Brüder GrimmEs war einmal in Göttingen

Verwunschene Frösche, böse Schwiegermütter und Lebkuchenhäuser: Seit 200 Jahren verzaubern die Brüder Grimm. Der Erzählforscher Hans-Jörg Uther beschäftigt sich mit ihren Märchen. von Katrin Schmiedekampf

Eine Illustration des gestiefelten Katers aus dem Jahre 1946 von Herbert Leupin

Eine Illustration des gestiefelten Katers aus dem Jahre 1946 von Herbert Leupin  |  © picture alliance / dpa

Die Wahrheit ist: Rotkäppchen stirbt. Der böse Wolf frisst es auf, und damit endet das Märchen. Jedenfalls in der Ursprungsversion des Franzosen Charles Perrault, sagt der Erzählforscher und Grimm-Experte Hans-Jörg Uther. Den Schluss mit dem Jäger, der dem Wolf den Bauch aufschneidet und das Kind rettet, hat erst Wilhelm Grimm dazugedichtet. »Er hat Logik und Harmonie in die Geschichten gebracht«, erklärt Uther.

Der Erzählforscher steht im klimaanlagengekühlten Keller des Kulturwissenschaftlichen Zentrums der Universität Göttingen und öffnet einen von insgesamt 2.900 tannengrünen DIN-A4-Kästen, die sich im ganzen Raum übereinanderstapeln. Darin liegt eine Kopie der französischen Rotkäppchen-Fassung, von der er eben gesprochen hat. Auch unterschiedliche Versionen von Rumpelstilzchen, Hans im Glück und Aschenputtel lagern hier. Der Professor für Germanistik und Literaturwissenschaft kennt sie alle, er beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit Märchen und arbeitet an einer Enzyklopädie darüber.

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Hans-Jörg Uther ist einer dieser Menschen, die man am liebsten sofort bei Wer wird Millionär? anmelden möchte. Der freundliche Mann mit dem Seitenscheitel und den wachen Augen, die hinter runden Brillengläsern hervorblitzen, hat nicht nur die Namen sämtlicher Autoren parat, sondern auch etliche Jahreszahlen. Man muss ihn nur antippen, schon sprudelt er los. Vor allem wenn es um die Brüder Grimm geht, kennt Uther sich aus, denn an ihnen »kommt man als Erzählforscher nicht vorbei«.

200 Jahre ist es inzwischen her, dass die Kinder- und Hausmärchen der beiden Brüder zum ersten Mal erschienen sind, anfangs in einer Auflage von 900 Exemplaren. Wie es dazu kam, ist schnell erzählt: Als Jacob und Wilhelm Grimm neun und zehn Jahre alt waren, starb ihr Vater. Die Brüder, die beiden ältesten von insgesamt sechs Kindern, traten von da an im Doppelpack auf. Sie waren arm, doch dank der Unterstützung ihrer Tante konnten sie Jura studieren. Während des Studiums lernten sie die Schriftsteller Clemens Brentano und Achim von Arnim kennen, die ihr Interesse für Volkspoesie weckten. Die Brüder Grimm fingen an, Märchen zu sammeln.

»Inzwischen gehört die 1812 erschienene Märchensammlung neben der Luther-Bibel zu den bekanntesten Werken der deutschen Kulturgeschichte«, sagt Hans-Jörg Uther. Und die Begeisterung reißt nicht ab. Noch immer kennt fast jedes Kind die Klassiker wie Aschenputtel, Dornröschen und Schneewittchen – und kann sofort einen Favoriten nennen.

Auch der Erzählforscher hat ein Lieblingsmärchen, es ist Hans im Glück: Ein junger Mann tauscht einen Goldklumpen gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und die Gans gegen zwei dicke Steine. Obwohl Hans sich mit jedem Tausch wirtschaftlich verschlechtert und am Ende sogar mit leeren Händen dasteht, fühlt er sich »wie ein Sonntagskind«, weil alles eintritt, was er sich wünscht.

