Bemühen wir zur Anschauung zunächst unsere Fantasie: Man stelle sich für einen Moment vor, ein deutscher Schriftsteller von etwas über fünfzig Jahren, sagen wir Burkhard Spinnen, würde in jedem Jahr eine E-Mail aussenden an zumeist jüngere, schon berühmte und preisgekrönte oder doch allmählich bekannter werdende Autoren, vielleicht an Daniel Kehlmann, Judith Schalansky, Wolfgang Herrndorf, Judith Hermann, Eva Menasse, Juli Zeh, Dietmar Dath, Clemens Meyer, Nora Bossong, Tilman Rammstedt und noch ein paar andere, auch an einige namhafte und meinungsfreudige Literaturkritiker dieser Generation. Und in dieser Mail würde Spinnen dann mitteilen, dass der Empfänger also erneut eingeladen sei zu jenem Treffen, das wie jedes Jahr irgendwo in einem abgelegenen Wellnesshotel stattfände, um zwei Tage lang aus Manuskripten vorzulesen und das Gehörte zu kritisieren.

Auf Facebook hätten Autoren, Verleger und Kritiker zuvor wochenlang heftig debattiert, ob er wieder einlade oder nicht, ob man kommen solle oder nicht und ob es mit dieser sogenannten »Gruppe 97« nicht allmählich wirklich vorbei sei. Schließlich kommen doch wieder fast alle. Auch der mittlerweile weltberühmte Schnauzbart Kehlmann, der vor ein paar Jahren in dieser Runde spektakulär triumphierte, unterbricht seinen Wahlkampf für die SPD und Peer Steinbrück, um wie jedes Jahr sogleich als Erster nach den Damen und Herren Kritikern Scheck, Radisch, Lovenberg, Mangold und Winkels wortgewaltig in die Diskussion über das jeweils gerade Vorgelesene einzugreifen.

Die feuilletonistischen Gegner von Spinnens Dichter-Gruppe hätten sich ebenfalls wie üblich vorab in den Zeitungen gemeldet: Aus Hamburg, München und Berlin befänden die Kritiker Greiner, Steinfeld und Krause, besagte Autoren würden eine viel zu mächtige Clique bilden, um ihre begrenzten ästhetischen Begabungen vergeblich zu trainieren und dennoch brutal durchzusetzen. Martin Mosebach, der eigenwillige Solitär, lehnt die Einladung ab und fragt ironisch: »Muss man bei der Gruppe 97 auch singen, oder braucht man nur nackt vorzulesen?« Und bei einem Gastauftritt der Gruppe im amerikanischen Princeton schließlich würde plötzlich ein junger österreichischer Provokateur mit komischer Frisur namens Clemens J. Setz auftreten und den Autorenkollegen kurzerhand »Beschreibungsimpotenz« vorwerfen – was wiederum diesseits des Atlantiks sogleich literaturhistorische Wellen schlüge.

All das ist eine reichlich unrealistische Fantasie, wie jeder unschwer sieht, der den heutigen Literaturbetrieb einigermaßen kennt. Und doch hat sich all das in der deutschsprachigen Literatur einmal ungefähr so abgespielt, selbstredend mit anderem Personal, jedoch mit enormen Folgen. Die literaturhistorische Welle, die einst die Gruppe 47 schlug – jene von Hans Werner Richter seit 1947 zwanzig Jahre lang per Postkarteneinladung orchestrierten Zusammentreffen von Dichtern und Schriftstellern –, ist bis heute gewaltig. Allein zwei spätere Nobel- und zahllose Büchnerpreisträger gehen auf ihr Konto. Auf ihren Tagungen wetzten die alsbald bis heute bekannten Kritiker Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens, Hans Mayer und Joachim Kaiser die kritischen Messer: spontan und mündlich. Legendäre Autoren waren dabei: Ingeborg Bachmann und Siegfried Lenz, geboren 1926, Martin Walser und Günter Grass, geboren 1927, Peter Rühmkorf und Hans Magnus Enzensberger, geboren 1929. Sie alle lasen, diskutierten und wurden berühmt. Eine »Generationskonstante« entdeckte Rühmkorf bereits 1962; woran auch die Teilnehmer Heinrich Böll, Jahrgang 1917, und der 1934 geborene Uwe Johnson nicht viel änderten. Und blutjung, zumeist als Twen, hatten sie ihren jeweils ersten Auftritt in der »Gruppe«: so zum Beispiel Kaiser 24-jährig, Bachmann, Lenz und Enzensberger 26-jährig, Grass 28-jährig.

Genügend Stoff für Mythen also, zumal Autoren die besten Mythomanen ihrer selbst sind. Längst ist die Gruppe 47 nur mehr Literaturgeschichte, vielfach erforscht und erinnert. Ihre Zeit ist unwiederbringlich vorbei, der Literaturbetrieb heute zu unübersichtlich, zu groß und routiniert erfolgreich, als dass eine Gruppen-Fantasie Realität werden könnte. Dennoch taucht sie trotz aller Kritik immer wieder mal auf. Zwei ganz unterschiedliche Bücher führen jetzt noch einmal das Erfolgsgeheimnis der Gruppe 47 vor.

Da wäre zunächst das Tagebuch von Hans Werner Richter, dem 1908 geborenen Gruppen-»Vater«. Es schildert zwar nur die Jahre von 1966 bis 1972, aber seine bloße Existenz ist bereits eine Überraschung, hatte doch Richter stets behauptet, er führe kein Tagebuch. Sein Auftauchen verdankt sich einem Zufall: Der Autor hatte die zwei Hefte einst dem befreundeten Zeithistoriker Arnulf Baring anvertraut, der sie zwischen seinen Büchern wiederentdeckte. Mustergültig wurden sie jetzt vom Bonner Historiker Dominik Geppert ediert und ausführlich kommentiert. Wahrlich kein kunstvolles Schriftstellertagebuch, vielmehr zwischen Naivität und klugen Einsichten eigentümlich schwankend, ist es jedoch ein großartiges Stück bundesrepublikanischer Intellektuellengeschichte, geboren aus einer Krise: Mitte der sechziger Jahre war die Gruppe 47 in schwere Gewässer geraten, öffentliche Kritik an ihr häufte sich mit zunehmendem Ruhm, und ihre fortschrittliche Autorität unter der jungen Generation schwand zusehends.