Es war im Sommer dieses Jahres, als wir im Kanton Zürich zum letzten Mal über eine Bildungsvorlage abstimmen konnten – die freie Schulwahl. Seither beschäftigt mich eine Zahl: 39,3 Prozent. Dies war nämlich die Stimmbeteiligung an besagtem Abstimmungssonntag. Seither frage ich mich, wie es sein kann, dass eine Bildungsabstimmung auf so wenig Interesse stößt. Ist Bildung doch die einzige Ressource unseres Landes und somit alles entscheidend, wenn es um die erfolgreiche und nachhaltige Weiterentwicklung der Schweiz geht.

Das politische Desinteresse ist teilweise verständlich. Nicht alle Abstimmungen sind für unsere Zukunft von größerer Bedeutung. Zudem sind wir als Stimmbürger manchmal auch schlicht überfordert. So stimmten wir diesen Sommer im Kanton Zürich über nicht weniger als elf, zum Teil sehr komplexe Vorlagen ab, drei eidgenössische und acht kantonale. Und trotzdem, auch wenn wir als Stimmbürger stark gefordert sind, müssen wir uns immer wieder bewusst machen, welches Privileg es ist, ein derartiges politisches Mitgestaltungsrecht zu besitzen. Als engagierte Bürgerin unserer partizipativen Zivilgesellschaft fühle ich mich daher nicht nur verpflichtet, wählen zu gehen, nein, ich freue mich jeweils auf die Abstimmungssonntage. Ich kann im Radio die neusten Hochrechnungen mitverfolgen, mir am Abend die Erklärungen der Sieger und Verlierer anhören und überlegen, welches Gewicht meine Stimme wohl hatte.

Am 25. November ist es das nächste Mal so weit. Wir können die Zukunft unseres Landes direkt mitgestalten, indem wir unsere Stimme abgeben. Unter anderem dürfen wir erneut über zwei Bildungsvorlagen abstimmen: die Prima-Initiative, deren Unterstützungskomitee ich angehöre, und den entsprechenden Gegenvorschlag.

Im Kanton Zürich läuft seit acht Jahren ein Experiment, das kaum jemand zur Kenntnis nimmt. Und dennoch ist es mitentscheidend für die Zukunft unseres Bildungssystems. In 27 von 171 Gemeinden wird die sogenannte Grundstufe als Schulversuch geführt. Vier- bis achtjährige Kinder lernen in der Grundstufe, welche in zwei, drei oder vier Jahren absolviert werden kann, in altersgemischten Klassen von- und miteinander. Danach erfolgt der Übergang in die zweite Primarklasse.

Am Abschied von den Jahrgangsklassen und an der Trennung zwischen Kindergarten und der erster Schulklasse hat sich eine hochemotionale Debatte entzündet. (Im Zürcher Tagesanzeiger etwa stritten zwei Kindergärtnerinnen heftig darüber, ob der Kindergarten oder die neue Grundschule das bessere Schulmodell sei.)

Der gelebte Alltag der neu erprobten Grundstufe gibt hier allerdings eine deutliche Antwort: Diejenigen, die die Grundstufe im Alltag erprobt haben, wollen sie nicht mehr missen. Und das mit gutem Grund. Denn wem leuchtet nicht ein, dass ein sechsjähriger Kindergärtner, der den gleichen Entwicklungsstand hat wie sein siebenjähriger Freund, in die dieselbe Klasse gehört, um so von- und miteinander zu lernen?

Im Grundstufenmodell entscheiden die individuelle Reife und Entwicklung eines Kindes darüber, was und wie es lernt, und nicht sein Alter. Und das ist gut so. Die Einführung ins Lesen und Schreiben orientiert sich flexibel an den Bedürfnissen und individuellen Fähigkeiten der Kinder. Das neue Schulmodell funktioniert. Einschulungsklassen fallen weg, alle Kinder erhalten die gleichen Startchancen. Die Eltern wie auch die Lehrpersonen schätzen das Modell für sich und ihren Berufsalltag.

Da ist es nicht verwunderlich, dass alle Gemeinden, die das Grundstufenmodell getestet haben, nicht mehr zum alten System mit der Trennung von Kindergarten und erster Schulklasse zurückwollen.

Bildung ist der Schlüssel für die Stabilität, Innovationsfähigkeit und den Wohlstand in unserem Land. Unzweifelhaft haben unsere Volksschulen im Vergleich mit anderen Ländern ein hohes Niveau. Dennoch müssen wir sie weiter verbessern. Wir müssen uns über Tagesstrukturen und die kantonale Harmonisierung der Schulsysteme Gedanken machen. Wir müssen eine konstruktive, auf Fakten basierende Bildungsdebatte führen, die sich an den komplexen Herausforderungen einer sich verändernden Gesellschaft orientiert. Ein Anfang ist mit der Grundstufe gemacht, und deshalb wünsche ich mir für den kommenden Abstimmungssonntag vom 25. November Folgendes: zweimal JA zur Grundstufe und eine Stimmbeteiligung von über 50 Prozent.