Uther mag die Geschichte, weil sie zu den humorvollen Erzählungen der Brüder Grimm gehört – und weil ihm die Lebenseinstellung der Figur gefällt, die die Dinge so nimmt, wie sie kommen, und sich dabei selbst treu bleibt. Über 30 Bildbände des Märchens hat er zu Hause im Regal stehen. Die Bremer Stadtmusikanten und Der gestiefelte Kater hat er besonders ins Herz geschlossen. Der Erzählforscher erinnert sich an eine Zeit, in der die Märchen als rückwärtsgewandt galten. Das Frauen- und Männerbild sei hinterwäldlerisch, hieß es in den siebziger Jahren. Traditionelle Werte wie Fleiß und Folgsamkeit würden viel zu wichtig genommen. Und grausam gehe es auch noch zu, etwa wenn die Hexe aus Hänsel und Gretel im Ofen lande.

Leserkommentare
  1. Grimms-Märchen sind langweilig, einfallslos, oberflächlich und psychologisch zutiefst verlogen. Die wirklich Sympathischen sind immer die Bösen, wohingegen es doch eigentlich die vermeintlich 'richtig Erzogenen' sind, die unserer Welt so großen Schaden zufügen. Alice Miller bezichtigte einmal die Märchenwelt rückständiger Schablonen, Klischees und Verkehrungen bezüglich Ursache und Wirkung von Leiden und Tat.

    Eine Leserempfehlung
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    ... hat der gute Herr doch Recht!
    Jeder kann sich in den Märchen wiederfinden. Gut und Böse sind da auch nur Etiketten. So schwarz weiß wie Sie es hier darstellen sind die Märchen im Übrigen gar nicht. Erst jüngst habe ich mit Freude entdeckt, dass ein Märchen einen ganz anderen Hintergrund hat als ich die Jahre zuvor gedacht habe. Auch meine Mutter findet sich und ihren Alltag immer wieder in Märchen der Grimms. Mit etwas Phantasie...

    Sie sollten mit etwas offenerem Herzen an diese Geschichten herangehen und sie als Geschichten sehen - und nicht als Boten der "Wahrheit".

    ... ein bedauernswertes Wesen. Dz, dz, dz ... - wie heißt's bei Wolfgang Borchert: "Armesch Luder dasch."

    Die Märchen wurden von den Sprachwissenschaftlern Grimm nicht erfunden, sondern nur gesammelt und ausgewählt.

    Es handelt sich um ein Erbe unseres Volkes aus dem sowohl alte Mythen als auch das Denken unserer Vorfahren in jenen alten Zeiten entnommen werden kann.

    Dass die Erzählungen auch dazu dienen können, Kindern die Geschichten zu erzählen und vorzulesen, ist ein Nebeneffekt.

    Tatsächlich sind einige der wichtigsten Figuren aus diesen Erzählungen heute noch so populär, dass ihre Kenntnis, zumindest ihre Namen, bei den meisten heutigen Menschen noch zur Allgemeinbildung gehören.

    Das Verständnis dieser Märchen mag den meisten heutigen Menschen abgehen. Wir leben ja in einer völlig anderen Zeit, angeblich. Wer sich näher mit diesen Geschichten befasst und tiefer darüber nachdenkt, entdeckt dabei Charaktere und Hintergründe, die das menschliche Wesen verständlicher machen.

  2. dieser Märchen hätte vielleicht gestern das Leben eines kleinen Australiers gerettet.
    http://www.abc.net.au/new...
    Daß eine Siebenjährige zu spät aus dem Bauch des Raubtiers geschnitten wurde, scheint für die Lebensnähe der ursprünglichen Märchenversion zu sprechen.

  3. ... hat der gute Herr doch Recht!
    Jeder kann sich in den Märchen wiederfinden. Gut und Böse sind da auch nur Etiketten. So schwarz weiß wie Sie es hier darstellen sind die Märchen im Übrigen gar nicht. Erst jüngst habe ich mit Freude entdeckt, dass ein Märchen einen ganz anderen Hintergrund hat als ich die Jahre zuvor gedacht habe. Auch meine Mutter findet sich und ihren Alltag immer wieder in Märchen der Grimms. Mit etwas Phantasie...

