfach genervt. Dann habe ich angefangen, damit zu arbeiten. Ich mag es, aus dem, was Menschen wegwerfen, etwas Konstruktives entstehen zu lassen.

ZEIT: In den vergangenen acht Jahren haben Sie rund 10.000 Kaugummibilder auf Londons Asphalt hinterlassen, vor allem rings um ihr Quartier Muswell Hill, im Norden der Stadt, aber auch an touristischen Hotspots wie der Millennium Bridge.

Wilson: Genau, da habe ich einen geheimen Pfad angelegt.

ZEIT: Einen geheimen Pfad?

Wilson: Nun, meine Bilder sind ja sehr klein, meistens haben sie nur wenige Zentimeter Durchmesser. Deshalb fallen sie Menschen selten spontan ins Auge. Aber wenn sie jemand bemerkt, löst das meistens eine Kettenreaktion aus – gerade an Orten wie der Millennium Bridge, wo so viele Leute aus aller Welt zusammenkommen. Die packen dann ihre Kameras aus, Kinder laufen aufgeregt hin und her und suchen nach Motiven, das ist toll.

ZEIT: Wie entstehen die Sujets, die Sie mit Pinseln auf der lackierten Oberfläche aufbringen?

Wilson: Das ist unterschiedlich. Auf der Brücke war es zum Beispiel so, dass Leute oft stehen blieben und meine Bilder kommentierten. Wenn ich etwa einen Swimmingpool malte, sagte auf einmal jemand hinter mir: Hey, mal doch noch einen Menschen dazu. Der Nächste forderte ein Handtuch, der Übernächste eine Spinne am Beckenrand. So gingen Ideen von drei, vier Menschen in ein einziges Bild ein.

ZEIT: Sie nehmen aber auch Einzelaufträge für Kaugummibilder an, richtig?

Wilson: Das stimmt. Ich schaffe es bloß nicht immer, die Wünsche sofort umzusetzen, deshalb habe ich meistens ein kleines Heft dabei, in dem ich sie notiere.

ZEIT: Was sind das für Wünsche?

Wilson: Alles Mögliche! Liebesbotschaften, Geburtstagsgrüße, Nachrufe. Gerade heute habe ich ein Bild für eine Frau gemalt, deren Eltern vor Kurzem gestorben sind. Meine Mutter hatte vergangene Woche einen Schlaganfall, ich konnte mich deshalb sehr gut in die Lage der Frau versetzen. Sie wollte, dass etwas vor dem Haus, in dem ihre Eltern gelebt haben, an sie erinnert.

Eine Straßenszene von Ben Wilson

Eine Straßenszene von Ben Wilson   |  © Vivienne Roberts und Ben Wilson

ZEIT: Und was haben Sie gemalt?

Wilson: Die Leute stammten aus Südafrika. Sie mochten Tee, die Mutter war Künstlerin ... Ich habe also ihre Namen auf den Kaugummi geschrieben und noch einen Pinsel und eine Tasse Tee dazu gemalt.

ZEIT: Liegen Ihnen die großen Gefühle mehr am Herzen als das Profane?

Wilson: Überhaupt nicht. Mir geht es vor allem darum, mit meiner Arbeit ein Forum zu schaffen, eine Bühne, auf der etwas passieren kann. Menschen kommen auf mich zu und erzählen mir ihre Geschichten. Im öffentlichen Raum, der ja zunehmend kontrolliert wird, ist es schön, der Spontanität auf diese Weise einen Weg ebnen zu können.

Leserkommentare
  1. was grotesk erscheint? Die "Message" der persönlichen Verantwortung ist jedenfalls ebenso ausgelatscht wie unglaubwürdig.

    Nichts dagegen, die Straßen ein wenig bunter zu gestalten, aber dann kann man das doch machen, ohne Begriffe wie "Kunst" und "Verantwortung" als Ausrede herhalten zu lassen.

  2. 2. Toll!

    Super Idee. Darauf muss man erst mal kommen...mal ganz abgesehen von der Verschmutzung durch Kaugummis...

    Mir gefällt diese Art der Kunst. Und ich würde es auch durchaus als Kunst bezeichnen. Ist doch eine kreative Art, Kunst als heute fast nur noch elitäres menschliches Kulturprodukt den Menschen wieder näher zu bringen, indem man sie und ihre Hinterlassenschaften auf Gehwegen miteinbezieht.

