Gruppe 47Eine Art Hauptstadtersatz

Autoren als Netzwerkprofis: Helmut Böttiger erzählt die Erfolgsstory der "Gruppe 47". Ihr Erfinder Hans Werner Richter klagte im Tagebuch über seine schwierigen Dichter. von Alexander Cammann

Bemühen wir zur Anschauung zunächst unsere Fantasie: Man stelle sich für einen Moment vor, ein deutscher Schriftsteller von etwas über fünfzig Jahren, sagen wir Burkhard Spinnen, würde in jedem Jahr eine E-Mail aussenden an zumeist jüngere, schon berühmte und preisgekrönte oder doch allmählich bekannter werdende Autoren, vielleicht an Daniel Kehlmann, Judith Schalansky, Wolfgang Herrndorf, Judith Hermann, Eva Menasse, Juli Zeh, Dietmar Dath, Clemens Meyer, Nora Bossong, Tilman Rammstedt und noch ein paar andere, auch an einige namhafte und meinungsfreudige Literaturkritiker dieser Generation. Und in dieser Mail würde Spinnen dann mitteilen, dass der Empfänger also erneut eingeladen sei zu jenem Treffen, das wie jedes Jahr irgendwo in einem abgelegenen Wellnesshotel stattfände, um zwei Tage lang aus Manuskripten vorzulesen und das Gehörte zu kritisieren.

Auf Facebook hätten Autoren, Verleger und Kritiker zuvor wochenlang heftig debattiert, ob er wieder einlade oder nicht, ob man kommen solle oder nicht und ob es mit dieser sogenannten »Gruppe 97« nicht allmählich wirklich vorbei sei. Schließlich kommen doch wieder fast alle. Auch der mittlerweile weltberühmte Schnauzbart Kehlmann, der vor ein paar Jahren in dieser Runde spektakulär triumphierte, unterbricht seinen Wahlkampf für die SPD und Peer Steinbrück, um wie jedes Jahr sogleich als Erster nach den Damen und Herren Kritikern Scheck, Radisch, Lovenberg, Mangold und Winkels wortgewaltig in die Diskussion über das jeweils gerade Vorgelesene einzugreifen.

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Die feuilletonistischen Gegner von Spinnens Dichter-Gruppe hätten sich ebenfalls wie üblich vorab in den Zeitungen gemeldet: Aus Hamburg, München und Berlin befänden die Kritiker Greiner, Steinfeld und Krause, besagte Autoren würden eine viel zu mächtige Clique bilden, um ihre begrenzten ästhetischen Begabungen vergeblich zu trainieren und dennoch brutal durchzusetzen. Martin Mosebach, der eigenwillige Solitär, lehnt die Einladung ab und fragt ironisch: »Muss man bei der Gruppe 97 auch singen, oder braucht man nur nackt vorzulesen?« Und bei einem Gastauftritt der Gruppe im amerikanischen Princeton schließlich würde plötzlich ein junger österreichischer Provokateur mit komischer Frisur namens Clemens J. Setz auftreten und den Autorenkollegen kurzerhand »Beschreibungsimpotenz« vorwerfen – was wiederum diesseits des Atlantiks sogleich literaturhistorische Wellen schlüge.

All das ist eine reichlich unrealistische Fantasie, wie jeder unschwer sieht, der den heutigen Literaturbetrieb einigermaßen kennt. Und doch hat sich all das in der deutschsprachigen Literatur einmal ungefähr so abgespielt, selbstredend mit anderem Personal, jedoch mit enormen Folgen. Die literaturhistorische Welle, die einst die Gruppe 47 schlug – jene von Hans Werner Richter seit 1947 zwanzig Jahre lang per Postkarteneinladung orchestrierten Zusammentreffen von Dichtern und Schriftstellern –, ist bis heute gewaltig. Allein zwei spätere Nobel- und zahllose Büchnerpreisträger gehen auf ihr Konto. Auf ihren Tagungen wetzten die alsbald bis heute bekannten Kritiker Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens, Hans Mayer und Joachim Kaiser die kritischen Messer: spontan und mündlich. Legendäre Autoren waren dabei: Ingeborg Bachmann und Siegfried Lenz, geboren 1926, Martin Walser und Günter Grass, geboren 1927, Peter Rühmkorf und Hans Magnus Enzensberger, geboren 1929. Sie alle lasen, diskutierten und wurden berühmt. Eine »Generationskonstante« entdeckte Rühmkorf bereits 1962; woran auch die Teilnehmer Heinrich Böll, Jahrgang 1917, und der 1934 geborene Uwe Johnson nicht viel änderten. Und blutjung, zumeist als Twen, hatten sie ihren jeweils ersten Auftritt in der »Gruppe«: so zum Beispiel Kaiser 24-jährig, Bachmann, Lenz und Enzensberger 26-jährig, Grass 28-jährig.

