Eine Illustration des gestiefelten Katers aus dem Jahre 1946 von Herbert Leupin © picture alliance / dpa

Die Wahrheit ist: Rotkäppchen stirbt. Der böse Wolf frisst es auf, und damit endet das Märchen. Jedenfalls in der Ursprungsversion des Franzosen Charles Perrault, sagt der Erzählforscher und Grimm-Experte Hans-Jörg Uther. Den Schluss mit dem Jäger, der dem Wolf den Bauch aufschneidet und das Kind rettet, hat erst Wilhelm Grimm dazugedichtet. »Er hat Logik und Harmonie in die Geschichten gebracht«, erklärt Uther.

Der Erzählforscher steht im klimaanlagengekühlten Keller des Kulturwissenschaftlichen Zentrums der Universität Göttingen und öffnet einen von insgesamt 2.900 tannengrünen DIN-A4-Kästen, die sich im ganzen Raum übereinanderstapeln. Darin liegt eine Kopie der französischen Rotkäppchen-Fassung, von der er eben gesprochen hat. Auch unterschiedliche Versionen von Rumpelstilzchen, Hans im Glück und Aschenputtel lagern hier. Der Professor für Germanistik und Literaturwissenschaft kennt sie alle, er beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit Märchen und arbeitet an einer Enzyklopädie darüber.

Hans-Jörg Uther ist einer dieser Menschen, die man am liebsten sofort bei Wer wird Millionär? anmelden möchte. Der freundliche Mann mit dem Seitenscheitel und den wachen Augen, die hinter runden Brillengläsern hervorblitzen, hat nicht nur die Namen sämtlicher Autoren parat, sondern auch etliche Jahreszahlen. Man muss ihn nur antippen, schon sprudelt er los. Vor allem wenn es um die Brüder Grimm geht, kennt Uther sich aus, denn an ihnen »kommt man als Erzählforscher nicht vorbei«.

200 Jahre ist es inzwischen her, dass die Kinder- und Hausmärchen der beiden Brüder zum ersten Mal erschienen sind, anfangs in einer Auflage von 900 Exemplaren. Wie es dazu kam, ist schnell erzählt: Als Jacob und Wilhelm Grimm neun und zehn Jahre alt waren, starb ihr Vater. Die Brüder, die beiden ältesten von insgesamt sechs Kindern, traten von da an im Doppelpack auf. Sie waren arm, doch dank der Unterstützung ihrer Tante konnten sie Jura studieren. Während des Studiums lernten sie die Schriftsteller Clemens Brentano und Achim von Arnim kennen, die ihr Interesse für Volkspoesie weckten. Die Brüder Grimm fingen an, Märchen zu sammeln.

»Inzwischen gehört die 1812 erschienene Märchensammlung neben der Luther-Bibel zu den bekanntesten Werken der deutschen Kulturgeschichte«, sagt Hans-Jörg Uther. Und die Begeisterung reißt nicht ab. Noch immer kennt fast jedes Kind die Klassiker wie Aschenputtel, Dornröschen und Schneewittchen – und kann sofort einen Favoriten nennen.

Auch der Erzählforscher hat ein Lieblingsmärchen, es ist Hans im Glück: Ein junger Mann tauscht einen Goldklumpen gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und die Gans gegen zwei dicke Steine. Obwohl Hans sich mit jedem Tausch wirtschaftlich verschlechtert und am Ende sogar mit leeren Händen dasteht, fühlt er sich »wie ein Sonntagskind«, weil alles eintritt, was er sich wünscht.

Uther mag die Geschichte, weil sie zu den humorvollen Erzählungen der Brüder Grimm gehört – und weil ihm die Lebenseinstellung der Figur gefällt, die die Dinge so nimmt, wie sie kommen, und sich dabei selbst treu bleibt. Über 30 Bildbände des Märchens hat er zu Hause im Regal stehen. Die Bremer Stadtmusikanten und Der gestiefelte Kater hat er besonders ins Herz geschlossen. Der Erzählforscher erinnert sich an eine Zeit, in der die Märchen als rückwärtsgewandt galten. Das Frauen- und Männerbild sei hinterwäldlerisch, hieß es in den siebziger Jahren. Traditionelle Werte wie Fleiß und Folgsamkeit würden viel zu wichtig genommen. Und grausam gehe es auch noch zu, etwa wenn die Hexe aus Hänsel und Gretel im Ofen lande.