    Außerdem macht diese Kunst Spaziergänge interessanter. Wie der Künstler schon sagte: Es ist schön, wenn Kinder aufgeregt auf der Straße nach den kleinen Kunstwerken suchen. Und sehr amüsant, wenn man einen echten "Wirgley" auf der Straße findet. ;)

  3. wäre es, wenn Ben Wilson das Gleiche in Singapur gelänge.

    (Das wegwerfen von Kaugummi auf die Strasse kostet dort 1000.- S$)Stand 2006. ^^

    Trotzdem eine niedliche Idee von Ben Wilson.
    Möge es ihm noch lange Spass bringen und seine Werke die Mitmenschen erfreuen.
    Vielleicht möchte er die kleinen "Kunstwerke" mal erweitern und, zur plattgetretenen Kaugummiform assoziert, jeweils ein bestimmentes Schuhwerk hinzu legen. :)
    Turnschuh, Boots, Slipper ...

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    waere er natuerlich arbeitslos. Hier uebrigens auch, wenn nicht jeder Mist, den einer malt, schreibt, sprueht, komponiert, kocht, schauspielert oder kraeht gleich als "Kunst" bezeichnet wird. Aber bitte, heute kann man den Leuten ja alles verkaufen.

  4. waere er natuerlich arbeitslos. Hier uebrigens auch, wenn nicht jeder Mist, den einer malt, schreibt, sprueht, komponiert, kocht, schauspielert oder kraeht gleich als "Kunst" bezeichnet wird. Aber bitte, heute kann man den Leuten ja alles verkaufen.

    Antwort auf "Besondere Kunst"
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    Kunst liegt doch im Auge des Betrachters.
    Wer was Kunst nennt und diese dann als solche abstoßend, super, oder sonstwas findet, ist mir schnurzpiepe.
    Ausnahmen sind verschrobene Meinungen von Typen, die hergehen und "Veranstaltungen" die Tod verursachen als Kunst zu bewerten. Vielleicht habe ich aus diesem Grund auch seinen Namen vergessen.

    ...in deutschen Foren einen Kommentar so zu formulieren, dass er fern eines "verbal-kotzens" ist, zählt für mich zweifelsfrei schon zu Kunst. *ggg :)

    • garl
    • 05. Dezember 2012 10:32 Uhr

    und am liebsten ist den kulturbanausen die egalitäre kunst, die ihm/ihr eine seelenmassage verpasst...und schön soll sie sein, die kunst, wie er/sie selbst, das kunstwerk in personam, damit man sich davorstellen und ablichten kann....huhu

  5. Kunst liegt doch im Auge des Betrachters.
    Wer was Kunst nennt und diese dann als solche abstoßend, super, oder sonstwas findet, ist mir schnurzpiepe.
    Ausnahmen sind verschrobene Meinungen von Typen, die hergehen und "Veranstaltungen" die Tod verursachen als Kunst zu bewerten. Vielleicht habe ich aus diesem Grund auch seinen Namen vergessen.

    Antwort auf "In Singapur"
  6. ...in deutschen Foren einen Kommentar so zu formulieren, dass er fern eines "verbal-kotzens" ist, zählt für mich zweifelsfrei schon zu Kunst. *ggg :)

    Antwort auf "In Singapur"
    • garl
    • 05. Dezember 2012 10:32 Uhr
    8. agree

    und am liebsten ist den kulturbanausen die egalitäre kunst, die ihm/ihr eine seelenmassage verpasst...und schön soll sie sein, die kunst, wie er/sie selbst, das kunstwerk in personam, damit man sich davorstellen und ablichten kann....huhu

    Antwort auf "In Singapur"
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    Tschulligung fürs Einmischen in Ihren adqäquaten Dialog.
    Aber sagen Sie dort, dass Sie "kulturbanausen" keine Seelenmassage gönnen?

    Also persönlich sei insbesondere den hochkarätigen Kunstkennern und Werkebegutachtern eine Seelenmassage durch Kunst gegönnt. Jenen, die meistens nicht einmal eine Maultrommel spielen können.
    ;)

    • omnibus
    • 07. Dezember 2012 9:10 Uhr

    und es kann bestens innerhalb des bestehenden Diskurses verortet werden: Intervention im öffentlichen Raum, kunstimmanente Mittel (auch wenn die Konzeptkunst die klassischen Techniken fürchtet wie der Teufel das Weihwasser), Hinterfragen des Verhältnisses von Abfall und künstlerischer Verfremdung, Parodie auf den Kunstbetrieb (jeder kann den Kaugummi ablösen und kostenlos mit nehmen)...

    Ich finde das sehr viel hintergründiger und humorvoller als Vieles, was einem im White Cube als vermeintlich provokative Hochkunst vorgesetzt wird.

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