Genügend Stoff für Mythen also, zumal Autoren die besten Mythomanen ihrer selbst sind. Längst ist die Gruppe 47 nur mehr Literaturgeschichte, vielfach erforscht und erinnert. Ihre Zeit ist unwiederbringlich vorbei, der Literaturbetrieb heute zu unübersichtlich, zu groß und routiniert erfolgreich, als dass eine Gruppen-Fantasie Realität werden könnte. Dennoch taucht sie trotz aller Kritik immer wieder mal auf. Zwei ganz unterschiedliche Bücher führen jetzt noch einmal das Erfolgsgeheimnis der Gruppe 47 vor.

Da wäre zunächst das Tagebuch von Hans Werner Richter, dem 1908 geborenen Gruppen-»Vater«. Es schildert zwar nur die Jahre von 1966 bis 1972, aber seine bloße Existenz ist bereits eine Überraschung, hatte doch Richter stets behauptet, er führe kein Tagebuch. Sein Auftauchen verdankt sich einem Zufall: Der Autor hatte die zwei Hefte einst dem befreundeten Zeithistoriker Arnulf Baring anvertraut, der sie zwischen seinen Büchern wiederentdeckte. Mustergültig wurden sie jetzt vom Bonner Historiker Dominik Geppert ediert und ausführlich kommentiert. Wahrlich kein kunstvolles Schriftstellertagebuch, vielmehr zwischen Naivität und klugen Einsichten eigentümlich schwankend, ist es jedoch ein großartiges Stück bundesrepublikanischer Intellektuellengeschichte, geboren aus einer Krise: Mitte der sechziger Jahre war die Gruppe 47 in schwere Gewässer geraten, öffentliche Kritik an ihr häufte sich mit zunehmendem Ruhm, und ihre fortschrittliche Autorität unter der jungen Generation schwand zusehends.

Leserkommentare
  1. ob man bei der Gruppe 47 auch singen müsse, in eine völlig unpassende Verbindung gebracht wird mit dem ebenso ultramontanen wie mediokren Mosebach, beweist, dass uns zwar heute eine Gruppe 47, nicht aber eine Presse erspart bleibt, die vor der schieren Masse an Autoren immer noch in Ehrfurcht erstarrt. Und dass diese Presse dann Wendungen hervorbringt, in denen "per Postkarteneinladung orchestrierte(n) Zusammentreffen" auftauchen, wundert kaum.
    Nur leise angedeutet werden in diesem Artikel der mörderische Antisemitismus, der einige Jahre vor 1947 noch einige dieser Autoren in die Welt hinausführte, der banale Sozialdemokratism, an dem einer wie Grass bis heute laboriert, oder die schlichte Tatsache, dass "Netzwerk" nichts weiter ist als ein Euphemismus für Klüngel.

    Und doch stimmt der Artikel froh: Dass das Tagebuch lange Zeit im Regal von Arnulf Baring verstaubte, der wohl keine Zeit fand, es zwischen seinen Talkshow- und Podiumsauftritten zu lesen, erzählt einiges über die Geistesriesen der Jetztzeit.