    Sie sollten mit etwas offenerem Herzen an diese Geschichten herangehen und sie als Geschichten sehen - und nicht als Boten der "Wahrheit".

    Eine Leserempfehlung
    • Karta
    • 01. Dezember 2012 16:37 Uhr

    ...ohne Märchen hätte ich keine oder nicht so -für mich -eine gesunde flexible spekrumbreite Phantasie. Ich danke meine Grossmutter, die sich dabei viel Mühe gegeben hatte.
    Märchen erlauben uns die Realiät von einem anderen Blickwinkel zu betrachten, also eine Art Vogelperspektive der Realität, die bekanntlich nicht immer rösig ist.

  4. Die Gebrüder Grimm haben sich wohl auch um die Germanistik sehr verdient gemacht. Als Beispiel seien hier die Merseburger Zaubersprüche erwähnt, wohl ältestes erhaltenes, noch heidnisches Schriftgut in deutscher Sprache, welches von Jakob Grimm erstmalig kommentiert wurde:

    Eiris sazun idisi sazunheraduoder suma
    hapt heptidun sumaherilezidun sumaclu
    bodun umbicuonio uuidi insprinc hapt
    bandun inuar uigandun· H·
    Phol endeuuodan uuorun ziholza du uuart
    demobaldares uolon sinuuoz birenkict
    thubiguolen sinhtgunt · sunnaerasuister
    thubiguolen friia uolla erasuister thu
    biguolen uuodan sohe uuolaconda
    sosebenrenki sose bluotrenki soselidi
    renki ben zibenabluot zibluoda
    lid zigeliden sosegelimida sin.

    "uu" ist z.B. als "w" zu lesen. Vergl. engl. "Double-U"

    Weiteres kann man dann z.B. auf Wikipedia nachlesen :)

  5. ... ein bedauernswertes Wesen. Dz, dz, dz ... - wie heißt's bei Wolfgang Borchert: "Armesch Luder dasch."

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  6. Die Märchen wurden von den Sprachwissenschaftlern Grimm nicht erfunden, sondern nur gesammelt und ausgewählt.

    Es handelt sich um ein Erbe unseres Volkes aus dem sowohl alte Mythen als auch das Denken unserer Vorfahren in jenen alten Zeiten entnommen werden kann.

    Dass die Erzählungen auch dazu dienen können, Kindern die Geschichten zu erzählen und vorzulesen, ist ein Nebeneffekt.

    Tatsächlich sind einige der wichtigsten Figuren aus diesen Erzählungen heute noch so populär, dass ihre Kenntnis, zumindest ihre Namen, bei den meisten heutigen Menschen noch zur Allgemeinbildung gehören.

    Das Verständnis dieser Märchen mag den meisten heutigen Menschen abgehen. Wir leben ja in einer völlig anderen Zeit, angeblich. Wer sich näher mit diesen Geschichten befasst und tiefer darüber nachdenkt, entdeckt dabei Charaktere und Hintergründe, die das menschliche Wesen verständlicher machen.

    5 Leserempfehlungen
  7. Die gesammelten Volksmärchen sind eigentlich auch Kriminalgeschichten. Die "Wahrheit über Hänsel und Gretel" sind der Beweis: Ein Geschwisterpaar überfällt eine Einsiedlerin, um an deren zu patentierendes Lebkucherezept zu gelangen. Und alles im tiefen Wald, wo des Jägers Horn erschallt.
    Die Brüder Grimm haben halt nicht nur gesammelt sondern auch "umgedichtet" und das hat ihnen z.T. Auflagen gebracht, die bis heute anhalten zum anderen aber auch den Literaturwert ihrer Schriften deutlich geschmälert, die so ihren volksdokumentarischen Wert zum Großteil eingebüßt haben.

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