    2 Leserempfehlungen
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    mit dem, was Sie da zu bedenken geben, liegen Sie ja nicht falsch. insbes. nicht, was die ns-verstrickung diverser g47-promis angeht.
    aber der rechtsrustikale baring ein 'geistesriese'? also nee.
    dass er die richter-notizen im regal verstauben ließ, ist wohl am ehesten auf die chronische amnesie des rowdie-historikers zurückzuführen.
    so 'vergisst' er ja ganz gerne, dass er sich mit seinen vorträgen vor rechtsradikalen schulungsvereinen wie der seinerzeit noch nazi-durchsetzten 'swg' oder verfassungsschutzrelevanten revanchisten-clubs wie dem 'schulverein zur förderung der russlanddeutschen in ostpreußen' mit rechtsextremisten und -terroristen wie horst mahler und ottfried hepp, mit völkisch-nationalistischen publizisten, npd'lern und 'republikanern' ins honorarredner-bett gelegt hat.
    dass er den ns öffentlich als eine art 'zugunglück' abtut und sich an einen vergleich auch des holocaust mit einem zugunfall nicht so recht erinnern will, indiziert eine form der historischen demenz, die sich von der der grass, wellershof, walser, krolow et al. nicht groß unterscheidet.

    • hairy
    • 01. Dezember 2012 11:08 Uhr

    "Daniel Kehlmann, Judith Schalansky, Wolfgang Herrndorf, Judith Hermann, Eva Menasse, Juli Zeh, Dietmar Dath, Clemens Meyer, Nora Bossong, Tilman Rammstedt"

    Vielleicht passen die Namen in eine hypothetische Gruppe 97, jedoch denke ich sofort, dass diese 97er den 47ern bei weitem nicht das Wasser reichen können.

    Eine Leserempfehlung
  2. 3. naja..

    mit dem, was Sie da zu bedenken geben, liegen Sie ja nicht falsch. insbes. nicht, was die ns-verstrickung diverser g47-promis angeht.
    aber der rechtsrustikale baring ein 'geistesriese'? also nee.
    dass er die richter-notizen im regal verstauben ließ, ist wohl am ehesten auf die chronische amnesie des rowdie-historikers zurückzuführen.
    so 'vergisst' er ja ganz gerne, dass er sich mit seinen vorträgen vor rechtsradikalen schulungsvereinen wie der seinerzeit noch nazi-durchsetzten 'swg' oder verfassungsschutzrelevanten revanchisten-clubs wie dem 'schulverein zur förderung der russlanddeutschen in ostpreußen' mit rechtsextremisten und -terroristen wie horst mahler und ottfried hepp, mit völkisch-nationalistischen publizisten, npd'lern und 'republikanern' ins honorarredner-bett gelegt hat.
    dass er den ns öffentlich als eine art 'zugunglück' abtut und sich an einen vergleich auch des holocaust mit einem zugunfall nicht so recht erinnern will, indiziert eine form der historischen demenz, die sich von der der grass, wellershof, walser, krolow et al. nicht groß unterscheidet.

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    die Charakterisierung Barings als "Geistesriese" war, wie ich eigentlich hoffte erkennbar gemacht zu haben, von Ironie nicht nur getränkt, sondern nachgerade vollgesogen.
    Von historischer Demenz ist aber auch Baring nicht frei, wie in einem Interview mit der Welt (9.5.12) deutlich wird:
    "Welt Online: Wie kam es, dass Sie noch am 16. April 45 in die HJ gegangen sind?
    Baring: Kann ja gar nicht sein."
    Und noch ein interessantes Detail aus demselben Interview: "An den Wänden des Audimax stand, ich sei ein CIA-Agent. 68 war ein großer Einschnitt." Ob die Studenten Recht hatten? Und wenn ja, kann sich wohl Baring noch daran erinnern?

  3. die Charakterisierung Barings als "Geistesriese" war, wie ich eigentlich hoffte erkennbar gemacht zu haben, von Ironie nicht nur getränkt, sondern nachgerade vollgesogen.
    Von historischer Demenz ist aber auch Baring nicht frei, wie in einem Interview mit der Welt (9.5.12) deutlich wird:
    "Welt Online: Wie kam es, dass Sie noch am 16. April 45 in die HJ gegangen sind?
    Baring: Kann ja gar nicht sein."
    Und noch ein interessantes Detail aus demselben Interview: "An den Wänden des Audimax stand, ich sei ein CIA-Agent. 68 war ein großer Einschnitt." Ob die Studenten Recht hatten? Und wenn ja, kann sich wohl Baring noch daran erinnern?

    Antwort auf "naja.."
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    stimmt. da hab ich wohl gründlich danebeninterpretiert.

  4. stimmt. da hab ich wohl gründlich danebeninterpretiert.

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